Ausgabe: 01 / 1996
Seite: 72-73
Das magische Blau kommt aus Hollywood
Von Ruth Hndler
Die Galerie der Stadt zeigt eine große Rauminstallation und zehn weitere Arbeiten des 42 Jahre alten Künstlers
Fünf blaue Filterfolien, an gebogenen Mahagonischienen befestigt und treppenfönnig aufgehängt, bilden im Eingangssaal der Städtischen Galerie eine glänzende Kaskade. "Zwischenraum" nennt der in Stuttgart lebende Mikolaus Koliusis die Arbeit, mit der er die "Fülle und Leere des Raums spürbar machen" will. Durch ihre gestaffelte Anordnung deuten die blauen Flächen eine schwingende Kreisbewegung an, gleichzeitig aber grenzen sie den Raum zwischen sich aus. Im Mittelfeld verdichtet sich das Blau zu einem undurchlässigen Dunkel, nach oben und unten hin wird es transparent und eröffnet matt schimmernde Durchblicke.
Das hochwertige Folienmaterial - es starnmt aus einem in Hollywood ansässigen Zulieferbetrieb für die Filmindustrie schätzt der Künstler, weil es die "Gleichzeitigkeit von An- und Durchschauen" ermöglicht. Bereits Ende der siebziger Jahre experimentierte der gelemte Fotograf mit farbigen Filterfolien und überbelichteten Filmen; er schwenkte Kameras um die eigene Achse und untersuchte so die Bedingungen, unter denen Fotografie zustande kommt. In der Arbeit "Alle meine Lieben" gipfelten 1985 seine medienkritischen Analysen, gleichzeitig war die Installation, wie er sagt, "eine innere Abrechnung mit der Fotografie": Auf den Boden seines Ateliers stellte er in lockerer Anordnung zehn Kunststoffrahmen, statt idyllischer Familienporträts waren in den Passepartouts Streifen von Filmmaterial zu sehen, das Koliusis zuvor gegen die Regeln des Metiers mit Überbelichtungen und falschen Farben traktiert hatte. 1987 verwandelte er in seiner ersten Museumsausstellung die Kunsthalle zu Kiel mit der "lnstallation über fünf Räume" in eine poetische Landschaft. Die Oberlichtgalerie des Altbaus, in der die Malerei des 19. Jahrhunderts untergebracht ist, bespannte ermit einer 70 Meter langen und 1,34 Meter breiten Bahn aus blauer Folie. Sanft wölbte sie sich unter dem gläsernen Dach und tauchte die Gemälde in magisches Blau. Es sei ihm darum gegangen, "das Licht rumerzubringen", erläuterte der Künstler damals, der Betrachter habe durch das transparente Material "hindurchsehen und den blauen Zustand mitnehmen" sollen. Seitdem hat Koliusis nicht aufgehört, das Lob des Lichts in vielen Ausstellungen zubeschwören. Mit ellipsen- und kreisförmigen Scheiben und Folien aus farbigem Glas lehrt er das Publikum", Licht aus der Dunkelheit" zu ziehen. Es soll in die farbigen Spiegelbilder eintauchen wie in ferne Erinnerungen. "Das Wesentliche meiner Arbeiten ist es, Zeit zu isolieren", sagt er mit Nachdruck. Auch für den öffentlichen Raum fertigte Koliusis Installationen aus farbigem Glas und Folie, so ftir die Hallen des Stuttgarter Kulturzentrums Rotebühlplatz (1989 bis 1992) und für die ehemalige Zechenanlage Rheinpreußen in Moers ( 1993). Seine erste Skulptur im Außenbereich verwirklicht er nun im Januar: Aufdem Vorplatz der Universität Gießen schwebt in fünf Meter Höhe eine blaue Kugel von zwei Meter Durchmesser zwischen zwei Gebäuden. Zusammen mit einer weiteren transparenten Installation in der Eingangshalle des Gebäudes entsteht dann, so hofft Kolisius, "ein Dialog zwischen Sinnbild und Lichtbild". Obwohl der Künstler häufig rote, grüne, orange- und türkisfarbene Gläser und Folien benutzt, bleibt Blau für ihn die wichtigste Farbe: "Blau ist deswegen so interessant", erläutert er, "weil es romantisch ist und gleichzeitig abstrakt. Es bringt für mich Sinnliches und Intellektuelles zusammen, Blau ist sehr poetisch und trotzdem kalt. Und Blau bedeutet, einen Ausschnitt aus dem Lichtspektrum zu wählen." Ruth Händler Zur Ausstellung (18. Januar bis 17. März) erscheint ein 100 Seiten starker Katalog zum Preis von 38 Mark.
