Ausgabe: 01 / 1996
Seite: 56-61

Die Schräge als Prinzip

Von Renate Wolff

VON Das stellt er gleich zu Anfang fest. "Ich habe verschiedene Karrieren hinter mich gebracht." Der Einfachheit haler weist er auf das verbindende Element: "Eine künstlerische Sicht ist in allen Dingen da." Vieles sei ihm in die Wiege gelegt worden. Dieses "göttliche Geschenk meiner Familie" vergleicht er mit einem "großen Kuchen, von dem ich immer noch abgeben kann". Dürfen wir auch was haben?

Stefan Wewerka - Nachfahr böhmischer Glasbläser und Töpfer, Sohn des Magdeburger Bildhauers und Barlach-Schülers Rudolf Wewerka - konzentriert sich. Der kleine, kompakte Mann sitzt kerzengerade an dem Resopaltisch in seinem zum "Schlößchen" erklärten Zwei-Zimmer-Wohnatelier in der Kölner Südstadt und befiehlt der Besucherin erst einmal, ihr Armband abzulegen. Das Geklimper mache ihn verrückt, und überdies gefalle ihm das Stück nicht besonders. Dann sagt er: "Wenn man so zu Hause an seinem Tisch sitzt, ist da ja ein Druck vorhanden." Wewerka weiß offenbar nicht, wo er den Kuchen anschneiden soll. Kein Wunder, der Mann ist ein Multi-Talent, ein Zweifler und Infragesteller, einer, der ständig Neues erprobt. Am liebsten würde er jetzt, wir spüren es, ein Taxi rufen und abhauen. Zum Bahnhof und dort gleich rein in den Zug und weg. Seit 35 Jahren reist er nämlich mit der Eisenbahn herum, den Rhein hinunter und zurück. Das Zugfahren hilft ihm auf die Sprünge, wenn er nicht so recht weiterkommt: "Die Bewegung von A nach B ist eine Entlastung." Er sitzt in der ersten Klasse oder im Speisewagen, gehört praktisch zum Inventar - "Na, Meister, wieder unterwegs?" Das Zugpersonal kennt ihn: Da ist er wieder, dieser Künstler, ewig mit Skizzenblock und Stift zugange. Stefan Wewerka, 67, ist für sein Leben gern auf Achse. Das tschechische Wort "veverka" bedeutet Eichhörnchen. Und wie ein Eichhörnchen von Ast zu Ast, so springt er von einem Thema zum anderen. Fast in einem Atemzug teilt er mit, daß er es nicht möge, wenn ein Künstler sich als Künstler präsentiere, er solle lieber wie ein Arzt aussehen; daß sein Vater rückwärts die Treppe raufgegangen sei und sein Mops, derzeit in Berlin bei seiner Frau, aufden Namem "Olgachen" höre. Wewerka scheint auch im verbalen Umgang das Bedürfnis zu haben, alles aufs schönste aus der Ordnung zu bringen. Wie er es mit den Stühlen macht. Denen ist er mit einer ganz krummen Tour gekommen. Dafür haben diese seine harmlos zur Ruhe einladenden Opfer ihn berühmt gemachtsie vor allem. Wewerka, der gelernte Architekt, schlug sie aus dem rechten Winkel. Er zersägte, zerschnitt und deformierte sie, um sie sodann mit futuristischem Schwung in dynamische Objekte zu verwandeln. Wewerka-Stühle sehen seltsam aus - ein Bein, drei Beine, fünfeckige Sitzflächen. Er hat Stühle halbiert und als Fragment an die Wand geklemmt oder vor einen Spiegel, der sie wieder ganz macht. Stühle, Stühle, weit über 100, schief und schräg und mit den Lehnen dort, wo sie normalerweise nichts zu suchen haben. Die schiefe Ebene wttrde sein Markenzeichen; so ein Stuhl kostet zwischen 40 000 und 6O OOO Mark und wundert so manchen Museumsbesucher. Wewerka sagt: "Ich bin ein Alltagsmensch. Ich wül einfach einen Alltagsgegenstand durch minimale Eingriffe oder Zutaten so verändern, daß er etwas ganz anderes wird - eine Skulptur." Er will Spannung in einen Gegenstand bringen, ihn dadurch, wie er sagt, "entgegenständlichen" und zur Kunst erheben. Der "geborene Bildhauer" (Eigenlob) betont: "Die schräge Form ist nur ein Gesichtspunkt innerhalb meines Gesamttouvres." Das (Euvre - eine kleine Zusammenfassung: Wewerka ist Architekt mit den Untergruppen Möbel-, Mode-, Glasund Porzellan- sowie Schmuck-Entwurf. Er