Ausgabe: 01 / 1996
Seite: 78
Jeder sucht sich eine eigene Nische
Von Horst Christoph
"Ich bin die fesche Lola, der Liebling der Saisong... "Groß ist sie schon, die Versuchung, gleich überzulaufen zu Marlene Dietrich, ihren traumhaften Klamotten und atemberaubenden Filmszenen, mit denen sich 50 deutsche Künstler der neunziger Jahre den ersten Stock der Bonner Ausstellungshalle teilen. Doch keine Angst vor der neuen und meist jungen Kunst, sie beißt schon nicht _ im Gegenteil.
Schön appetitlich sind die pralle Aubergine, der glänzende Paprika und die knackige Karorte, die David Janeöek in großen Fotos an die Wand gehängt hat. Filigrane Stickereien und eine silberglitzernde Vitrine von Ulrike Schröter lassen Staunen an der fleißigen Detailarbeit aufkommen. Und selbst Frank Kästners Kehricht aus dem Staubsauger kriecht penibel verstreut die steile Treppe hinunter. Kalkuliert, drapiert, plaziert_ die Jungs und Mädels kennen sich aus, in der Minimal Art, in der Konzept- und Computerkunst. Sie wühlen im Materialfundus von Filz und Foto, von Draht und Dreck, von Gips und Beton, und sie verehren ihren Beuys, ihren Cragg, ihren Twombly oder ihre Trockel. Viel Fleiß und Sorgfalt stecken hinter vielen der Arbeiten. Brigitta Weber pinselt Jahr für Jahr das gleiche Tal mit seinen Hügeln und Wiesen und blühenden Bäumen. Achim Sakic strichelt immer neue Vitrinen voller möglicherweise bedeutungsschwerer Sammelstücke. Das meistbestaunte Stück der Ausstellung aber ist zweifellos Mariella Moslers Bodeninstallation, ein Ornamenten-Relief, ausgelegt als Teppich aus Quarz-Sand: Ordnung und Vergänglichkeit, ästhetisch und symbolschwer. Da wird vor allem eines deutlich. Nach wie vor - oder mehr denn je? - beharren diese Künstler auf der persönlichen Erfindung, dem wiedererkennbaren Markenzeichen, doch steckt dahinter mehr der originelle Einfall als eine konsequente Haltung: Man setzt sich in Nischen fest, statt Positionen zu beziehen. Immerhin findet die Schau an quasi-offiziellem Ort statt, in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland an ihrem Noch-Regierungssitz Borm, und sie ist die offizielle Ausstellung des Deutschen Künstlerbunds. Man mag über die Prominenz der rund 500 in diesem Verband vertretenen Künstler diskutieren, aber man muß den kunstpolitischen Anspruch des Vereins anerkennen - jedenfalls ich als Österreicher, der ich täglich erlebe, wie unsolidarisch, neidisch und in Cliquen verbandelt die Künstler auftreten und wie leicht sie's damit den Politikern machen, sie abzuschasscln, zu verspotten und auszugrenzen. So lautstark aber der Deutsche Künstlerbund e. V im Verteilungskampf um die öffentlichen Mittel auftritt, so konsequent er gegen die "Rückzugsmentalität bei den Kulturträgern" wettert, so zögerlich hat er sich nun doch dort verhalten, wo's um die Inhalte der Kunst ging. In einem komplizierten, nicht nachvoIlziehbaren Verfahren wurden da vom Vorstand des Künstlerbunds zunächst 50 Künstlerinnen und Künstler - wenige davon international bekannt, manche nur von regionaler Bedeutung - zu "Mentoren" ernannt, die ihrerseits je einen Künstler oder eine Künstlerin fürdie Ausstellung nominierten. Ihre Begründungen sind im Ausstellungskatalog zu lesenteilweise rührend gelegentlich kurios, in der Summe nichtssagend. "Steffen Volmers Arbeiten sind unspektakulär, verschlossen, grüblerisch", schreibt etwa Michael Morgner. "Warum ich Tobias Gerber für diese Ausstellung vorschlage, das sollten Sie selbst herausfinden", mahnt uns Alf Schuler. Daß die "hundert Augen" (Katalogvorwort) der Mentoren einen "scharfen Blick" (Ausstellungstitel) ergäben, blieb ein frommer Wunsch. Der Rundum-Blick ist vorsichtig, beliebig, stumpf. Stolze Papas und Mamas - Durchschnittsalter 48, in der Mehrzahl Lehrer an Kunsthochschulenpräsentieren da wohlgeratene Kinder, meist Knaben, immerhin 14 Mädchen. Was dabei herauskommt, ist keineswegs immer langweilig, aber auch fast nie aufregend: ein wohlsortiertes Kuriositätenkabinett. Wer gehofft hat, von den 50 ausstellenden Künstlerinnen und Künstlern etwas über ihr Land, dessen Gesellschaft und dessen Zustand im Jahr 1995 zu erfahren, wird sich nach dreistündigem Rundgang enttäuscht Marlene Dietrich zuwenden. "Scharfer Blick. Der Deutsche Künstlerbund in Bonn 1995" (bis 28. Januar). Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland Bonn. Der Katalog mit 246 Seiten kostet 35 Mark.
