Ausgabe: 12 / 1994
Seite: 38-42

Der Mann im weißen Anzug ist schockiert

Von

ART-Interview mit Tom Wolfe

Weltbekannt wurde der stets in Weiß gekleidete amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe, 63, im Jahr 1987 mit dem 1990 verfilmten Roman "Fegefeuer der Eitelkeiten".Dieser Bestseller ist die Quintessenz einer Reporter-Karriere, die Wolfe in den späten sechziger Jahren mit Texten über die quirlige US-Hippie-, Underground- und Pop-Szene zu neuen Ufern der Berichterstattung geführt hatte: Mit seinem Buch "Das bonbonfarbene tangerinrot-gespritzte Stromlinienbaby" (1965) wurde er zum Star eines engagierten "New Journalism".Danach verfaßte er Pamphlete wie "Worte in Farbe" (1975) und "Mit dem Bauhaus leben" (1981), in denen er - erzkonservativ, doch immer brillant - die Widersprüchlichkeit der Kunst-Avantgarden kommentierte.Im Interview mit ART überträgt er diese Haltung auf die aktuelle New Yorker Szene und reibt sich vor allem am Trend der "political correctness".Dieser Begriff steht für das Gebot, keine Gruppen - seien es Frauen, Mitbürger anderer ethnischer Herkunft, Kranke oder Behinderte - zu diskriminieren und diese Regel auch im täglichen Sprachgebrauch zu befolgen.Politisch korrekt ist etwa ein Behinderter als "körperlich Herausgeforderter" zu bezeichnen.Wolfe lehnt das als übertrieben ab.Mit Tom Wolfe sprach in New York die ART-Mitarbeiterin Ulrike von Sobbe.

ART: Mr.Wolfe, welche Rolle spielt Kunst heute in der New Yorker Gesellschaft? Wolfe: Nicht annähernd die Rolle, die sie in den achtziger Jahren gespielt hat.Damals ging von der Kunstwelt noch Faszination aus; Auktionen waren glanzvolle gesellschaftliche Ereignisse.Das ist heute nicht mehr so, obwohl es immer noch als Privileg gilt, in einem der einflußreichen Komitees zu sitzen, etwa Mitglied im Aufsichtsrat des Museum of Modern Art oder des Metropolitan Museum zu sein.Das ist immer noch ein Gradmesser für gesellschaftlichen Erfolg - aber das Knistern ist weg. ART: Was sind die Gründe dafür? Wolfe: Es sind, schlicht und einfach, ökonomische Gründe.Das Knistern kommt wieder, wenn sich die Wirtschaft erholt.New York ist es in den letzten Jahren sehr schlecht gegangen, und die beiden großen Wirtschaftszweige dieser Stadt- Wall Street und der Immobilienmarkt - sind noch immer angeschlagen.So liegt zum Beispiel der Markt für Büroraum praktisch brach: In New York stehen mehr als fünfMillionen Quadratmeter Bürofläche leer.Den Leuten fehlt der Speck, der es ihnen früher erlaubte, unbedenklich immer mehr Bilder oder Skulpturen zu kaufen.

ART: Ist die Kunst wirklich aus dem gesellschaftlichen Leben verschwunden?Auf einigen Eröffnungen herrscht ja noch ziemliches Gedränge. Wolfe: Die Kunst wird immer ihre Rolle spielen.Aber lange nicht mehr so wie in den siebziger und achtziger Jahren.Ich frage mich manchmal, ob es heute einen jungen Künstler gibt, dessen Vernissage automatisch ein Ereignis wäre - und mir füllt keiner ein.Es gab ja in den achtziger Jahren die kurze Periode der sogenannten neoexpressiven, figurativen Kunst, und Künstler wie David Salle, Julian Schnabel oder Eric Fischl kamen groß raus.Ich persönlich mag diese drei ja überschätzen, aber ich sage: Diese Art von jungen, heißen Typen gibt es heute nicht mehr.Es ist, als sei der Saft aus dem Spiel, seit das Geld nicht mehr mitmacht. ART: Welche Auswirkungen hatte die jüngste Rezession auf die Künstler der Stadt? Wolfe: Die Folgen waren entsetzlich, vor allem für die fashionablen Avantgardisten.Plötzlich standen sie ohne Markt da.Nehmen Sie zum Beispiel Judy Pfaff, eine in den achtziger Jahren überaus prominente Künstlerin: Sie mußte ihr Atelier von Manhattan