Ausgabe: 12 / 1994
Seite: 58-65
Zu Hause herrschten die Dämonen der Kindheit
Von Jrg-uwe Albig
Robert Gober "Erinnerungen gründen sich auf Produkte", sagt der New Yorker Installationskünstler und begibt sich auf die Suche nach den Ablagerungen einer behüteten Vergangeheit.Seine Räume täuschen Wohnzimmerglück und Hausfrauenidylle vor - und sind beklemmende Monumente vom Grauen des Alltags Zwischen Lust und Galgen spinnt sich ein Netz des Unbehagens
Arkadien ist ein glühendes Flimmern aus braungefleckten Stämmen, dunkelgrünen Blättern und gelben Sprenkeln von der Sonne.Es ist umkränzt von Feuerleitern, die an braunen Ziegeln hochranken.Hinter matt spiegelndem Glas schimmert das Atelier.Robert Gober sitzt auf seinem Balkon, auf dem runden Glastisch mit den schmiedeeisernen Beinen dampft die Teetasse.Das East Village mit seinen Studenten, Dealern und Szenetouristen liegt weit entrückt hinter Mauern.Einzig ein Wasserstrahl ist zu hören, er schießt stoßweise, aber unermüdlich.Was ist das?"Das ist der Springbrunnen der Nachbarn", sagt Robert Gober.
Arkadien war ein glühendes Flimmern aus braungefleckten Stämmen, dunkelgrünen Blättern und gelben Sprenkeln von der Sonne, als Robert Gober es im September 1992 im Dia Center for the Arts aufbaute.Arkadien war aus Papier, der Sommer eine Tapete, die alle vier Wände einhüllte, unterbrochen nur von zwei Gitterfenstern, hinter denen ein zartblauer Himmel lockte.An die Wände und die Stützpfeiler in der Mitte des Raums brandeten Stapel von Titelseiten alter Zeitungen.Aus den Wänden aber, die Arkadien bedeuteten, ragten vier schmerzhaft weiße Waschbecken in den Raum, die Hähne waren aufgedreht, und nur ihr Rauschen war zu hören, es donnerte in die Stille wie ein Wasserfall.Was war das? "Seine Arbeit setzt sich irgendwie im Bewußtsein fest", rätselte hinterher der Kritiker der "New York Times", "auch wenn es nicht ganz klar ist, was sie da zu suchen hat."Robert Gober könnte ihm nicht helfen.Er weiß es selbst nicht.Was ist so schaurig an seinen stummen Abflüssen, den blind starrenden Waschbecken, den engen Kinderbettchen und den strengen Laufgittern, die er allesamt in liebevoll quälerischer Handarbeit nachbaute und dann in der Fremde der Kunstwelt aussetzte? Robert Gober kippelt in seinen grauen Shorts und seinem grauen T-Shirt auf dem Balkonstuhl wie ein enormes Kind.Sein runder Schädel ist geschoren, er spricht mit leiser, hoher Stimme, oft nickt und lächelt er wie ein chinesischer Butler.Die Hündin Dottie rekelt sich mit rosa zuckender Schnauze unterm schmiedeeisernen Glastisch und will spielen."Nicht, Dottie", sagt Robert Gober.Und immer wieder sagt er: "Ich weiß es nicht." Seine Eingebungen wachsen ja nicht im Bewußtsein.Sie speisen sich nicht aus der Kunstgeschichte - Joseph Beuys etwa hat er erst im vergangenen Jahr im Hessischen Landesmuseum zu Darmstadt kennengelernt - und nicht aus Theorien, die er nur am Rande zur Kenntnis nimmt.Sie sind Ablagerungen von Erinnerungen, die ihm die Sprache verschlagen.Er bewegt sich ein bißchen fremd durch die rhetorisierte Kunstfauna seiner Zeitgenossen, die in atemberaubendem Rhythmus Philosophien verschlingen und Konzepte ausspucken. Aber sie haben ja auch recht."Man sollte entweder die ganze Zeit reden", sagt Gober, "oder überhaupt nicht."Er selbst spräche lieber überhaupt nicht.Robert Gobers Skulpturen funktionieren wie Marcel Prousts Madeleine, die einen langen Roman über die verlorene Zeit, oder wie Pawlows Glöckchen, dessen Klingeln Speichelreflexe auslöste: