Ausgabe: 12 / 1994
Seite: 68

Und alle Keller sollten aufs Dach

Von Alfred Nemeczek

Sechs Leute sitzen beim Dessert

und erzählen von ihren Reisen.Einer war in der faszinierenden Stadt Bottrop, hat sich dort in die Großnichte des letzten russischen Zaren verliebt, Zoff mit dem Erfinder des Perpetuum mobile bekommen und dann im Cafe den Dichter Martin Walser getroffen, dem Thomas Gottschalk vom Nebentisch zuwinkte.Aber da sage ich nur New York, und keiner hört ihm mehr zu. Nie habe ich dort derart Aufregendes erlebt wie der documenta-Gründer Arnold Bode, in dessen Hotelzimmer sich ein Mörder verstecken wollte, oder wie der damalige Kölner Kulturdezernent Peter Nestler, dem man auf der Freitreppe des Brooklyn Museum die Brieftasche stahl.Gut, einmal kam mein Koffer nicht pünktlich an, und einmal, beim Blackout 1977, konnte ich mir hinterher ausmalen, was wohl geschehen wäre, hätte ich bei diesem Totalausfall elektrischer Energie zwischen zwei Stockwerken im Aufzug gesteckt.Aber ich stand ja, als es passierte, auf einem Balkon. Doch je mehr Mühe ich mir gebe, New York als ganz gewöhnliche Großstadt zu deklarieren, desto mehr Last habe ich mit Freunden, denen die schräge Metropole noch immer das große Wham und Whow entlockt.Ist New York jemals die Welthauptstadt der zeitgenössischen Kunst gewesen?Eindeutig ja - in den sechziger und siebziger Jahren, als Pop Art, Farbfeldmalerei, Minimal Art und aufkommende Konzeptkunst sich als letzte Bastionen der Avantgarde etablierten.Das waren, weiß man heute, schon Aktivposten der erst später so genannten Postmoderne.Seither allerdings wird auch in New York wieder mit Wasser gekocht. Aber als ich damals im Dezember 1968, eingecheckt im Chelsea Hotel, erste Schritte auf der New Yorker Szene wagte, fiel auch ich von einem Whow und Wham ins andere.Und das hatte nichts mit Kunst zu tun.Ich kam aus einem Land der Studenten-Revolte und war einerseits zu alt oder zu skeptisch, um auf die Weltherrschaft des Marxismus zu hoffen, aber andererseits jung genug, um sie mir nicht insgeheim zu wünschen.Da raubten mir Manhattans Wolkenkratzer die letzte Illusion: Mehr als deren Höhe entmutigte mich die Tatsache, daß hinter jedem dieser zigtausend Fenster eine Person saß, die in den Schaltzentralen der Konzerne genau das verhindern sollte, was die Kinder von Karl Marx und Coca Cola mit ihren Demos, Transparenten und Infos erreichen wollten: eine Welt ohne Kapitalismus. Dennoch: Unterm Pflaster lag der Strand, und alle Keller sollten aufs Dach - auch damals in New York.Underground war angesagt, Subkultur in Kunst, Theater, Film und vor allem in der Presse.Stundenlang diskutierte ich in tristen Kellern mit Redakteuren längst entschlafener Blätter wie "Rat" oder "East Village Other".Die meldeten zwar korrekt, daß sich die Hippie-Bewegung nach einem "Sommer der Liebe-- im Oktober 1967 aufgelöst hatte. hielten es aber schon für Politik, wenn sie das X im Präsidentennen Nixon als Hakenkreuz wiedergaben und den illegalen Anbau von Marihuana-Pflanzen, "möglichst im Hinterhof eines Bullen", propagierten. Phantasie sollte an die Macht, und in einem "Cerebrum" genannten Etablissement hatte sie damals ihren Stützpunkt.Man bezahlte sieben Dollar, schlüpfte in eine transparente Kutte aus Fallschirmseide und legte sich in einem Saal auf weißbezogene Polster.Dort konnte man mit Bauklötzchen spielen, psychedelische Projektionen und Musik von Beat bis Beethoven genießen.Als Krönung des Rituals wurde von schönen Vestalinnen ein Sakrament aus Marshmellows und Leitungswasser gereicht. Ich seufzte Whow und Wham und wäre nie in diese schamanische Schaubude hineingeraten, hätte ich nicht Lil Picard an meiner Seite gehabt.Diese aus Berlin emigrierte Journalistin, Kolumnistin und Performance-Künstlerin geleitete mich sicher durch den Underground.Sie nahm mich mit in Andy Warhols Factory, kassierte bei Warhol ein überfälliges 25-Dollar-Honorar als Filmstar und fragte:

"Soll ich den Scheck nun einlösen oder ihn als signierte Warhol-Arbeit bei Sotheby's versteigern lassen?" Lil Picard, die damals gerade die Impressionen des Reporters Tom Wolfe (siehe Seite 38) brillant ins Deutsche gebracht hatte, war mein Scout.Sie schrieb so pointiert deutsch wie amerikanisch und lotste mich in zehn Tagen durch so viele Ateliers, daß ich bei späteren, ruhigeren New-York-Besuchen stets das Gefühl hatte, mich nicht genug zu tummeln.Dann besuchte sie mich in Hamburg, wirbelte sogleich, und ich empfand mich als träge auf vertrautem Terrain.Als mich in diesem Sommer die Nachricht von ihrem Tod erreichte, kam ich erstmals in Versuchung nachzurechnen, wie betagt sie damals war - und wie wunderbar jung.Diese Kolumne ist Lil Picard gewidmet.Sie starb mit 94 Jahren.