nach Williamsburg in Brooklyn verlegen.Noch vor fünf Jahren wäre das undenkbar gewesen.Doch heute sagen sich junge Künstler schon mal; Lerne was.Lerne Wohnungen streichen, Leitungen legen, werde Tischler, Zimmermann - tu alles, was dich in diesen Zeiten über Wasser hält. ART: Glauben Sie, daß sich der Kunstmarkt erholen kann, solange die Wirtschaft in der Krise steckt? Wolfe; Nein.Der Kunstmarkt ist vom Finanzgeschehen unmittelbar abhängig.Auf den New Yorker Auktionen sieht man jetzt auch kaum noch Japaner.Auf dem Höhepunkt des Booms, Mitte der achtziger Jahre, besetzten sie dagegen jedesmal die ersten zehn Reihen bei Sotheby's - die Japaner und ihre seltsamen Begleiterinnen, die auch bei den glamourösen Galerie-Vernissagen immer in der ersten Reihe saßen.Ich habe diese jungen Frauen mit Schmollmund, langen Wimpern und gelenkigen, unablässig von links nach rechts und wieder von rechts nach links übereinandergeschlagenen Beinen Kunstvögel getauft.Wo diese hübschen, ernst dreinblickenden Wesen herkamen, kann ich nicht sagen.Aber ihre Anwesenheit war das untrügliche Signal füreinheißes Kunstereignis auf der New Yorker Szene. ART: Und wer sitzt heute bei Auktionen in der ersten Reihe? Wolfe: Dickbäuchige Amerikaner, die mit ihren Geboten nicht sehr hoch gehen sofern sie überhaupt etwas kaufen.Auf die Kunstwelt insgesamt hat das ernüchternd gewirkt: Verdrossenheit, wohin man blickt. ART: Und wie steht's mit den Galerien?Kennen Sie vielleicht einen jungen Leo Castelli? Wolfe: Nein.Und wenn man der Sache auf den Grund geht, landet man wieder beim Geld.Warum war denn die New Yorker Schule in den vierziger, fünfziger und frühen sechzigerJahren so erfolgreich?Vor allem, weil Geld da war: Die USA waren militärisch und finanziell zur Supermacht aufgestiegen. ART: Machen Sie sich die Erklärung nicht ein bißchen zu einfach?Nur weil das große Geld da war? Wolfe: Natürlich erklärt Geld nicht alles.Aber Tatsache ist doch wohl, daß Kunst aus armen oder kleinen Ländern weniger beachtet wird.Wann kamen denn die deutschen Künstler zu Ansehen auf der internationalen Szene?Zufällig genau in dem Augenblick, als Deutschland sich in den achtziger Jahren als ökonomische Supermacht etablierte. ART: Lassen Sie uns über die Kritik sprechen.Es gab eine Zeit, da lebten in New York Kritiker, die so mächtig waren, daß sie die Entwicklung der Kunst unmittelbar beeinflussen konnten.In Ihrem Buch "Worte in Farbe" haben Sie den Einfluß von Clement Greenberg und Harold Rosenberg geschildert.Gibt es heute noch Kritiker dieses Kalibers? Wolfe: Nein.Greenberg und Rosenberg waren ja nicht nur Kritiker.Weil sie die Künstler persönlich kannten, ihrer Kunst und ihrer Welt nahestanden, wurden sie so etwas wie ihre offiziellen Sprecher in der Öffentlichkeit.Darauf beruhte der Einfluß von Greenberg.Er lieferte nicht nur abgehobene Urteile; er gehörte dazu.Er kannte Hans Hofmann, und er kannte Jackson Pollock.Er war für diese Künstler das, was Guillaume Apollinaire einst für Braque und Picasso gewesen ist. ART: Und solche Vermittler gibt es nicht mehr? Wolfe: Mir füllt jedenfalls keiner ein, der als Sprecher der Szene angesehen werden könnte.Heutzutage sind alle Kritiker - und zwar ohne Ausnahme - nichts als kleine Botenjungen im Geflecht der sogenannten Kunstwelt, die sich in New York aus etwa 3000 Leuten zusammensetzt.Aus Kunsthändlern, Museumskustoden, Sammlern und ein paar älteren Künstlern.Ich schlage Ihnen einen kleinen Test vor, der bei jedem Kritiker wirkt: Wer macht sich für einen unbekannten Künstler stark?Wer lehnt sich aus dem Fenster und sagt: "Hier gibt es einen Künstler, den keiner zur Kenntnis nimmt.Aber ich sage euch: Dieser