Ausgabe: 12 / 1994
Seite: 92-96
Sie geben der Szene neuen Schwung
Von Susanne Lingemann Martha Cooper
Die einen wollen mit ihrer Kunst in die Museen, die anderen setzen auf intelligente Streitkultur Als umtriebige Galeristen, millionenschwere Händler, pfiffige Kunst-Aktionisten und clevere Berater agieren sie auf der New Yorker Bühne.ART-Korrespondentin Susanne Lingemann und Fotografin Martha Cooper haben wichtige und vergnügliche Kunst-Enthusiascen porträtiert
Larry Gagosian Larry Gagosian, 46, ist der Donald Trump unter New Yorks Galeristen- ein Verkaufstalent, das sich vor allem als Zwischenhändler einen Namen gemacht hat.Keiner konnte auf dem überhitzten Markt der achtziger Jahre die Kunst anderer Leute, seien es Sammler oder Kollegen, zu besseren Preisen verkaufen; und das meist, ohne selbst ein finanzielles Engagement einzugehen.
Gagosian (Branchenname "Go-Go") ist ständig in Bewegung und pflegt mit stahlblauen Augen und kurzgeschorenem grauem Haar sein Image als Draufgänger.Am liebsten agiert er per Telefon.Seine Vergangenheit freilich hüllt der Selfmademan in Schweigen.Erste Erfolge hatte er in Los Angeles mit einem Postershop.Doch Gagosian wollte weiter.Ohne eine Kunstakademie oder eine Lehrzeit im Kunsthandel absolviert zu haben, gründete er 1977 eine Galerie.Bald fiel er mit wichtigen Ausstellungen von Richard Serra, Frank Stella und Jean-Michel Basquiat auf.Industrielle und Hollywood-Produzenten waren seine ersten Kunden. Sein Einstieg in New York, dem Mekka der amerikanischen Kunstszene, war grandios: Gagosian eröffnete seit 1985 gleich zwei Galerien.Die erste liegt in einem edlen zweigeschossigen Penthouse an der vornehmen Madison Avenue; für die zweite in SoHo, 65 Thompson Street, überraschte er mit dem besten und renommiertesten Partner der Szene, mit Leo Castelli. Gagosian ist zwar nicht der erste Händler, den der große alte Mann der New Yorker Galeristen als Mentor unterstützt, er ist freilich der erste, mit dem Castelli auch eine geschäftliche Kooperation eingegangen ist."Beziehungen sind eine Frage der Chemie", kommentiert Gagosian lakonisch, "Leo und ich, wir mögen uns einfach." Als der Markt Anfang der neunziger Jahre in Turbulenzen geriet, reagierte Gagosian auf seine Art - er eröffnete in der Wooster Street eine weitere Filiale.Die ehemalige Garage - durch ein Oberlicht erhellt - bietet Platz für die Ausstellung tonnenschwerer Plastiken von Richard Serra, Mark Die Suvero oder Walter De Maria.Manche Arbeit, wie jüngst Serras gefeierte Plastik "Intersection II", verkauft er aus der Garage direkt ins Museum of Modern Art. Als Entdecker neuer Talente hat Gagosian keinen Ehrgeiz.Er pflückt die Früchte, wenn sie reif sind.Sein aktueller Einsatz für den britischen Künstler Damien Hirst verrät allerdings auch Risikobereitschaft.Einige Galerie-Ausstellungen von Gagosian hatten in den letzten Jahren durchaus Museumsqualität - und einen großen Anteil an unverkäuflichen Leihgaben.Wertsteigernde Imagepflege für die Galerie und ihre Künstler."Natürlich will ich verkaufen", erklärt Gagosian dazu, "doch wenn ich Skulpturen von Constantin Brancusi ausleihen kann, die nie zuvor außerhalb Rumäniens gezeigt wurden, dann lasse ich mir das nicht entgehen." Zuweilen geht Gagosian auch den umgekehrten Weg.Parallel zur Retrospektive des Werkes von Cy Twombly im Museum of Modern Art präsentiert Gagosian ein einziges, allerdings riesiges Twombly-Bild.Und wieder ist Go-Go das