Nicht das Klingeln selbst ist schuld, sondern die Umstände, unter denen es zum ersten Mal erklang. Seine Arbeiten haben aus den zärtlichen Spießrutenläufen der Kindheit einen chronischen Verdacht gegen Idyllen mitgeschleppt, wie die Romane von Stephen King oder die Filme von David Lynch, die immer das Schwarze unter den pinklackierten Fingernägeln Amerikas zeigen wollen, wo der Mörder der nette Nachbar ist und der Horror im Schleiflack-Kinderzimmer wohnt und tote Babys im Pickup-Truck liegen. "David Lynch, ja", sagt er und nickt."Da gibt es eine Verwandtschaft."Auch Gobers Möbel-Attrappen sind Archetypen des amerikanischen Unbewußten.Robert Gober ist ein C.G.Jung der Einrichtungsmärkte. "Es gibt eine bestimmte Art Waschbecken, das jeder Amerikaner sofort erkennt, aber nicht unbedingt ein Europäer", sagt er zum Beispiel."Erinnerungen gründen sich auf Produkte."Und er zeichnet einen Kreis auf ein Blatt Papier und läßt einen Reigen aus Tropfenformen darin tanzen."Solche Ausgüsse habe ich in Europa gefunden.Man würde nie so etwas Dekoratives in Amerika sehen." Die Ausgüsse seiner Kindheit hatten schlichte Kreuze in der Mitte und glotzten ihn täglich an.Das Haus am Stadtrand, in das er 1954 hineingeboren wurde, hatte Gobers streng katholischer Vater, Fabrikarbeiter, selbst gebaut.Es stand in Wallingford, Connecticut, einer beinahe ländlichen Kleinstadt mit knapp 40000 Einwohnern.Es waren die fünfziger Jahre mit ihrer Heimwerker-Ethik und ihrer Gewißheit, die Geheimnisse des Daseins in Lebenshilfe-Leitfäden und Bastelanleitungen zu finden; eine Haltung, die der Vater so nachdrücklich vorführte, daß der junge Robert sich gegen die Ansteckung nicht wehren konnte. In einem Land, in dem selbst die Beerdigungsinstitute "funeral homes" hei-ßen, ist das home ein heiliges Stück Welt.Seit seiner Kindheit wußte Robert Gober, daß er schwul war, und er wußte, daß dieses Wissen nicht ins home von Wallingford paßte, und er wußte zugleich, daß er Künstler werden wollte, vorzugsweise Maler: "Ich hatte die kindliche Vorstellung vom Gemälde als Fenster in eine andere Welt", sagt er.Folgerichtig stritt sein Vater, der ja eigens diese kleine Welt für Robert und seine ältere Schwester eingerichtet hatte, gegen die Malerei.Für Robert Gober aber war eine andere Welt lebensnotwendig. "Ich glaube, wenn man als Katholik aufwächst, in der strengen Weise, wie ich es tat", sagt Gober, der einstige Meßdiener, "und sich dann entscheidet, abzulehnen, wie man aufgewachsen ist dann wird der Rest des Lebens zu einer Neudefinition." 1976, nach seinem Kunst- und Literaturstudium am Middlebury College in Vermont, zog er nach New York.Doch die Malerei ließ ihn dort bald im Stich."Ich merkte, daß ich an Bildern interessiert war und nicht an Malerei.Das Gemälde als Gegenstand, die Struktur der Leinwand, ergab für mich keinen Sinn." Sein Bastlersinn, der vom Vater kam, half ihm über die Runden.Er erledigte kleinere Handwerksarbeiten für Bekannte, riß Wände ein, renovierte Wohnungen.Für die Malerin Elizabeth Murray zog er Leinwände auf Keilrahmen, und sie machte ihn mit ihrer Galeristin Paula Cooper bekannt.Die vertritt ihn noch heute. Weil er dachte, er könne damit Geld verdienen, baute er Puppenhäuser im Maßstab 1:10.Niemand kaufte sie.Aber in ihnen erkannte er das home wieder, seinen alten Kerker, der ihn nicht losließ.So baute er immer kompliziertere, immer symbolschwerere Häuser, mit besessener Sorgfalt und zwanghafter Detailwut.Eins davon sägte er mitten durch.Eins zündete