unbekannte Maler oder Bildhauer hat Größe."Keiner tut so etwas! ART: Man würde sich zu weit vorwagen. Wolfe: Genau.Die Kritiker könnten auf die Nase fallen, gegen ihre Ordensregel verstoßen und aus dem Kloster gewiesen werden. ART: Wer ist dafür verantwortlich?Die Öffentlichkeit?Die Medien?Oder die Künstler selbst? Wolfe: Ich fürchte, es sind die Künstler.Sie sind gefügig wie Schafe und folgen sklavisch jedem intellektuellen Trend.Es ist schon rührend: Künstler empfinden sich gern als eine Art Frühwarnsystem, dessen Antennen die Entwicklungen lange vor dem Rest der Welt wahrnehmen.In Wirklichkeit ist es umgekehrt: Marshall McLuhan hat beispielsweise nachgewiesen, daß Künstler die Landschaft erst auf dem Umweg über die Eisenbahn entdeckt haben.Erst angesichts endloser Schienenstränge kamen ihnen der Gedanke: Wie leidet doch eine schöne Gegend unter diesen häßlichen Lokomotiven!Auch Andy Warhol entdeckte Massenprodukte für seine Kunst, als deren Zeit längst vorüber und das elektronische Zeitalter angebrochen war.Künstler sind nie auf der Höhe der Zeit.Sie kommen immer zu spät.Heute sind sie wie besessen von "political correctness" - aber woher haben sie denn diese Idee?Von den Universitäten und deren Vordenkern.Andere machen sich Gedanken, und die Künstler fügen ein paar matte visuelle Fußnoten hinzu."Political correctness" - an nichts ist die heutige Kunstwelt stärker interessiert.Als ich 1975 "Worte in Farbe" schrieb, tadelte ich die zeitgenössische Kunst als literarisch und theorieabhängig.Statt ihre Vision der Dinge zu artikulieren, illustrierten Künstler nur noch Theorien. ART: Und das sollte sich nicht geändert haben? Wolfe: Nein, es ist vielmehr schlimmer geworden.Heute dominiert die Theorie "political correctness".Cindy Sherman zum Beispiel, die hier eine bedeutende Figur ist... ART: "..auch in Europa... Wolfe: "..zeigte bei der letzten Whitney-Biennale die Fotografie einer Frau, deren Körper aus Plastikteilen zusammengesetzt war: eine Gesichtsmaske, eine Perücke, die Plastikprothese einer Brust und sogar eine Plastik-Vagina aus dem Porno-Laden, aus der Wurstzipfel ragten.Ich schaute mir das gerade an, als eine Gruppe Schulkinder vorbeikam, etwa acht oder neun Jahre alt.Und ihre Führerin sagte; "Also, dieses Foto protestiert dagegen, daß in unserer Gesellschaft der Körper einer Frau leider häufig als Objekt behandelt wird."Und die Kinder schauten sich an und fragten; "Wer ist hier eigentlich verrückt die Frau, die das Foto gemacht hat, oder die Frau, die es uns erklärt?"Denn ohne Kenntnis der Theorie versteht keiner, worum es geht.Ohne Theorie wirkt das Foto von Cindy Sherman nur pervers und lächerlich.Hier haben wir also beides: die Abhängigkeit der Kunst von Theorien und die "political correctness".Natürlich ist jeder dagegen, Frauen als Sexualobjekte zu behandeln aber nur eine Künstlerin aus New York kann darauf so besserwisserisch herumreiten.Die Whitney-Biennale hat immer schon widergespiegelt, was in den Köpfen der New Yorker Künstler gerade vor sich geht.Perfekt.Zur Zeit ist es "political correctness".Außerdem etwas, was ich Selbsthaß nenne. ART: Und wer praktiziert diesen Selbsthaß? Wolfe: Ich komme darauf zurück. ART: Am Ende von "Wörter in Farbe" behaupten Sie, daß von Kunst nur noch Theorie übriggeblieben sei.Was würden Sie heute schreiben? Wolfe: Zuerst, daß Kunst heute theorieabhängiger ist denn je, und, als Fußnote dazu: Mein Buch hatte keinerlei Einfluß auf die Kunstwelt.Die kleine Schar hat fröhlich weitergemacht - und das so unbeirrt, wie ich es beim besten Willen nicht voraussehen konnte.Seither ist einiges geschehen.Besonders spannend ist die Situation in der