Ausgabe: 12 / 1994
Seite: 89-91
Zur Hölle, ich gehe nach Brooklyn
Von Eva Windmller
Schlechte Zeiten für Künstler, das hört man in der New Yorker Kunstszene jetzt öfter, müssen nicht
unbedingt schlecht sein für die Kunst.Im Gegenteil!Was hat uns der Goldrausch der achtziger Jahre denn vornehmlich beschert?Astronomische Preise.Mega-Formate für Bankfoyers und Sammler aus Japan.Smarte Anlageberater.Noch smartere Galeristen.Eine neue Generation von Armani-Bohemiens.Die Cicciolina-Show des Porzellan-Konditors Jeff Koons.Das konnte ja nicht gutgehen.Da war der Kunstmarkt-Crash vorprogrammiert. "Plötzlich redete jeder über Künstler wie über Rock-'n'-Roll-Stars", erinnert sich Joe Fyfe, 42, vor einem seiner monochromen Foto-Gemälde in Öl und Wachs."Ich kam mir vor wie in Hollywood.Nach einem Krach mit meiner Galeristin hab' ich gesagt, zur Hölle damit!Ich gehe nach Brooklyn!"Auf einem Industriegelände am Rande der Marine-Werft von Clinton Hill bezog er für 800 Dollar im Monat (in Manhattan hätte er dafür 2000 zahlen müssen) die obere Etage einer ehemaligen Textilfabrik, die er zur Hälfte an einen Kollegen untervermietete. Das war vor zehn Jahren.Seitdem hat sich in Brooklyn eine Art Gegenkultur entwickelt, deren herausragendes Merkmal das Understatement ist.Draußen auf der Flushing Avenue rumpeln die Laster über den lädierten Asphalt.Fußgänger kommen hier nicht her, nicht mal zum Einbrechen.Aber die Isolation habe auch ihr Gutes, sagt Fyfe: "Die Arbeit wird interessanter als der Kunstbetrieb."Ihn beschäftigt das multimediale Phänomen der abgelichteten Realität, die vielen Menschen bereits authentischer erscheint als das Leben selbst.Konsequenterweise porträtiert er nur, was er zuvor fotografiert hat.Seinen Versuch, Blumen nach der Natur zu malen, möchte er nicht wiederholen. Es klingt so schön trendy, wenn die "New York Times" über "the art world's new bohemia", die "neue Boheme der Kunstszene", in Brooklyn berichtet.Wer sich aber dort zurechtfinden will, muß eine sehr gute Straßenkarte haben und sozialromantische Erinnerungen an idyllische Künstlerviertel rasch vergessen.Brooklyn ist nicht Manhattan.Es gibt nicht die Geschlossenheit ethnischer und gewerbetypischer Quartiere mit Charakter, die von der Boheme erobert werden könnten wie Greenwich Village, SoHo, Tribeca oder das East Village.Brooklyn ist ein Riesen-Stadtbezirk mit 2,5 Millionen Einwohnern, der seine Künstler verschluckt. Denen ist das nur recht.Nach dem Massensterben der Galerien auf sich selbst zurückgeworfen, brauchen sie Ruhe zur Planung von Überlebensstrategien.Eine junge Garde von Malern, Bildhauern, Fotografen, Video- und Performancekünstlern schickt sich an, mit den ästhetischen Mitteln unserer Zeit auf die Welt zu reagieren, statt immer nur zu überlegen: Verkauft sich das?Kommt das an?Die "nouveaux poor", die "neuen Armen", wie man sie nennt, sind realistisch, arbeiten hart und haben Brotberufe als Kellner, Tischler, Anstreicher oder Teilzeit-Kunsterzieher am College.Wenn es eine Erneuerung der New Yorker Kunstszene geben sollte, wird sie von unten kommen, nicht von oben. Wir fahren - auf Umwegen, da zunächst in falscher Richtung - zu Cad Fudge, einem umtriebigen Engländer, der sich mit ausgetüftelten Papierarbeiten schon einen Namen gemacht hat.Carl ist 31 " also "over the hill", also "jenseits", wie er anmerkt.Geburtsort London, Studium in Brighton und Kansas City, Master-of-Fine-Arts-Abschluß in Philadelphia.Dort fiel er 1991 durch eine begehbare Installation von Leinen-Siebdrucken mit dem Titel "Das letzte Abendmahl" auf.Seitdem ist er besessen von Albrecht Dürer. 1992 begann er, Reproduktionen der "Auferstehung" und der "Apokalypse" in Hunderte von Quadraten auseinanderzuschneiden, um sie zu abstrakten Designs wieder zusammenzufügen. "Unglaublich, was man da alles entdeckt", sagt er enthusiastisch."Verborgene Bilder innerhalb einer Komposition.Verborgene Gesichter im Faltenrand der Kissen." 