er an. Zum Anfang der achtziger Jahre griff er noch einmal zum Pinsel, aber es wurde kein Gemälde, sondern eine Inventur der Dämonen seiner Kindheit.Sein Atelier war so groß wie eine Speisekammer, und so malte er nur ein einziges Bild auf seinem kleinen Tisch, er fotografierte es, dann übermalte er es und fotografierte es wieder; er ließ die Dämonen die Leinwand okkupieren, ohne viel nachzudenken.Das dauerte ein Jahr.Schließlich blieb nichts übrig, was sich verkaufen ließ, nur eine Hundertschaft von Dias; die zeigte er 1984 in Paula Coopers Galerie in fließender Überblendung: Ein Abfluß höhte sich zur Teetasse, bauschte sich im nächsten Bild zum Vogelnest, plättete sich zum Gully.Es war der Trickfilm einer exorzistischen Sitzung. Danach legte er die Dias beiseite und vergaß sie für Jahre.Aber 1990, als er sie für einen Katalog für das Boymans-van Beuningen-Museum in Rotterdam zum ersten Mal wieder sichtete, stellte er verwundert fest, daß viele seiner Spukbilder von damals inzwischen zu Skulpturen geworden waren.Das waren die haltbareren Dämonen, mit denen man niemals fertig wird. Robert Gober hebt seine Teetasse.Sie ist schwer, rund und bauchig wie die aus seiner Bilderserie."Ich päppele ein Bild, das mich verfolgt", sagt er."Ich lasse es sich setzen und in meinem Kopf brüten." 1984 baute er seine ersten Waschbecken aus Gips und Emailfarbe.Ein Jahr später ragten sie aus den Wänden von Paula Coopers Galerie, blendend weiß, nackt, gleichzeitig fremd und vertraut wie Alpträume.Im übrigen sahen sie aus wie die Porzellanbecken, die sein Vater im Keller installiert hatte und die auch die beiden Großmütter benutzten, und sie sahen aus wie Waschbecken in Millionen amerikanischer Elternhäuser und schlossen sich so an Millionen amerikanische Kindheiten an. Das waren keine schlauen "readymades" wie das Pissoir von Marcel Duchamp oder die Staubsauger von Jeff Koons, keine intellektuellen Spekulationen über die Warengesellschaft oder darüber, was ein Ding zu Kunst macht.Die pingelige Handarbeit, mit der er die Industrieerzeugnisse nachbastelte, entriß sie der Gesellschaft und privatisierte sie für Gobers persönliches Gruselkabinett.Sie waren Prototypen für Erinnerungen - und zugleich altmodische Bildhauerei, deren ästhetische Qualität durch altmodische Werte bestimmt wurde wie Material, Maßstab, Oberflächenstruktur und die erst durch wiederholtes Überarbeiten zur Vollkommenheit gelangte. Die Waschbecken beschäftigten Robert Gober drei Jahre lang.Wie ein Kind, das mit Puppen spielt, gründete er Familien mit ihnen.Er machte ihnen Zwillinge, Drillinge, adoptierte ein "Stummes Becken", an dem sogar die Narben der weggelassenen Hähne fehlten, ein grotesk in die Länge gezogenes "Dummes Becken", er hängte ein "Fliegendes Becken" in die Luft.Schließlich verstümmelte er seinen Fetisch zum "Beckenlosen Becken" und ließ die Serie 1986/87 tödlich enden mit "Zwei teilweise begrabenen Becken". Schlimmer wohnen!Stück für Stück suchte nun all der bedrängende Hausrat seine Arbeit heim, der sein home ausgemacht hatte: Betten, Krippen, Laufställe, Lehnstühle, Türen; "Objekte, die dich verwandeln", sagt Gober, "Objekte, die warten, von dir benutzt zu werden."Manchmal ließ er sie wachsen und schrumpfen wie die entfesselten Dinge in Alices Wunderland, verknotete Laufgitter zur X-Form, stellte Türen an Wände ohne Ausgang. Als ein Arbeitsunfall bei der Produktion eines Laufgitters ihn zwang, systematisch seine Hand wiederzubeleben, begann er zu flechten: Hundekörbchen als