Bildhauerkunst; Unter dem Einfluß der Washingtoner Kulturbürokratie ist sie in den siebziger und achtziger Jahren übel zur Farce verkommen.Plötzlich gab es Regierungsgeld für fast jeden, der eine Skulptur in der Öffentlichkeit aufstellen wollte.Vor allem Städte profitierten davon.Aber wer diese Unterstützung in Anspruch nahm, der nahm auch die Auswahlkriterien der Geldgeber in Kauf.Die Stadt Hartford in Connecticut zum Beispiel, wo Mark Twain lange gelebt hat, wünschte sich zur Bekräftigung ihrer langen kulturellen Tradition ein zeitgenössisches Kunstwerk.Also stellte man Anträge bei der Kulturstiftung National Endowment for the Arts (NEA) und beim Programm für Kunst im öffentlichen Raum.Die NEA bewilligte die Hälfte des Geldes und wählte den Künstler Carl Andre.Also kommt Andre eines Tages nach Hartford und bringt 36 Steine mit.Die Steine sind riesig, aber gänzlich unbearbeitet.Andre nennt seine Arbeit "Steinfeld" und überreicht der Stadt eine Rechnung über 87000 Dollar.Und während die Bürger protestieren, rasen und toben und am Verstand ihrer Stadträte zweifeln, geht denen ein Licht auf - aber sie zahlen.So etwas ist in den achtziger Jahren immer wieder passiert. ART: Haben Sie dafür eine logische Erklärung? Wolfe: Mit Logik hat das nichts zu tun.Sondern mit Mode.Wogegen nichts zu sagen wäre, solange man sich dessen bewußt ist.Die Bildhauerkunst aber verkam noch mehr zur Farce, wenn es um Skulpturen in traditioneller Technik ging.Die wurden sogar von den Kunstzeitschriften ignoriert.Zum Beispiel: Kennt man in Deutschland den amerikanischen Bildhauer Frederick Hart?Ich kann es mir kaum vorstellen - obwohl er mit 31 Jahren den größten Auftrag zu einer religiösen Skulptur bekommen hat, der in diesem Jahrhundert in den USA vergeben wurde: Sein Relief mit dem Titel "Ex nihilo" schmückt, zwei Stockwerke hoch, die gesamte Westwand der National Cathedral in Washington und illustriert den Aufstieg der Menschheit aus dem Ur-Chaos.Hart ist ein hochbegabter Bildhauer in der klassischen Tradition.Doch die Kritik hatte für "Ex nihilo" kein Wort übrig, nicht einmal einen Verriß - nichts, nihilo.Dasselbe bei der Elvis-Presley-Statue von Eric Park.Tausende pilgern nach Memphis, um das Denkmal zu sehen.Aber die Kunstpresse wagt nicht einmal hinzuschauen. ART: Vielleicht scheuen Kritiker die Berührung mit dem Geschmack der Masse? Wolfe: Genauso ist es. ART: Konformismus unter Individualisten - gilt das auch für den New Yorker Künstlernachwuchs? Wolfe: Die Künstlerviertel von New York - SoHo, Tribeca, NoHo - sind der ungewöhnlichste Slum von ganz Amerika.Hier leben fast nur Leute mit Diplom.Die jungen Künstlerhaben ihren Master of Fine Arts am "California Institute of the Arts" oder der "Rhode Island School of Design" erworben, wo man ihnen beigebracht hat, daß sie zuallererst nach New York gehen und dann dort ganz rasch eine Galerie finden müssen.Das und nur das ist ihr Visum für die Kunstwelt.Also kommen sie aus allen Himmelsrichtungen hierher.Schätzungsweise 125000 Künstler leben heute in diesem Slum. ART: Aber viele Galerien haben doch zugemacht? Wolfe: Richtig, viele Galerien schliessen, aber das zählt nicht.Weil man den jungen Künstlern eingeschärft hat, hier hätten sie die einzige Chance, Reputation zu erwerben.Also kommen sie.Sie leben in Armut, denn die Mieten sind hoch.Die Umwelt ist häßlich; es gibt keine Bäume, aber Dreck auf den Straßen und viel Kriminalität.Die Gegend ist fürchterlich.Und da sind sie nun: hautnah konfrontiert mit der Wirklichkeit dieser Stadt. ART: Aber ist das nicht auch irgendwie eine inspirierte Gegend? Wolfe: Ja, inspiriert durch den Gott der Mode.Man könnte ja annehmen; Wer