1993 grüßt 1523 : Carl Fudge druckt Dürer neu und variiert dabei die rationale Formsprache in einem "systematischen Chaos von Repetitionen".Vielleicht, so überlegt er, hätte Dürer genau das gleiche getan, wenn er heute leben würde. Die bürgerliche Reihenhauswohnung, für Werkstattzwecke denkbar ungeeignet, ist eine Konzession des aufstrebenden Fudge an die Ehe mit einer aufstrebenden Kunsthändlerin.Seine Sucht nach New Yorker Kaputtheit hatte er vorher in der stillgelegten Schlachthalle einer Fleischfabrik ausgelebt.An heißen Sommertagen stand der Betonfußßboden unter Wasser, weil der darunterliegende Gefrierraum noch in Betrieb war.Ist so ein Leben nicht manchmal zu hart?"Für die Älteren Ende Vierzig sicher.Die Jungen finden's spannend.Wenn du jung bist, hast du nichts zu verlieren.Alles ist möglich." Nächster Stop "Dumbo", wie der New Yorker mit seinem Abkürzungstick den Down-under-Manhattan-Bridge-Overpass, die Gegend am Fuß der großen Manhattan-Brücke, nennt.Rush-hour.Über uns brausender Verkehr.Vorne ein Lagerhaus im Umbau.Neben dem Eingang ein Gewirr von Drähten, an denen Klingeln befestigt sind oder Nägel, Brettchen draufgespießt, Glocke dran, man muß sich den Hals verrenken, um Namen zu entziffern.Der Lastenaufzug bringt uns zu Grace Roselli, einer strahlend schönen Italo-Amerikanerin Anfang Dreißig in schwarzer Yamaha-Montur, die sich als Body Artist bezeichnet. Der Körper als Kunstobjekt: Sie setzt sich in schwarze Farbe und druckt den Hintern in Serie auf Papier.Weibliche Genitalien sind ein wichtiger Bestandteil ihrer Kunst.Für eine Fotoserie gibt sie, braun angestrichen, Einblicke in die Vulva frei.Ein anderes Foto zeigt sie mit einem chromberingten Badezimmerschlauch, den sie dazu benutzt, eine oral-vaginale Verbindung herzustellen. Tätowierungen faszinieren sie.Besonders die alten Stammestätowierungen der Naturvölker."Das ist Kulturgeschichte", sagt sie voll Eifer, "von den prähistorischen Anfängen bis zu den Comics."Auf einem Plastiktisch wartet eine Kollektion künstlicher Schamhaarbüschel darauf, in abstrakte Acryl-Akte integriert zu werden.Zwei Katzen streichen durchs Studio.In einem verhangenen Käfig knurrt eine Mischung aus Boxer und Setter."0 mein Gott", ruft Grace Roselli, "in einer Stunde muß ich Essen ausfahren mit meinem Freund, und sieh dir meine Hände an!Sie sind voller Farbe!"Nachts ist es hier sehr still.Hat sie keine Angst, allein aus dem Haus zu gehen?"Ach wo", sagt sie."Mein Pitbull beschützt mich ja." Wir fahren weiter nach Williamsburg, im Norden von Brooklyn.Dort leben, in der weiteren Umgebung der orthodoxen Juden, die meisten der manhattanmüden Künstler, ein paar hundert mögen es sein, da muß es doch eine Szene geben.Amy Sillman, Bewohnerin eines modernen Wohnateliers, schüttelt den Kopf und lacht.Sie ist eine handfeste Frau mit reichem Unterbewußtsein, das sich in Bildern zwischen Dali und Disneyland entlädt, lehrt zweimal die Woche am Bennington College in Vermont, organisiert Ausstellungen und Gemeinschaftsprojekte. Dem Mythos der Brooklyn-Gemeinschaft mißtraut sie: "Natürlich ist es nett, wenn immer Leute da sind, mit denen man reden kann.Aber man sollte das nicht ideologisieren.Wenn mir jemand ein Studio für 300 bis 400 Dollar in Manhattan anbieten würde oder einen Vertrag mit Mary Boone, wäre ich sofort drüben.Aber wir haben ja gesehen, was Ruhm aus Künstlern machen kann, denen das Herz in der Brieftasche schlägt.Ich bin ganz froh hier.Ich führe ein normales Leben, hab' einen Job, und ich male Bilder.Manchmal verkaufe ich eins."Ihre Schüler warnt sie: Die Zeiten, da man sich ausschließlich von der Kunst ernähren könne, lebenslang, womöglich noch als Berühmtheit, die seien vorbei."Wenn ihr's zehn Jahre schafft, ist das viel."Aber das will natürlich keiner hören. Small is beautiful in Brooklyn."Mikro"-Galerien tun sich in Ateliers und Wohnzimmern auf- in Greenpoint das "Four Wall Studio" mit monatlichen Podiumsdiskussionen, in Cobble Hill der Sonntagnachmittags-Salon "Arena".Barbara Gallucci hat dort, mit Blick auf Manhattan, eine ihrer klaren Installationen aus kariertem Tapetenpapier aufgehängt."Obwohl sich die Leute mit stilleren Arbeiten noch schwertun", sagt sie, "das Bombastische wird langsam als peinlich empfunden." Ihr Ehemann Charles Long, ein Bildhauer, der hochästhetische Oberflächen durch Gummischläuche, Plastiksplitter, Leuchtschriften und Elektronenmusik verfremdet, hat den Computer entdeckt.Ihn fasziniert die Möglichkeit, Skulpturen durch einen Tastendruck größer, kleiner, dicker oder dünner zu machen.Aber er weiß auch: Das wirklich Umwerfende wird von den Kids kommen, die heute heranwachsen.In seiner Jugend habe es als Höhepunkt der Avantgarde gegolten, ein Rind in zwei Hälften zu spalten.Amüsiertes Lächeln."Wir befinden uns am Ende einer Ära", sagt er."Wir sollten lernen, das zu genießen."
