Ausgabe: 01 / 1996
Seite: 79
Im Dienst der Diktatur
Von Hans Pietsch
Auf der Internationalen Ausstellung 1937 in Paris wetteiferten die braune und
die rote Ideologie um die Gunst der Welt: Auf dem deutschen Pavillon von Albert
Speer thronte der Reichsadler, ein Hakenkreuz in seinen Krallen. Ihm gegenüber, auf dem nicht weniger bombastischen Pavillon der Sowjetunion,
reckten ein Industriearbeiter und eine Kolchosebäuerin siegesbewußt Hammer und
Sichel in die Luft. Und Italien trat mit Giorgio Goris Reiterstatue "Der Genius des Faschismus" an.
Fast 60 Jahre später stellt die Schau "Kunst und Macht" in der Londoner Hayward
Gallery diesen Konkurrenzkampf nach_ und während die drei Diktaturen damals
das Publikum manipulieren wollten, gelingt den Ausstellungsmachern heute etwas
ganz anderes: Sie führen vor, mit welch kultureller Arroganz die Regime die
Kunst in ihren Dienst zwangen, weil sie ihre Macht kannten und fürchteten. Nach diesem eindrucksvollen Auftakt jedoch gerät die vom Europarat finanzierte
Schau auflrrwege: Da wird die gleichgeschaltete Kunst der Diktaturen mit der
revolutionären Kunst aus Spanien konfrontiert; auch Künstler des inneren und
äußeren Widerstandes finden in der Londoner Ausstellung ihren Platz. Es mag löblich sein, die Kunst der Zeit von 1930 bis 1945 nicht nur nach
Schwarz und Weiß zu trennen; im faschistischen Italien etwa konnte sich der
Klassizismus von Mario Sironi ebenso behaupten wie die Pittura Metafisica von
Giorgio de Chirico oder die Stilllebenmalerei eines Giorgio Morandi - doch die
Trennlinie zwischcn offizieller und geduldeter oder gar verfemter Kunst müßte
schärfer gezogen werden. Deutlich wird, daß es den linken und rechten Propagandamachern von einst an
Kunstwillen und auch an Überzeugungskraft fehlte. Das hohle Pathos der heroischen Machwerke wird selbst durch zweitrangige
Arbeiten von Joan Miro und Max Beckmann mühelos entlarvt. Von Pablo Picassos berühmtem Anti-Kriegsgemälde "Guernica" ( 1937) genügt sogar
ein Foto, um Werke wie Arthur Kampfs muskelstrotzende "Venus und Adonis"
(1939) als leere Formel bloßzustellen. Huns Pietsch "Kunst und Macht: Europa unter den Diktatoren 1930 -1945". London: Hayward Gallery (bis 21.Januar). Katalog: 19,95 Pfund. Anschließend: Centre de Cultura Contemporania Barcelona (26. Februar bis 6. Mai), und Deutsches Historisches Museum, Berlin (7. Juni bis 20. August).
