Ausgabe: 01 / 1996
Seite: 106

Für viele Galeristen sind zehn Tage eine lange Durststrecke

Von

Messen 1; Besucherrekord auf der 29. "Art Cologne"

Keine Riesengewinne und dennoch Rekorde - die Bilanz der 29. "Art Cologne" liefert Stoff für Diskussionen, die bereits während der Messe die Teilnehmer polarisierten: 349 Galerien gegenüber 323 im Vorjahr nahmen teil, 81 000 Kunstinteressierte - 9000 mehr als 1994besuchten die Messe, die von sieben auf zehn Tage verlängert worden war.

Zufrieden äußerte sich Karsten Greve aus Köln, der mit Verkäufen von 18 000 bis zwei Millionen Mark seine "beste Messe seit Jahren" meldete. Sein Düsseldorfer Kollege Hans Strelow dagegen meinte, die Galeristen müßten sich von den spektakulären Preisen der achtziger Jahre verabschieden. Er verkaufte Bilder von Ulrich Erben, Michael van Ofen und Raimund Girke zwischen 4200 und 100 000 Mark. Auch die junge Kunst in Halle 5 stieß aufreges Interesse. Sophia Ungers aus Köln verkaufte Bilder von Karin Kneffel für jeweils 10 000 Mark. Bilder von Andreas Schön erzielten bei Tabea Langenkamp (Düsseldorf) Preise zwischen 6000 und 11 000 Mark, und Jay Jopling (London) verdiente sich seine Messeteilnahme allein durch den Verkauf etlicher Rund-Gemälde von Damien Hirst zuje 40 000 Mark. Doch der Messemarathon machte vielen auch zu schaffen: "Am Ende hatte ich kaum mehr Kraft, die Leute anzusprechen", sagt etwa Andree Sfeir-Semler aus Kiel. Die Galeristin vermittelte in den ersten Tagen eine Drahtplastik von Günter Haese für 25 000 Mark und für 30 000 Mark die "Aphrodite" von Ian Hamilton Finlay, aber die Papierinsel von Andreas Bee für 9000 Mark fand keinen Liebhaber. Auch Brigitte March aus Stuttgart schloß die meisten ihrer Geschäfte in den ersten Tagen ab. Arbeiten von Les Levine und Patrick Raynaud brachten ihr die Kosten herein - den "Sonderbeauftragten", einen ausgestopften Hirsch von Gloria Friedmann für 55 000 Mark, mußte sie wieder einpacken. "Das Schicksal", eine zwölfteilige Tonarbeit von Thomas Stimm, die bei Zielke (Berlin) für Aufsehen sorgte, blieb bei einem Preis von 25 000 Mark ebenfalls unverkauft. Bärbel Grässlin aus Frankfurt empfand die Verlängerung der Messe als geradezu "mörderisch". Zwar verkaufte sie ein Werk von Imi Knoebel für 60 000 Mark, einen Stuhl von Franz West für 22 000 und zwei Bilder von Markus Oehlen für insgesamt 20 000 Mark - der Gewinn jedoch, so meinte die Galeristin, stehe in keinem Verhältnis zu den Ausgaben: "Irgendwo müssen wir ja auch Geschäftsleute bleiben." Bärbel Grässlin gehört zu den rund 60 Galeristen, die neben der Verkürzung der Messe ihre Verkleinerung und Verlegung auf einen günstigeren Termin fordern und andernfalls mit dem Ausstieg drohen. Kollegen wie Anthony d'Offay, die Waddington Galerie und Annely Juda aus London haben den Forderungskatalog unterschrieben, auch Monika Sprüth aus Köln und Bernhard Wittenbrink aus München, Vorstandsmitglied im Bundesverband Deutscher Galerien (BVDG), schlossen sich an. Gerhard F. Reinz, der Vorsitzende des Galeristenverbands, sieht der konzertierten Aktion gelassen entgegen. Der BVDG habe eine Befragung der Teilnehmer wie der Besucher veranstaltet, deren Ergebnis er abwarte. "Es gibt kein Patentrezept", sagt Reinz, "die Kritiker haben selber keine Vision." Carmela Thiele