Ausgabe: 12 / 1994
Seite: 118
PISSENDE KUH WAR NICHT SALONFAEHIG
Von Kerstin Schweighoefer
Den Haag: Paulas Potter
Zur ersten Überblicksschau des niederländischen Tiermalers (1625 bis 1654) kommen 31 Gemälde, zwölf Zeichnungen und 15 Radierungen aus internationalen Sammlungen ins Mauritshuis Claes Dircksz van Balckeneynde, Zimmermann aus Den Haag und in seiner Zeit der wichtigste Bauunternehmer der Stadt, stäubte sich heftig dagegen, daß ausgerechnet ein Tiermaler aus dem Nachbarhaus sein Schwiegersohn werden wollte.Ein Mensch, der seine Begabung damit vergeudete, Rindviecher anstelle von Menschen zu malen, kam als Heiratskandidat für seine Tochter Adriana nicht in Frage.Erst als Freunde und einflußreiche Bürger Den Haags dem aufgebrachten Vater gut zuredeten, fand er sich bereit, dem jungen Paar 1650 seinen Segen zu erteilen.
Der Ruf des Viehmalers haftete dem im Norden Hollands geborenen Paulus Potter an, seitdem er 1647 im Alter von 22 Jahren das großformatige Bild "Der junge Stier" gemalt hatte.Von nun an war er "der mit dem berühmten Stier" und bald ein unumstrittener Meister auf seinem Gebiet.Keiner gab den Glanz des Fells und das Spiel der Muskeln unter der Haut so täuschend lebensecht wieder wie er, keiner überraschte mit so vielen, genau beobachteten Einzelheiten - einer Fliege auf dem Rücken eines Bullen oder einem winzigen Frosch im Bildvordergrund. Doch nicht nur Kühe, Pferde und Hunde porträtierte Potter wirklichkeitsgetreu.Auch Landschaften, Schäferszenen und Jagdmotive malte er, wie die Ausstellung im Haager Mauritshuis belegt, mit Sinn für harmonische Proportionen und beschauliche Stimmung.Zum ersten Mal nach Jahrhunderten kehrt auch das 1649 entstandene Werk "Der Bauernhof" aus der Eremitage in St.Petersburg als Leihgabe nach Holland zurück.Das Gemälde mit dem deftigen Beinamen "de pissende koe" gilt durch die ausgewogene Gruppierung der Figuren und die raffiniert gesetzten Licht- und Schattenwerte als Glanzleistung. Über Paulus Potters Leben ist wenig bekannt.Der Junge wuchs in Amsterdam auf, ging zunächst bei seinem Vater Pieter Symonsz Potter, einem angesehenen Maler, in die Lehre und verdingte sich dann bei Nicolaes Moeyaert ( 1592 bis 1655), einem Amsterdamer Historienmaler, dessen Einfluß in Potters Frühwerk deutlich zu erkennen ist. 1646 zog der junge Künstler nach Delft und wurde dort Mitglied der Malerzunft - wie drei Jahre später auch in Den Haag.Bis zu seinem frühen Tod mit 28 Jahren lebte er danach wieder in Amsterdam, der Stadt seiner Kindheit. Der Umfang seines Euveres wurde 1911 auf 170 Gemälde geschätzt - heute in den Augen der amerikanischen Kunsthistorikerin Amy Walsh eine "unwahrscheinlich hohe Zahl".Eine genaue Werkübersicht ist nicht möglich, weil die Arbeiten des Künstlers häufig kopiert wurden.Bereits kurz nach seinem Tod war es Mode, "nach Potter" zu malen.Im 18.Jahrhundert bestellten Pariser Sammler massenweise Nachahmungen seiner Kabinettstücke, um mit ihnen ihre Salons zu dekorieren, und im 19.Jahrhundert brach gar ein regelrechtes Potter-Fieber aus, als der Louvre Arbeiten des Künstlers ausstellte. Wie zu seinerZeit üblich, hatte Potter als Historienmaler begonnen und sich dann idyllischen Darstellungen von Hirten und Schafen in klassisch arkadischer Landschaft gewidmet.Allmählich traten die Menschen auf seinen Bildern zugunsten der Tiere in den Hintergrund, die Natur ähnelte mehr und mehr der vertrauten heimischen, und aus Potter wurde, wie Amy Walsh anmerkt, der Maler"eines friedlichen und wohlfahrenden holländischen Arkadiens".Seine Beliebtheit wuchs auch dank des einflußreichen Schwiegervaters.In der Umgebung von Den Haagbaute dieser die Landsitze reicher Bürger, die Potter dann mit seinen immer begehrteren Gemälden ausstattete. Selbst der Hof wurde Kunde des Künstlers.Regelmäßig empfing Potter in seinem Atelier hochstehende Persönlichkeiten, darunter angeblich viermal den Gesandten der Königin Christina von Schweden.Für seine adligen Auftraggeber fertigte er elegante Jagdszenen, ihnen zuliebe verfeinerte er Linienführung und Farbgebung und verzichtete aufderbe Details.Manchem seiner noblen Förderer war er dennoch zu drastisch.So schickte Amalia van Solms, die Witwe des Statthalters Frederik Hendrik, den "Bauernhof" zurück, der ursprünglich ihren Kamin schmücken sollte.Die "pissende Kuh", so hatten Vertraute die Prinzessin überzeugt, sei "zu schmutzig, um jeden Tag angeschaut zu werden".Zur Ausstellung (8.November bis 5.Febrauar 1995) erscheint ein 21 I Seiten starker Katalog zum Preis von 45 Gulden.
