Ausgabe: 12 / 1994
Seite: 122-123
Man kann auch mit Müllabfällen schreien
Von Robert Fleck
Paris: Kurt Schwitters
Das Centre Pompidou widmet dem deutschen Künstler eine umfassende Retrospektive Sein Einfluß auf die Kunst der letzten vier Jahrzehnte ist enorm, doch dem breiten Publikum war Kurt Schwitters ( 1887 bis 1948) lange Zeit kaum bekannt.Der Einzelgänger aus Hannover hat mit seinen Collagen aus Fragmenten der Alltagswelt die Pop Art vorweggenommen, seine Wiederentdeckung in den fünfziger Jahren hat entscheidend zur Happening- und Fluxus-Bewegung der sechziger Jahre beigetragen.
Das Pariser Centre Georges Pompidou richtet dem Begründer seiner "MERZ" genannten Ein-Mann-Kunstbewegung jetzt als drittem Deutschen nach Max Ernst und Joseph Beuys eine umfassende Retrospektive aus.Rund 300 Leihgaben aus sechs Ländern wurden für die Ausstellung zusammengetragen, die eine Übersicht über das vielfältige Werk des Malers, Bildhauers, Dichters, Vortragskünstlers und Typografen gibt."Wir wollen Schwitters' allumfassende Vision der Kunst sichtbar machen", sagt Serge Lemoine, Direktor des Museums von Grenoble, der die Schau gemeinsam mit Didier Semin vom staatlichen Museum modemer Kunst im Centre Pompidou eingerichtet hat. Es war der Schock der letzten Kriegsjahre 1917/18, der den jungen Schwitters mit den herkömmlichen Kunstformen brechen ließ.Zunächst malte er abstrakte Bilder, doch ab 1919 entstanden die Collagen, in denen der Künstler "alles zu Kunst verwandelt, was mir unter die Finger kommt".Anders als in den Klebebildern der Kubisten Pablo Picasso und Georges Braque sind in seinen Arbeiten die Zeitungsschnipsel, Straßenbahnfahrscheine, Drahtstücke und Konservendeckel bald nicht mehr vereinzelte Einsprengsel, die Fundstücke treten vielmehr an die Stelle von Linien und Farben der herkömmlichen Malerei.Zu seiner Arbeit notierte Schwitters: ", und das tat ich, indem ich sie zusammenleimte und -nagelte.Ich nannte es MERZ, es war aber mein Gebet über den siegreichen Ausgang des Krieges, denn noch einmal hatte der Frieden wieder gesiegt." Das Prinzip, grundsätzlich alles zum Material von Kunst zu machen, übertrug Schwitters, kurze Zeit Weggefährte des Berlinerßadaisten-Kreises, auch auf die Literatur: Der Gedichtcollagen-Band "AnnaBlume" (1919) brachte dem Künstlerherbe Kritik, aber auch einige Popularität ein.Schwitters' "Ursonate" (1923 bis 1932) sowie bislang verschollen geglaubte Chansons aus den zwanziger Jahren, die der französische Happening-Pionier und Schwitters-Spezialist Jean-Jacques Lebel zur Pariser Retrospektive vortragen wird, belegen, wie selbstverständlich der Hannoveraner zwischen den Ausdrucksformen wechselte.Entsprechend vielfältig ist auch die Ausstellung."Erst das Nebeneinander von Collagen, Dichtung, Schriftgestaltung und Architektur macht Schwitters' Idee vom Gesamtkunstwerk deutlich", sagt Museumschef Lemoine. Eine Sonderstellung im Werk von Schwitters nimmt der MEBZ-Bau ein, eine bewohnbare Übertragung seiner Collage-Prinzipien in die dritte Dimension.Den ersten errichtete er in seinem Haus in Hannover.Er wurde 1943 bei einem Luftangriff zerstört.Auch der zweite, den er im norwegischen Exil begann, wurde Opfer eines Brandes.Den dritten Bau, 1947 in England angefangen, konnte der Künstler aus gesundheitlichen Gründen nicht beenden.Ein Modell des hannoverschen MERZ-Baus vermittelt in der Pariser Schau einen Eindruck davon, wie Schwitters von seiner Kunst buchstäblich umgeben war. Eine besondere Attraktion der Ausstellung sind die selten gezeigten späten Arbeiten des 1948 gestorbenen Künstlers, die seine richtungweisende Rolle bestätigen: In diesen letzten Bildern griff Schwitters Motive aus Comic strip und Werbung auf.ZurAusstellurig (bis 20.Februar 1995) erscheint ein 420 Seiten starker Katalog zum Preis von 400 Franc.Weitere Stationen; IVAM in Valencia (Frühjahr 1995) und Musee de Grenoble (Herbst 1995).
