Ausgabe: 02 / 1994

Pannen und Peinlichkeiten

Berlin: first europeans

Steinzeitliche Grabungsfunde mit Werken von 14 Medienkünstlern zu konfrontieren - das ist schon gewagt.Die Dramaturgie der Schau in der Orangerie des Charlottenburger Schlosses trägt ihren Teil zum Schock-Effekt bei: Vom vorgeschichtlichen Grabmal hin zu Nam June Paiks Videoskulptur "Darwin" von 199 1 ist es nur ein Schritt.Doch was die Organisatoren vollmundig "Dialoge" nennen, entpuppt sich als kuriose Kollektion aus Mißverständnissen, Pannen und Peinlichkeiten.Die vermeintlich kostbaren Urzeitfünde sind größtenteils Attrappen, und im Begleittext wird allen Ernstes behauptet, der prähistorische Warenaustausch sei der Vorläufer des europäischen Binnenmarktes.

Ähnlich nachlässig ist der Umgang mit den "modernen Visionen".Art das kreative Genie Paiks reicht keiner heran: Platt und plakativ wirkt die Arbeit des in New York lebenden Deutschen Ingo Günther, der in seinem "Sowjetisch-Amerikanischen Seitenblick" von 1 988 zwei Satellitenbilder kombiniert, um auf die unterschiedliche Weltsicht der Systeme anzuspielen.In der Installation von Ulrike Gabriel hätten die Besucher durch Körperbewegung ein Computerbild manipulieren sollen, doch die Technik funktionierte nicht. Dafür aber hat der künstlerische Leiter der Ausstellung, Oliver Schwarz, immerhin sein eigenes Werk unbescheiden zwischen Paik und den Schweizer Maschinenkünstler Jean Tinguely gedrängt: ein marginales Video-Schmankerl auf 14 Bildschirmen - der Kunst tut man damit keinen Gefallen. Lediglich der documenta-Teilnehmer Matt Mullican sorgt mit den geometrischen Strukturen seiner simulierten Stadtanlagen in der Lichtkasten-Installation "Five into One (Virtual Reality City)" für einen bleibenden Eindruck.Das Berliner Publikum jedoch läßt sich damit allein auch nicht anlocken: Die Orangerie ist gähnend leer. Ulrich Clewing "first europeans".Berlin, Große Orangerie des Schlosses Charlottenburg, bis 18.Februar, unterstützt von RTL.Katalog: 30 Mark

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