Stadtgespräch.Four Walls Die Ausstellungen werden am Tag nach der Eröffnung wieder abgebaut, und dennoch sind die "Four Walls" in aller Munde: Auf der letzten Biennale in Venedig war die Institution aus Hoboken ebenso vertreten wie 1993 auf der Kölner Unfair-Messe und in diesem Jahr im Kunstverein München.Seit die beiden Maler Adam Simon und Michele Araujo 1984 mit ihren Kunst- und Diskussionsausstellungen für Dialog und Reibung auf der New Yorker Kunstszene sorgen, werden sie auch international beachtet. Jetzt steigt "Four Walls" einmal im Monat in der Atelier-Garage des Künstlers Mike Ballou.Das Thema dieser Nacht: der Skandal.Die Szene: Greenpoint in Brooklyn.Unter den rund 200 Besuchern, die alle zwei Dollar zur Kostendeckung gezahlt haben, Prominente wie die Selbstdarstellerin Colette und viele Unbekannte, denen das provokative, humorvolle Programm gefällt. An den Wänden Anlässe für Skandale, etwa Poster der Pornodarstellerin Cicciolina, auf Sockeln Schlangenleder-Stiefel des berüchtigten Teenager-Verführers Joey Buttaftzoco.Dazu wird in großer Runde diskutiert.Vor dem Publikum ein Klatschkolumnist, die Prominenten-Malerin Kathe Burkhart, die Medienkünstlerin Susan Evans Grave.Es geht um Skandale - von Künstlern inszeniert, von den Medien manipuliert, von Lesern und Zuschauern genossen. Zurückliegende Themen aus dem Repertoire von "Four Walls": "Kunst für Neurotiker" - zu diesem Streitgespräch waren drei Psychotherapeuten eingeladen -, "Witze und ihre Beziehung zur Kunst".Gezeigt werden dazu Werke von erfolgreichen Künstlern wie Leon Golub, Nancy Spero oder Pat Steir, aber stets auch Arbeiten unbekannter oder verkannter Künstler, die ums Überleben kämpfen. Mitbegründer Adam Simon: "Wir haben kein ästhetisches Programm.Wir sind von Sammlern, Sponsoren und vom Markt unabhängig.Das bewahrt uns die Freiheit, Risiken einzugehen und manchmal auch danebenzuhauen."Es gibt aber auch keine Hierarchie. Mike Ballou: "Wir sind ein loser Zusammenschluß mit ständig wechselnden Aktivisten.Jeder kann ein Thema vorschlagen, einen Abend organisieren, eine Diskussion moderieren." Inzwischen konnten die Initiatoren sogar ihre eigene Geschichte inszenieren: Auf Einladung des alternativen Atelier- und Ausstellungshauses PS 1 in Long Island City zeigte "Four Walls" vier Ausstellungen in einer fünf Meter langen Miniaturnachbildung der Garage.An der Erinnerungsarbeit beteiligten sich 33 Künstlerinnen und Künstler darunter Cady Noland und Lawrence Weiner.David Zwirner Die Szene-Zeitung "Village Voice" kürte den Kunstraum von David Zwirner zur "besten neuen Galerie des Jahres".Im Jahresrückblick der ehrwürdigen "New York Times" rühmte Kritikerin Roberta Smith die Ausstellung seines Neulings Jason Rhoades "als beeindruckendstes Debüt".Nicht einmal zwei Jahre im Geschäft, hat der Sohn des angesehenen Kölner Exgaleristen Rudolf Zwirner seine Ladenfläche in SoHos Greene Street gerade auf 400 Quadratmeter verdoppelt und genießt den Ruf, zu den besonders dynamischen Händlern junger Künstler zu zählen.Selbst Kustoden wie Klaus Kertess, Programmchef der nächsten Whitney Biennale, preisen David Zwirner als einen der interessantesten jungen Galeristen.Kertess lud die vier Zwirner-Künstler Stan Douglas, Toba Khedoori, Jason Rhoades und Diana Thater geschlossen zu der einflußreichen Übersichtsschau aktueller amerikanischer Kunst im kommenden Frühjahr ein. Der 29jährige Schnellstarter, in der Kölner Galerie seines