Ausgabe: 12 / 1994
Seite: 124-125

Aufbruch zum Parademarsch der Malerei

Von Ruth Hndler

Heidelberg: Wilhelm Trübner

Mit rund 120 Gemälden zeigt die große Retrospektive des Kurpfälzischen Museums Werke aus allen Schaffensphasen des deutschen Malers (1851 bis 1917), der aus dem Kreis um Wilhelm Leibl hervorging Seine Gemälde fehlen in keiner wichtigen Ausstellung zum Aufbruch der deutschen Malerei in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts.Sie sind in fast jeder Publikation zum Kreis um Wilhelm Leibl oder zum deutschen Impressionismus abgebildet.Einen monografischen Überblick über das Werk von Wilhelm Trübner aber hat es seit 43 Jahren, seit den Ausstellungen in Heidelberg und Karlsruhe zum 100.Geburtstag des Künstlers, nicht mehr gegeben.

Grund genug für das Kurpfälzische Museum, die jetzige Retrospektive besonders opulent auszurichten: Das Institut in Trübners Geburtsstadt Heidelberg, das selbst zahlreiche Gemälde des Künstlers besitzt, hat neben wichtigen Leihgaben aus den großen Museen Deutschlands auch bedeutende Stücke von privaten Leihgebern zu einem Überblick versammelt, darunter fünf Selbstbildnisse und weitere Werke aus der Kollektion von Trübners Enkel in den USA, die seit den zwanziger Jahren hierzulande nicht mehr zu sehen waren. Trübner, der aus einer Heidelberger Goldschmiedefamilie stammt, hat sich schon in sehr jungen Jahren den fortschrittlichen Kreisen der deutschen Malerei angeschlossen.Nach Studien in Karlsruhe, München und Stuttgart machte er als Zwanzigjähriger in Bernried am Starnberger See die Bekanntschaft von Wilhelm Leibl und folgte dessen Rat, die Akademie zu verlassen und in der Gemeinschaft gleichgesinnter Maler wie Carl Schuch oder Hans Thoma weiterzuarbeiten.Mit ihren Attacken gegen die repräsentative Kunst und das wirklichkeitsgetreue Abbild, mit ihrem starken Interesse an den formalen Aspekten der Malerei, die über die inhaltliche Darstellung triumphieren sollten, wurden Trübner und seine Weggenossen, wie der Kunsthistoriker Klaus Rohrandt in seinem Katalogbeitrag schreibt, zu einer "frühen avantgardistischen Gruppierung". Als "reinkünstlerisches Prinzip" feierte Trübner die Technik, das Motiv aus pastosen Pinselflecken und gegeneinandergesetzten Farbflächen zu erarbeiten; in seinen Gemälden aus den siebziger Jahren des 19.Jahrhunderts - wie "Auf dem Kanapee" oder "Rauchender Mohr" - zeigt sich seine frühe Meisterschaft. "Jeder Vorwurf ist interessant", notierte der Maler später zur Wahl seiner Themen."Und selbst der unbedeutendste bietet des Interessanten genug für die Malerei; je einfacher der Gegenstand, desto interessanter und vollendeter kann ich ihn malerisch und koloristisch darstellen." Bis auf einen Ausflug in die dramatische Themenwelt der Historienmalerei blieb Trübner diesem modernen Kunstverständnis treu: Stilleben und Landschaften, Genrebilder und Porträts - die Gattung, die ihm der "Parademarsch der Malerei" war - sowie seine immer wiederkehrenden "Reiterbildnisse" malte er in distanzierten Kompositionen, deren Temperaturallein die offene Pinselschrift, die zunehmende Vereinfachung der Formen, die Rhythmen der Flächen und Bänder und die differenzierten Tonwerte bestimmen. "Sachlich und rationell, mit der Gelassenheit des Unbeteiligten; ein abgekühlter Courbet", charakterisierte der Kunstschriftsteller Julius Meier-Graefe dieses "seltene Exempel des Deutschtums".Den entscheidenden Schritt in Richtung Abstraktion jedoch, wie ihn sein Altersgenosse Adolf Hölzel ging, hat Wilhelm Trübner niemals vollzogen.Zur Ausstellung (10.Dezember bis 19.Februar 1995) erscheint ein 320 Seiten starker Katalog zum Preis von 40 Mark.Zweite Station ist die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München (10.März bis 21 " Mai 1995).