sich derart gegen die Wirklichkeit dieser Stadt behaupten muß, der geht auch in seinen Arbeiten daraufein.Aber überhaupt nicht!Keinen Augenblick' Nicht einmal in Andeutung evozieren diese Arbeiten auch nur das leiseste Echo des wirklichen New York.Das einzige, worauf sie sich einlassen, sind die Theorien über "political correctness"; man hat diesen jungen Künstlern beigebracht, nichts von dem zu zeigen, was sie sehen.Keine Bilder vom Leben in New York, nur die Illustration einer Theorie in abstrakter, metaphorischer Form - als hätte ihr Leben nichts mit dem Leben der Stadt zu tun, auf das sie doch jeden Tag mit der Nase gestoßen werden.Woran das liegt?Sie nehmen geistig keinen Anteil am Leben der Stadt.Sie sehen nur ihren Kunst-Kokon.Keiner macht, was ich gerne sehen würde. ART: Was könnte das sein? Wolfe: Ich hätte gern Brueghel zurück, um ihn nach SoHo oder Tribeca zu schicken.Er könnte sich der Wirklichkeit nicht verschließen.Eine Stadt wie New York ist voller Situationen, die nur auf ihren Brueghel warten.Eine Kamera könnte das nicht leisten. ART: Figurative Kunst, wie sie Ihnen gefüllt, hat es heute schwer; manche halten sie längst für tot. Wolfe: Figurative Kunst ist nicht tot.Tot ist der Geist der jungen Künstler.Und das bringt mich zurück auf den Selbsthaß, von dem ich gesprochen habe.Ich bin sicher, ein deutsches Magazin hat nichts gegen einen Hinweis auf Friedrich Nietzsche.Als Nietzsche vor rund 100 Jahren sagte, Gott ist tot, da sagte er das nicht als Atheist.Das war auch kein Ausruf des Triumphs.Er sagte: Gott ist tot, und das wird euch noch leid tun.Er sagte: Ihr glaubt nicht mehr an Gott, aber ihr fühlt euch immer noch schuldig und habt nun keinen mehr, der euch eure Sünden vergibt.Also werdet ihr euch selbst und gegenseitig hassen.Und dann sagte er: Deshalb wird das 20.Jahrhundert ein Jahrhundert unvorstellbar katastrophaler Kriege sein.Keine schlechte Vorhersage... ART: Und was bedeutet das für die zeitgenössische Kunst? Wolfe: Neuerdings erlebt eine spezielle Art von figurativer Kunst ihr Comeback in der New Yorker Kunstwelt.Es ist, wie Nietzsche sagte, eine Kunst voller Selbsthaß und Haß auf den Homo sapiens.Eine der bewunderten jungen Bildhauerinnen, Kiki Smith, zeigt die geschrumpfte und verkohlte Leiche einer Frau; es sieht aus, als sei sie totgeschlagen und verbrannt worden.Oder der ebenfalls bewunderte Robert Gober: Er zeigt die untere Hälfte eines Männerkörpers aus Wachs - ein Abguß, wohl gemerkt, keine Handarbeit - in weißen Unterhosen und Turnschuhen, und in die Beine sind etliche Abflußlöcher eines Spülbeckens eingelassen.Ich nenne so etwas "ICU"-Kunst.Das steht für "Intensivstation" (Intensive Care Unit), weil jeder aussieht, als sei er tot oder müsse gleich eines schrecklichen Todes sterben.Das riecht nach Haß auf die Spezies Mensch.Genau wie die Bilder des englischen Malers Lucian Freud ein Ausdruck von Menschenhaß sind.Dabei haßt wahrscheinlich keiner dieser Künstler die Menschheit wirklich.Nur eine Mode, nichts weiter.Die beste Haltung, die der fashionable Künstler angesichts der condition humaine an den Tag legen kann, ist "Camp".Und "Camp" bedeutet in letzter Konsequenz ebenfalls Selbsthaß - aber mit einem Lächeln.Wer sich zu "Camp" bekennt, der findet etwas so häßlich, banal und eklig, daß er es deshalb schon wieder gut findet.Das ist natürlich auch nur eine Masche, aber eine, die es schon seit der Pop-Ära gibt.Aber wenn ein Bildhauer heute auf den Gedanken käme, eine idealistische Figur zu meißeln, um damit Hoffnung auszudrücken - das wäre wirklich schockierend. ART: Die Museen scheinen immer mehr unter kommerziellen Druck zu geraten.Was halten Sie von