ist Maler und Zeichner, Bildhauer und Filmer. Er hat Fotoserien gemacht und Texte verfaßt, Gedichte sogar. Auch die Pädagogik ist dem Professor an der Kölner Fachhochschule "ganz wichtig". Wir haben die Hoffnung fahrenlassen, die Allround-Begabung Wewerka möge bei jedem seiner Talente etwas verweilen, bis wir alles mitgekriegt haben. Aber er denkt nicht daran, sondern wirft uns die Stücke seines großen Kuchens alle auf einmal hin. Während wir uns einem Kinderstühlchen aus Stahl nähern, einem entzückend nach rechts verschobenen Parallelogramm- es ist gerade fertig geworden und steht verträumt in einer Schloßecke -, hören wir, wie der Künstler sagt: "Kleidung interessiert mich als Kleidung und nicht als Mode." Der Kleidermacher Wewerka, der heute zu Jeans einen von Ehefrau Ingrid gestrickten Baumwollpullover trägt und eigentlich nicht wie ein Arzt aussieht, zerrt von einer Liege im Nebenraum, wo auch das Bettchen vom Mops steht, einen von ihm gebauten Smoking aus Seidentaft - zusammenfaltbar, federleicht, ein Unisex-Modell. Es folgt ein langes Schlauchkleid, von vorne und hinten zu tragen und beliebig zu drapieren, fällt gut, sieht gut aus. "Sinnlosen Blödsinn", sagt er",mache ich nicht." Wir sehen nun einen Aschenbecher in Form eines gebrochenen Viertelkreises (Abteilung Glas) sowie die Abbildung eines Kampfrings für Damen: aus einem Stutzen ragt eine lange Woll-Nähnadel (Abteilung Schmuck)." Im Flur verstaubt ein Stilleben in Öl: rechtslastige Gefäße vor_ einem Himmel in Revolutionsrot. Zwei Ölbilder auf Pappe weisen rote oder gelbe Kompositionselemente auf, die in den Bildraum stoßen. Wewerka ruft: "Die Entstehung eines 01bildes hat mit meiner Kleidung genausoviel zu tun wie umgekehrt, müssen Sie wissen. Meine Malerei ist auch Teil der Bildhauerei und der Architektur - für mich eine Dreieinigkeit." Alle Nebengebiete wie Design und Grafik, Zeichnen und Skizzieren seien "notwendige Hilfsmittel". Jedes habe seine Bedeutong und seinen Stellenwert. Alles passiere zu seiner Zeit: "Das Entscheidende ist die Idee, sie ist das Rückgrat." Seit 1961 widmet sich Wewerka der Teilung, Zerschneidung, Verzerrung von Gegenständen des Alltags. Er hat die Anekdote in Umlaufgesetzt, der Anblick seiner Knie in der Badewanne, halb über, halb unter Wasser, optisch gebrochen, habe ihn dazu gebracht, Möbel auseinanderzusägen und umzubauen. Ein paar Dinge wie Löffel und Fünfmarkstücke versah er noch mit Scharnieren, die Trikolore mit Reißverschluß. Uhren ("Halb-Zeit") und Kameras verloren ihre andere Hälfte ganz und gar. Auf die schiefe Bahn geriet er dann-Achtung, Exklusiv-Anekdote! - nach einem Strandspaziergang in Holland. Weihnachten 1968 war das, ein stürmischer Tag. Planken, Kisten und Colaflaschen lagen vom Winde verweht, und auch er, Wewerka, sei "ganz schief' den Strand entlanggeschossen. Seitdem fing alles an, sich gegen einen imaginären Wind zu lehnen: Für den Beethoven-Film "Ludwig van" von Mauricio Kagel baute er das Kinderzimmer des Komponisten samt Nachttopf und Violine grün lackiert und schräg. Ein "Klassenzimmer" neigt sich in die Schräge, und schräge Postkarten schickt Wewerka um die Welt. Windstärke elf tost durch sein Werk, die Alltagsdinge scheinen fliegend fortzudrängen wie jene krumme Tür in Remscheid inklusive krummer Klinke - oder wie der Künstler, wenn er zum Bahnhof eilt, um in der Bewegung Probleme zu klären. Seit 1977 entwirft Wewerka aber auch vielseitig verwendbare Gebrauchsmöbel, den fächerförmigen Tisch etwa, "in Rot ein absoluter Traum", wie er versichert. Oder den "Küchenbaum": Einem Chromstamm entsprießen aufverschiedenen Ebenen Herd, Waschbecken et cetera. Mit dem übermannshohen Möbel-Monster namens "Cella" schuf er eine