Vaters Rudolf Zwirner aufgewachsen, wollte nicht im Schatten des Seniors stehen, so ging er vor zehn Jahren nach New York und studierte Musik.Als das Interesse am Kunsthandel dann doch überwog, arbeitete David zunächst für Brooke Alexanders Grafik Edition und machte sich dann im Februar 1993 selbständig.Zwirner: "Ich war mir sicher, eine Galerie führen zu können, die unmißverständlich meine Handschrift trägt." Zwirner, mit einer Amerikanerin verheiratet und Vater zweier Kinder, ist von ansteckendem Enthusiasmus.Rezession und Galeriensterben sieht er nicht als Bedrohung, sondern als seine Chance.Er konzentriert sich aufKünstler seiner Generation: "Die Rolle des Galeristen hat sich geändert.Wir müssen junge Leute mit Kunst, die erschwinglich ist, in den Markt bringen." Das Debüt gab die Galerie David Zwirner mit dem in Amerika noch weniger bekannten Wiener Franz West.Der 47jährige documenta-Teilnehmer ist sein ältester Künstler, aber für Zwirners junge Garde überaus einflußreich. Das Spektrum von Zwirners Ausstel-Iungen reicht von Sofa-Skulpturen des Österreichers Franz West über Video-Clips des Kanadiers Stan Douglas oder Video-Landschaftsbilder der Kalifornierin Diana Thater bis zu Ölgemälden des Belgiers Luc Tuymans.Solche Vielfalt ist für den Galeristen Programm.Zwirner: "Ich glaube nicht, daß es noch einen großen Trend oder eine bestimmte Kunstrichtung geben kann.Ich suche Künstler, die ihre eigene Vision haben.In welchem Medium sie arbeiten, ist nicht von Bedeutung."Pace/Wildenstein Unter den New Yorker Galeristen sind sie die Aristokraten: Guy und Alec Wildenstein pflegen ihren französischen Akzent, sie kleiden sich konservativ europäisch, und ihr Auftreten ist für New Yorker Verhältnisse extrem förmlich.Ihr Familienunternehmen, 1875 in Paris gegründet, hat eine glänzende Geschichte.Guy Wildenstein: "Unser Urgroßvater brachte Pierre Bonnard ins 20.Jahrhundert, unser Großvater förderte die Surrealisten, und unser Vater hat bis 1930 Pablo Picasso vertreten." Seit 1902 unterhält die Traditionsgalerie eine Niederlassung in New York.Die letzten 60 Jahre residiert "Wildenstein and Company" in einem eleganten Stadthaus auf der Ostseite der 64.Straße.International gelten die Gebrüder Wildenstein als die Händler mit dem größten Bestand an Kunst des 16. bis 19.Jahrhunderts.Sie verfügen über Arbeiten von Leonardo da Vinci über Rembrandt, Rubens, Velazquez, Fragonard, van Gogh, Monet und Bonnard und unterhalten Filialen in Paris, Tokio und London. Doch die Interessen von Guy und Alec Wildenstein, die ihre Gäste in einem Salon empfangen, der mit schwerem roten Brokat ausgeschlagen ist, gelten nicht nur der Vergangenheit.Alec: "Wenn wir den Zug ins nächste Jahrhundert nicht verpassen wollen, müssen wir auch zeitgenössische Künstler vertreten - oder uns in die beste Galerie moderner Kunst einkaufen."Die tüchtigen Brüder wählten den zweiten Weg.Für eine Summe, die das New Yorker "Wall Street Journal" auf 50 bis 100 Millionen Dollar schätzt, erwarben "Wildenstein and Company" 49 Prozent an der Pace Galerie.Der 1960 gegründete Familienbetrieb mit Arnold Glimcher und Sohn Marc an der Spitze vertritt international wichtige Künstlerinnen und Künstler wie Kiki Smith, Chuck Close, Jim Dine, Robert Ryman und Julian Schnabel. Gelten die Wildensteins als Muster für Zurückhaltung und Diskretion, so umgibt sich Arnold Glimcher gern mit einflußreichen Gesellschaftsgrößen und Freunden aus