dieser Entwicklung? Wolfe: Ich glaube, die Museen stehen vor der Kardinalfrage: Wozu sind wir eigentlich da?Forschung allein ist nicht mehr genug.Museen müssen Gewinn erwirtschaften.Und je größer und ehrgeiziger ein Haus ist, desto stärker wird der Druck, noch mehr Geld zu verdienen - und desto größer wird der Museumsshop in der Halle.Ich habe große Sympathien für die Museen.Sie haben eine Menge auszuhalten.Ich fände es, ehrlich gesagt, furchtbar, wenn ich versuchen müßte, ein Haus wie das Museum of Modern Art zu leiten.Das Metropolitan Museum hat es da besser, weil es nicht so sehr der Mode unterworfen ist.Anfällig ist es auch, aber es ist nicht so gebunden wie Gulliverim Land der Zwerge.In diesem Zustand befinden sich aber das Museum of Modern Art und das Whitney Museum: gefesselt an die Mode.Es gibt in Amerika einen riesigen Bereich der Kunst, der im Museum keine Spuren hinterläßt: Ernsthafte figurative Bildhauerei oder Malerei wird schlicht ignoriert. ART: Denken Sie da an bestimmte Künstler? Wolfe: Ja, es gibt ein paar wirklich gute.Zum Beispiel James Bama, eine Art Andrew Wyeth für Cowboys.Ich sage ja nicht, daß man diese Kunst mögen muß; ich sage nur, daß Museen mit wissenschaftlichem Anspruch auch Arbeiten beachten und sammeln sollten, die nicht dem entsprechen, was diesen Monat als Stil des Jahrhunderts gepriesen wird.Oft ist die New Yorker Jahresschau der Illustratorenvereinigung interessanter als jede Ausstellung der Galerien oder Museen.Da begegnen Sie noch Künstlern, die ihr Handwerk beherrschen.Der englische Dramatiker Tom Stoppard läßt einen der Charaktere seines Stücks "Künstler, eine Treppe herabsteigend" sagen: "Moderne Kunst ist Imagination ohne Handwerk."Da haben Sie's.Handwerk ist das Schlüsselwort.Genie kann alles sein, Talent kann alles sein - aber im Handwerk zeigen sich Herz und Hand des Künstlers. ART: Können Sie einen Künstler nennen, dem das Handwerk fehlt? Wolfe: Auf der Biennale von Venedig 1990 wurden die Vereinigten Staaten von Jenny Holzer vertreten.Sie programmiert elektronische Anzeigetafeln mit Wörtern das ist alles.Der Triumph der Wörter.Da haben Sie Imagination ohne jedes Handwerk. ART: Was halten Sie vom immer größer werdenden Einfluß kommerzieller Galerien auf die Kunstszene? Wolfe: Ich kann das so furchtbar schlimm nicht finden.Die meisten Galeristen sind Gläubige.Denken Sie nur an Leo Castelli.Man sagt ja, daß er die Fäden in der Hand hält und den Kunstmarkt lenkt, aber ich glaube, nichts läge ihm ferner.Er war stets wirklich überzeugt von dem, was er tat.Er glaubte an Jackson Pollock, als man noch nichts von ihm los wurde, und er kaufte Gemälde von Georges Braque, als sie für 3000 Dollar zu haben waren.Man kann sich das kaum noch vorstellen: Vor weniger als 40 Jahren konnte man jeden Braque haben, der einem gefiel, für 3000 Dollar pro Stück.Wer mit Kunst tatsächlich Geld machen will, gibt sich nicht mit Zeitgenössischem ab - das ist kommerziell viel zu unsicher.Die meisten Galeristen zeitgenössischer Kunst sind wie die Prediger einer Kirche im Einkaufszentrum.Die Hälfte von dem, was sie anbieten, kauft niemand - außer den Museen.Wer sonst schafft sich schon eine Installation an? ART: Wenn Sie ein junger Maler oder Bildhauer wären, wohin würden Sie gehen? Wolfe: Nach New York, keine Frage.Aber ich kam bekanntlich hierher, ohne Künstler zu sein.Und bin immer noch verrückt nach dieser albernen Stadt.Vielleicht sollte ich malen lernen - ich würde versuchen, Brueghel zu sein. ART: Auf der Kunstszene müßten Sie aber Schwarz tragen. Wolfe: Schon recht, in SoHo, NoHo oder Tribeca trägt man Schwarz.Und keine Krawatten, keine Gamaschen.So hat alles seinen Preis.