Ausgabe: 12 / 1994
Seite: 114-117
In den roten Zeiten fanden die Ausstellungen im Wohnzimmer statt
Von Angelika Kindermann
Berlin: "Der Riß im Raum" Kiel: "Selbstidentifikation"
Den Blick nach Osten lenken zur Zeit zwei große Ausstellungsprojekte: Im Berliner Martin-Gropius-Bau sind 250 Arbeiten polnischer, slowakischer, tschechischer und deutscher Künstler zu sehen.Die Kieler Stadtgalerie gibt einen Einblick in die St.Petersburger Kunstszene
Im Sommer 1981 fuhren Joseph Beuys, seine Frau Eva und die Tochter Jessyka mit einem Transporter nach Lodz.Auf dem Dach des Wagens lag eine große, sorgsam verschnürte Holzkiste, gefüllt mit beinah 1000 Arbeiten des deutschen Künstlers.Kiste und Inhalt waren ein Geschenk, das Beuys dem Museum Sztuki, einem der wichtigsten Ausstellungshäuser für moderne Kunst in Osteuropa, wenige Monate vor Ausrufung des Kriegsrechts in Polen persönlich überbrachte. Einige Stücke, überwiegend Grafiken und Zeichnungen, die im Zuge der Aktion "Polentransport 1981 " nach Lodz kamen, sind jetzt im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen, wo Ausstellungsmacher Matthias Flügge künstlerische Positionen vereint, die von "Aufrichtigkeit, Verantwortung und Unabhängigkeit von ästhetischer Doktrin" bestimmt sind. Insgesamt 250 Werke von 49 Malern, Bildhauern, Video- und Objektkünstlern aus Deutschland, Polen, der Tschechischen und der Slowakischen Republik wurden von einem Kunsthistoriker-Team für die Schau "Der Riß im Raum" ausgewählt."Wir bieten keine weitere vergleichende Überblicksausstellung nationaler Sonderwege", umschreibt Flügge sein Programm, "sondern versuchen, wichtige Entwicklungen in der Kunst von 1945 bis heute in einem mental, intellektuell und politisch zerissenen Raum aufzuzeigen."Renommierte Häuser, darunter das New Yorker Guggenheim Museum, haben Leihgaben für das von der Guardini-Stiftung veranstaltete Berliner Projekt zur Verfügung gestellt.Neben Joseph Beuys sind Tadeusz Kantor, Stanislav Kolibal, Magdalena Jetelova (ART 9/1988) und Miroslaw Balka mit Arbeiten vertreten.Beachtung fanden auch wenigerprominente Künstler wie der Prager Karel Malich, dessen Drahtskulptur"Ich beobachte einen Riß im Raum" (1979) der Schau ihren Titel gab. In dieser Ausstellung, so erklärt Flügge, "geht es um Arbeit an Geschichte, um Erinnerung und um soziales Engagement" um Motive, die im Werk des Polen Andrzej Wroblewski eine wesentliche Rolle spielen.Eine "lesbare Kunst für breite Gesellschaftskreise" war das Ziel des außerhalb seiner Heimat völlig unbekannten Malers, der 1957 im Alter von 30 Jahren unter ungeklärten Umständen starb.In naiv-realistischen Gemälden setzte er sich mit sozialen Themen, vor allem aber mit dem Terror der nationalsozialistischen Besatzer auseinander.Obwohl seine Bilder dem sozialistischen Realismus nahestanden, hatte Wroblewski bei den stalinistischen Machthabern keinen Erfolg. Auf offizielle Ablehnung stießen bis vor kurzem auch viele der Kunstwerke, die jetzt in einer umfangreichen Schau in Kiel präsentiert werden: In der Stadtgalerie im Sophienhof macht die Ausstellung "Selbstidentifikation", die im Rahmen der schleswig-holsteinischen Kulturinitiative Ars Baltica stattfindet, mit der St.Petersburger Kunstszene von 1970 bis heute bekannt. 300 Werke - Grafiken, Fotografien, Gemälde, Installationen sowie Filme und Videobeiträge - geben einen Einblick in das Kunstleben der zweiten russischen Metropole, die lange im Schatten Moskaus stand.Die west-östliche Gemeinschaftsproduktion räumt den aktuellen Strömungen in der Kunst viel Platz ein.Mit düsteren Bildern und radikalen Filmen schockieren etwa die "Nekrorealisten": Der Tod ist das zentrale Motiv dieser jungen Künstler, die sich provokativ zu Stumpfsinn, Idiotie und Gewalt bekennen.Im Gegensatz zu ihnen greifen die "Neoakademisten" wie Timur Novikov und Georgij Gur'janov in ihren plakativen, oft dekorativen Arbeitenbevorzugt auf mythologische Motive zurück und feiern den schönen Menschen. Ein eigenes Kapitel widmet die Kieler Ausstellung den St.Petersburger Fotokünstlern; Viktoria Bujvids mit Häkelspitze gerahmte Porträt-Aufnahmen oder Lena Livs düstere Foto-Installation "Kinder aus Genua" (1990) sind für das westliche Publikum "absolute Neuheiten", erklärt Kuratorin Kathrin Becker. Einen Blick zurück in die siebziger Jahre gewährt eine eigens für die Schau rekonstruierte "Wohnungsausstellung" Zwischen Möbeln und Geschirr breiten der Kunsthistoriker Vladimir Perts und der Künstler Anatolij Belkin zeitgenössische Werke aus - und erinnern an jene Zeit, als die nichtoffizielle Kunst im damaligen Leningrad in private Räume verbannt war. Zur Berliner Ausstellung (bis 5.Februar) erscheint ein 350 Seiten starker Katalog zum Preis von 38 Mark.Weitere Stationen; "Galeria Zacheta", Warschau ( 13.März bis 18.April), und "Galerie der Hauptstadt Prag" (19.September bis 19.November).Zur Kieler Schau (bis 15.Januar) erscheint ein 340 Seiten starker Katalog zum Preis von 50 Mark, weitere Stationen; Berlin, Haus am Waldsee (3.Februar bis 19.März), Oslo, Nationalmuseum für Gegenwartskunst (8.April bis 15.Mai), Sopot, Staatliche Kunstgalerie (17.Juni bis 13.August), und St.Petersburg, Zentraler Ausstellungssaal Manege (18.November bis 2.Dezember).