komplette Wohnungseinrichtung für den modernen Menschen, allerdings ohne Bad. Besonders erfreut teilte er 1979 die "Geburt" seines "demokratischen Tisches" mit, eines Tisches ohne eindeutige Ausrichtong. In den Filmen sehen wir, wie der Künstler, auf dem Kopf eine Melone, sich abmüht, das Charlottenburger Schloß in Berlin zu verschieben und den Kölner Dom umzukippen. Fotoserien mit "figürlichen Darstellungen meiner eigenen Person" zeigen Wewerka damit beschäftigt, einen Berg herunterzurollen oder schräg an einem Hang zu stehen. "Alles, was ich mache", sagt Wewerka, "ist Hobby." Er hat auch Literatur illustriert, Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften", schräg natürlich. Und er legte den Text "Die Teilung der Welt" vor. Auszug: "Die Erdkugel halbieren, beide Hälften gegeneinander verdrehen und wieder zusammenkleben... alles würde sich schlagartig verändern." Wir haben noch daran zu kauen, daß Accra nach Teilung der Welt ein Vorort von London sein würde, und fragen mit letzter Kraft; "Und Ihre Pädagogik, Herr Wewerka?" Die aktuelle Kunst betrachtet er als "modisch, festgefahren und oberflächlich". Der Professor will mit der Institotion "Kleine Kölner Malschule" vernachlässigte Fertigkeiten wie Aktzeichnen, Natur-, Landschafts- und Lichtstudien wieder stärker geübt wissen. Als Pädagoge ist er ohnehin der Ansicht, Kinder sollten erst zeichnerisch angeleitet werden und danach Schreiben und Rechnen lernen. Die Museumsinsel Hombroich bei Neuss, Heimat der Kunstsammlung des Immobilientnaklers Karl-Heinrich Müller, wird der Schule, die nicht als Gebäude besteht, als "optischer Hintergrund" (Wewerka) dienen. Die Schüler sollen den letzten Schliff bekommen, und zwar von Wewerka selbst sowie seinen Schülern Ingo Meller und Peter Tollens. Studiengebühr: um die 4000 Mark pro Semester. Dafür spricht der Dozent "unter vier Augen" mit den Studenten; im Atelier oder, bei schönem Wetter, im Park von Hombroich. Auf dem Raketenhügel in der Nähefrüher hatten dort die Amerikaner drei Pershing-Raketen installiert - soll ab Januar 1996 in leicht veränderter Form der Pavillon stehen, den Stefan Wewerka für die vorletzte documenta gebaut hat. Und zwar als Sitz der von ihm gegründeten "Europäischen Akademie der Künste" (EAK), einem Netzwerk, das Außenstellen in ganz Europa unterhalten und miteinander verknüpfen will. Zum Programm gehören Ausstellungen, Konzerte, Filme oder Vorträge aus dem Kreis der gewählten Mitglieder; "eine Auswahl allerbester Qualität auf allen möglichen Gebieten", wie EAK-Gründer Wewerka mitteilt. Die Arbeiten der Mitglieder werden in einem Archiv einzusehen sein, "dem Herzstück der Akademie". Der Mäzen Müller, der auch den Pavillon finanziert, hat bereits Wissenschaftler auf den Raketenhügel gebeten, die dort, so kündigt Wewerka an, "in einer Art Kloster forschen und wohnen". Zur Eröfihung der EAK wird er selbst den Kollegen Claes Oldenburg per Video interviewen: "Der sitzt in New York, ich im Pavillon." Ein weiterer Wewerka-Pavillon (abschraubbar, paßt in einen Lastwagen), wird demnächst über die, wie Wewerka sagt, "älteste Handelsstraße von Ost nach West" wandern. Vom Lustgarten in Berlin über Magdeburg (dem Geburtsort des Künstlers), Braunschweig, Köln, Aachen und Lüttich bis zu den Tuilerien in Paris. In dem Wanderpavillon wird eine Wewerka-Retrospektive zu sehen sein. "Ich zeige meine eigenen Sachen in meiner eigenen Architektur - das ist der Witz daran." Er freut sich. "Ich mache manchmal wirklich geniale Sachenich weiß das." Literatur zum Thema: Stefan Wewerka: Skizzen im Zug, Alexander Verlag, Berlin, 88 Seiten, 97 Abbildungen. 33 Mark. Stefan Wewerka: Bäume, Mappe mit 60 Reproduktionen, Alexander Verlag, Berlin. 48 Mark.