Inbegriff des Behagens.Er bezog ihre Polster mit Dekorationsstoffen, die erst nach und nach in den Vollbesitz ihrer grausamen Gemütlichkeit gelangten. Die ersten Körbchen hatte er noch mit Bildern von Jägern und Enten bedruckt wie die Tapeten von Wochenendhäuschen.Das Muster der letzten zeigt einen All American Boy, den Gober aus einer Bettwäsche-Anzeige des Kaufhauses "Bloomingdale's" kopiert hatte, in inniger Umarmung mit seinem Kopfkissen.Daneben, in stummem Wechsel, neigte eich ein Baum mit einem hängenden schwarzen Mann, den Gober in einer texanischen Karikatur aus den zwanziger Jahren gefunden hatte. "Und dann fehlt irgend etwas in der Geschichte", sagt Robert Gober."Du mußt es hinzufügen: Was war das Verbrechen, was geschah wirklich, was ist die Beziehung zwischen den beiden Männern." Aber das Publikum verweigerte zunächst beharrlich das Detektivspiel.Es ignorierte das Verbrechen und begnügte sich mit der heimgewerkten Idylle.Da beschloß Gober, ihnen seinen pastellfarbenen Krimi in Monumentalgröße unter die Augen zu reiben, als Tapete.Die hüllte 1989 in Paula Coopers Galerie Wände und Publikum in ihren Kokon.In der Mitte des Raumes spreizte sich in ängstlicher Vorfreude ein leeres Hochzeitskleid, handgenäht von Gober.An den Wänden lehnten Säcke mit Katzenstreu, von Gober in Gips nachgeformt: Sie spielten Fürsorge und Hygiene.Im Nebenraum umhegte eine weitere Tapete, bedruckt mit kruden Kritzeleien von Geschlechtsorganen und gespickt mit kreuzförmigen Abflüssen, eine Tüte mit selbstgebackenen Kringeln. Und der Besucher mußte die Fäden zwischen den Dingen zu einem Netz des Unbehagens spinnen, vom heimlichen Sex zum unheimlichen Zuhause, vom schmutzigen Gedanken zum sauberen Herd und zurück, so wie aus versprengten Zahlen im Rätselheft unter dem Buntstift des Kindes ein Elefant wächst. Damit hatte sich Gobers Instrumentarium der heimischen Folter, sein Katalog der Familienwerkzeuge, zum Bühnenbild gerundet.Und damit begann seine Berühmtheit. 1990 richteten ihm das Rotterdamer Museum Boymansvan Beuningen und die Berner Kunsthalle Retrospektiven aus; 1991 ließ er seine Fetische im Pariser Jeu de Paume und 1992 im Museum Reina Sofia zu Madrid spuken.Im selben Jahr gingen seine Geister im New Yorker Dia Center for the Arts und auf der Kasseler documenta um, und 1993 schreckten sie die Londoner Polizei - die ordnete an, am Eingang zu Gobers Installation mit der Genitalien-Tapete in der Serpentine Gallery Warnschilder für Sensible anzubringen, und sie ließ die Fenster zum Hyde Park zuhängen. Die Betrachter spielten jetzt mit.Die schwarzen Angestellten des Washingtoner Hirshhorn Museums etwa, wo Gober 1990 für eine Gemeinschaftsarbeit mit der Appropriations-Künstlerin Sherrie Levine seine Tapete mit dem schlafenden und dem hängenden Mann verklebte, protestierten gegen den Rassismus, den sie in dem Muster zu entdecken glaubten."Es war eine Arbeit über Rassismus", verteidigt sich der Künstler, "aber es war sicherlich keine rassistische Arbeit." Nichts liegt dem ernsten, stillen Mann ferner als Provokation.Aber Gobers verlassene Tatorte häuslicher Gewalt und terroristischer Liebe, die er mit der Pedanterie einerhäkelnden Mutter ausstaffierte, zwangen jetzt die Betrachter, ihre Rollen einzunehmen. "Zwei Dinge vor allem habe ich vom Katholizismus gelernt", sagt Gober: "Die Beschäftigung mit dem Körper und die theatralische Präsentation der Geheimnisse des Lebens." Die Bühne war da, aber der Körper wartete noch auf seinen Auftritt.Da sah Gober