Ausgabe: 01 / 1996
Seite: 79

Verdammt gut gemacht

Von Ursula Bode

Essen: Glaube, Hoffnung - Anpassung

Kunstmuseen mit bedeutendem Fotografie-Bestand arbeiten gern säuberlich nach

Sparten getrennt. Ute Eskildsen dagegen, Leiterin der Fotografischen Sammlung im Essener Museum

Folkwang, sucht seit geraumer Zeit nach interdisziplinärem Konsens - jetzt

realisierte sie ihre Vorstellungen an einem ergiebigen Beispiel sowjetischer

Kunstgeschichte: "Glaube, Hoffnung - Anpassung" ist der Titel einer mit 245

Leihgaben aus östlichen und westlichen Instituten bestückten Ausstellung

sowjetischer Bilder der Jahre 1928 bis 1945 - eine informative Schau, die ein

durchaus nicht unbekanntes Phänomen überzeugender deutlich macht als manche

Großausstellung.

Es waren Avantgarde-Künstler, die mit Hilfe der modernen Medien _ Fotografie,

Montage und Film - ihre Utopien in die Stalinzeit überführten. Es war Revolutionskunst, die unter der Doktrin des Sozialistischen Realismus

zur Propaganda wurde, ohne daß sie ihre formalen Ursprünge verleugnet hätte. "Die Aufnahme einer neu erbauten Fabrik", schrieb der Konstruktivist Alexander

Rodtschenko 1930, "ist für uns nicht einfach die Aufnahme eines Gebäudes. Die neue Fabrik ist ein Faktum des Stolzes und der Freude über die

Industrialisierung des Landes der Sowjets, und das ist es, was wir finden

müssen: wie dies zu fotografieren ist." Die Schau - organisiert von der in New York lebenden russischen

Kunsthistorikerin Margarita Tupitsyn - dokumentiert am Beispiel von

Fotoarbeiten, Plakaten und Filmen die Umwandlung einer Bildsprache parallel zu

den sozialpolitischen Zielen einer neuen Gesellschaft. Die gegenstandslose Welt der Revolutionskunst ging auf dem Weg dreier

Fünfjahrespläne verloren. Was sich zunächst als Auseinandersetzung mit dem Alltag und als künstlerischer

Kommentar zum Aufbau des Landes verstand nützte bald vor allem dem Personenkult

und der staatlichen Machtdemonstration. Was blieb, war ein ausgeprägtes Geflihl für formale Klarheit und moderne

Botschaften. Im Verhältnis zum bildnerischen Raffinement eines Rodtschenko, einer Warwara

Stepanowa oder eines Gustav Klucis sind die Beispiele sowjetischer Malerei

blödsinnig harmlose Verflihrungen. Zwar schätzten die Machthaber die Kunst der linientreuen Realisten höher ein

als die politisch engagierten Fotoarbeiten der einstigen Avantgardisten _ doch

konnten sie gerade auf die weitreichende Ausstrahlung der Massenmedien nicht

verzichten. Die Ausstellung illustriert präzise die "Umgestaltung des Künstlers"

(Rodtschenko) als bewußte Anpassung an eine als sinnvoll erachtete neue

Wirklichkeit. Bleibt die Frage, wie weit man Propagandakunst dieser Art bewnndern kann, nur

weil sie so verdamtnt gut gemacht ist. "Glaube, Hoffnung _ Anpassung". Museum Folkwang (bis 7. Januar). Katalog; 38 Mark. Die Ausstellung ist anschließend im Württembergischen Kunstverein Stuttgart (

15. Februar bis 7. April) und im Instituto Valenciano de Arte Moderna in Valencia (25. April bis 23. Juni) zu sehen.