Ausgabe: 01 / 1996
Seite: 74-75

Tokio ist ein Roman in Bildern

Von Silke Mller

Wolfsburg: Nobuyoshi Araki Unter dem Titel "Tokyo Novelle" zeigt das Kunstmuseum eine Werkschau des japanischen Fotografen

"Fotos sind nur Kopien der Realität; das ist die einzige Wahrheit", schneb

Nobuyoshi Araki. Das war 1971, er war 31 Jahre alt, hatte in Tokio Film und Fotografie studiert,

arbeitete für eine Werbeagentur - und war entschlossen, sein Leben der

Fotografie zu widmen.

Er war wie besessen - von den Frauen, von der Stadt, vom Bildermachen. "Davor verneige ich mich", sagte er, "und mache mich selbst zur

Kopiermaschine." Bis heute ist eine unüberschaubare Menge an Fotografien, Büchern,

Magazinbeiträgen, Foto-CDs und Filmen entstanden: Araki genießt in Japan die

Berühmtheit eines Popstars. Jetzt dokumentiert das Wolfsburger Kunstmuseum die Arbeit des Fotografen mit

199 neuen Arbeiten; es ist die erste Einzelausstellung des Japaners in einem

Museum der westlichen Welt. Bislang waren die Bücher Arakis in Europa und den USA einem Meinen Zirkel von

Insidern vorbehaltenzu fremdartig erscheint vielen die Mischung aus Aktfotos und

Stadtansichten, aus Aufnahmen von Kirschblüten, Wolkenhimmeln und Katzen;

vergeblich sucht der an strenge ästhetische Konzepte gewöhnte Europäer nach

einem roten Faden. Anhaltspunkte, wie die Bilder zu lesen sein könnten, liefert der Fotograf

selbst. Er stellt sie zu Foto-Romanen zusammen und gibt ihnen Titel wie "Tokyo Elegy"

oder, wie jetzt in Wolfsburg, "Tokyo Movelle". "Die Grundidee Arakis ist", schreibt Gijs van Tuyl, der Direktor des

Wolfsburger Museums, "daß die Fotografie einen Ich-Roman darstellt." Thema der Schau ist Tokio. Mehr als 20 Bücher hat Araki über die Stadt veröffentlicht, die er vergöttert:

"Ich liebe Tokio", schwärmt er. Tokio ist Fotografie." Gezeigt wird ein Konglomerat, das um das alte Thema von Liebe, Tod und Begehren

kreist- ein wildes Nebeneinander von Glitzerreklame, handgemalten Schildern

und altmodischen Telefonen, gefesselten Schönheiten und toten Eidechsen. Ein autobiografisch geprägtes Potpourri, so widersprüchlich und verwirrend wie

die Stadt selbst. Silke Müller Zur Austellung (bis 18. Februar) erscheint ein Katalog mit 150 Abbildungen zum Preis von 42 Mark.