auf einem Flug in die Schweiz, wo er die Eröffnung seiner Retrospektive in der Berner Kunsthalle besucht hatte, dieses Bein.Es gehörte einem Geschäftsmann auf dem Nebensitz, die Hose war hochgerutscht und entblößte einen weißen haarigen Streifen oberhalb der Socken."Ich wollte eine Skulptur über diesen Moment machen", sagt Gober."Wenn man hinter die Fassade blickt und die wirkliche Person entdeckt." Und so goß er sein eigenes Bein in Wachs ab, pflanzte akribisch mit der Pinzette Haare hinein, die er von einer Perückenfabrik bestellte, zog ihm eine maßgeschneiderte Hose und seine eigenen Schuhe an und ließ es waagerecht aus der Tapete ragen, und plötzlich paßte es wieder in die eigene Geschichte: "Das Bild habe ich in den Dias aus den achtziger Jahren wiedergefunden", sagt er. Und wie in den Filmen David Lynchs war nun in Gobers Werk auf die domestizierte Idylle das nackte Grauen gefolgt.In seinen Wachsfigurenkabinetten ließ er den Körper in der Folge bis zur Hüfte aus der Wand wachsen, wie er es in einem Höllenbild des Hieronymus Bosch vom Ende des 15.Jahrhunderts gesehen hatte; mal machte sich der Brustkasten selbständig oder der Hintern.Seine seltsam lebendigen Leichenteile dekorierte er mit Noten, drapierte sie feierlich in Naturtapeten, weihte sie mit Kerzen und schändete sie mit Ausgußteilen. "Ich erinnere mich", erläuterte Gober einmal, "daß meine Mutter, bevor sie Kinder hatte, als Krankenschwester in einem Operationssaal arbeitete, und sie hat uns Kinder immer mit Geschichten aus dem Krankenhaus unterhalten.Eine ihrer ersten Operationen war eine Amputation.Die Arzte sägten ein Bein ab und gaben es ihr in die Hände." Inzwischen kosten seine Skulpturen zwischen 120000 und 240000 Mark; seine Waschbecken erbringen aufAuktionen bisweilen 300000.Für seine letzte Ausstellung in Paula Coopers Galerie ließ er eins dieser sorgsam bekleideten und behaarten Männerbeine zwischen zwei engerlinghaft nackten Frauenschenkeln hervorragen.Einen Männertorso mit Abflußlöchern sperrte er unter einen bronzenen Gully, und zur Bewachung der grausigen Gliedmaßen ließ er wieder die Abgeordneten des home sweet home Schmiere stehen: die mehr als zwei Meter hohe bemalte Holzattrappe einer Frühstücksflockenschachtel mit einem diabolisch strahlenden Knaben auf der Vorderseite und dazu zwei meterlange Butterstücke aus pigmentiertem Bienenwachs. Seit jenem Mai hat ernichts mehrproduziert, sondern nur probiert - vergebens: "Ich hatte keine Bilder im Kopf."Er liest vier Tageszeitungen am Tag, aber unter keinen Umständen Romane; seine Assistenten hat er beurlaubt, um die Dämonen nicht zu verstören.Gespenster kann man nicht zwingen."Bei jedem anderen Künstler hätte ich mir Sorgen gemacht", sagt seine Galeristin."Zu Robert habe ich Vertrauen.Ich weiß, daß er über die Dinge nachdenken muß." Die Spätsommersonne hat sich noch einmal zum Mittag hochgehangelt, sie spielt mit den dunkelgrünen Blättern vor Gobers Balkon und beleckt sie mit gelben Sprenkeln.Da platzt ein scharfes Zischen in die Stille. Robert Gober wird unruhig."Ich muß nachsehen, was das für ein Lärm ist."Er späht über das Balkongeländer.Dann tritt er wieder an den Tisch zurück."Es ist nur die Nachbarin.Sie spült den Hof mit dem Schlauch." Aber wer sich ins Gedächtnis ruft, wie David Lynchs Film "Blue Velvet" anfing, der erinnert sich an ein glühendes Flimmern aus dunkelgrünen Blättern und gelben Sprenkeln von der Sonne.An ein puritanisches Arkadien.Und darin liegt dann plötzlich dieses abgeschnittene Ohr.