Hollywood.Glimcher, auch als Filmproduzent und Regisseur erfolgreich, dreht gerade einen neuen Kinofilm - mit Sean Connery in der Hauptrolle. Als "Pace/Wildenstein" wollen die neuen Partner demnächst national, aber auch in Übersee präsent sein.In London wird gerade ein neues Galerie-Haus gebaut, in dem die Zentrale sitzen soll weitere Filialen sind in Los Angeles, Hongkong, Tokio und wahrscheinlich auch in Berlin geplant.Die neue Kunst-Kooperation wird von Arnold Glimcher geleitet. Nicht betroffen vom größten Jointventure auf dem Kunstmarkt sind die Alten Meister.Mit ihnen wollen "Wildenstein and Company" allein ins nächste Jahrtausend gehen.Estelle Schwartz Estelle Schwartz lebt in einer modernen Galerie: Hinter dem Flügel im Wohnzimmer strahlt eine Lichtskulptur von Dan Flavin, im Flur hängt eine große Fotografie aus Cindy Shermans jüngster Serie, im Schlafzimmer leuchtet Bruce Naumans Neonrelief "Perfect Door" in zarten Pastelltönen neben einer Lichterkette von Felix Gonzalez-Torres.Manche Kunstwerke sind unterwegs- als Leihgaben fürAusstellungen.Auch die letzte documenta zeigte Werke aus dem Besitz der New Yorkerin. Estelle Schwartz ist Sammlerin, und zugleich berät sie Menschen, die ihrem Beispiel folgen wollen: Seit zehn Jahren durchstreift die Enthusiastin jeden Mittwoch in der Saison mit zehn bis 15 begüterten Ladies die Galerien.Dabei informiert sie die zunächst orientierungslosen Einsteigerinnen mit häufig sechsstelligem Kunstbudget über wichtige Ausstellungen und junge Künstler, deren Arbeiten sie schätzt und deren Werk sie eine positive Entwicklung zutraut.Ihr Rat an die künftigen Sammler: Kauft von jungen Künstlerinnen und Künstlern, bevor sie berühmt werden, oder sammelt neue Bilder von Etablierten, die noch unterbewertet sind.Entschließt sich eine der Kunst-Jüngerinnen zum Erwerb, so kassiert Estelle Schwartz zehn Prozent Kommissionsgebühr; dieses Geld steckt sie meist umgehend in einen eigenen Ankauf, bei dem sie von den Galeristen auch noch einen Kollegenrabatt erhält. Ellen Schweber, die bei einem Bundgang gerade in der Pace-Galerie für 60000 Dollar eine Skulptur von John Chamberlain erstanden hat: "Estelle spart uns auch Zeit.Wer kann es sich schon leisten, durch Dutzende von Galerien zu laufen, um das Interessante zu finden?" Estelle Schwartz hat, was man von einem richtigen Scout erwartet - den richtigen Riecher.Sie setzte früh auf die Kunst von Roben Longo.Cindy Sherman und Robert Gober.Legendär sind die Streifzüge, auf denen sie mit ihren Damen ganze Ausstellungen mit sämtlichen Arbeiten etwa von Sherrie Levine oder Felix Gonzalez-Torres aufkaufte.In den siebziger Jahren von dem Sammler-Paar Herbert und Dorothy Vogel in die Kunstszene eingeführt, war die ehemalige Frau eines Taxi-Unternehmers spontan von der Kunst fasziniert.Später suchte sie Gleichgesinnte für ihre Streifzüge, und als die dann begannen, Kunst zu kaufen, fand auch Estelle Schwartz eine Möglichkeit, durch die Provisionen eine eigene Sammlung aufzubauen. Der junge Galerist David Zwirner rühmt ihre Kenntnis: "Sie ist nicht nur eine Triebtäterin, sie verfolgt mit sagenhaftem Enthusiasmus auch sehr genau, was an neuer Kunst gezeigt wird."Doch nicht überall ist die zierliche Blondine mit der Nickelbrille und dem scharfen Urteil gern gesehen.Ein Kollege von Zwirner, der mit Estelle keine Geschäfte macht: "Sie kassiert Prozente von uns und pickt sich anschließend auch noch die Rosinen aus dem Kuchen."
