Ausgabe: 12 / 1994
Seite: 52-55

Kämpfen, klagen und auch hoffen

Von Simon Watson

Leben mit Aids im zweiten Jahrzehnt.Allein in den USA sind schon eine Viertelmillion Menschen an der Krankheit gestorben,

und über zwei Millionen sind HIV-positiv.Die Kunstwelt ist nur ein Bereich von vielen, die am Ende des 20.Jahrhunderts von der Epidemie heimgesucht werden.Aber die Kunst hatte dabei so viele Verluste zu beklagen, daß ihre Entwicklung entscheidend beeinflußt wurde. Kunst, die sich auf Aids bezieht, hat längst einen Stammplatz in New Yorker Galerien und Museen, und das Gespräch dreht sich längst nicht mehr nur um Handelsinteressen, sondern immer häufiger um Einzelschicksale und Situationen zwischen Leben und Tod. Auf der New Yorker Szene, die besonders heftig mit Aids geschlagen ist, setzen sich Künstler seit Mitte der achtziger Jahre mit der Seuche auseinander.Ross Bleckner, Robert Gober, Andres Serrano und Nan Goldin, mittelbar oder unmittelbar betroffen, reagierten mit Werken voller Trauer auf die wachsende Zahl der Toten.Bleckners elegische Gemälde mit Anklängen an Tod und Totenkult, an Vogelflug und barocke, dem Betrachter verschlossene Portale - diese dunklen Bilder, auf denen Ziffern in Frakturschrift die Anzahl der Aids-Toten zum Zeitpunkt des Mal-Akts festhielten, sind Musterbeispiele für die erste Phase einer auf Aids bezogenen Kunst.Gemessen an dem, was folgte, waren Bleckners Arbeiten relativ zahm.Und doch trafen sie die unterschwellige Aids-Verdrängung und den subtilen Schwulenhaß auf der New Yorker Kunstszene wie ein Schlag ins Gesicht. Als die Bilder 1985 und 1986 in der Galerie Mary Boone ausgestellt wurden, befürchtete ein bekannter Künstler dieser Galerie, Bleckner ruiniere damit seine Karriere.Er sprach aus, was damals auch reaktionäre Politiker dachten: Über 40000 Amerikaner waren der Epidemie bereits zum Opfer gefallen, als Präsident Ronald Reagan es 1986 erstmals wagte, das Wort Aids in den Mund zu nehmen. Als einzige westliche Industrienation kennen die Vereinigten Staaten keine staatliche Gesundheitsfürsorge, eine Errungenschaft, die sie mit Südafrika teilen - ein Skandal.Also steht Hilfe im Krankheitsfall nur denjenigen zu, die sie bezahlen oder ihrer Regierung abtrotzen können.Um der Regierung in Washington Beine zu machen und entsprechende Gesetze auf den Weg zu bringen, bildeten sich Basisbewegungen wie "Act up".Zu ihren Versammlungen strömten erst Hunderte, dann Tausende.Und diesen Bürgerinitiativen für mehr soziale Gerechtigkeit im Gesundheitswesen schlossen sich bald auch Teile der New Yorker Kunstwelt an. In den schrillen achtziger Jahren hatte sich dort eine im Kern nihilistische Haltung breitgemacht, eine Konsumwelt-Kunst, die zum Glück vielen Künstlern eines Tages nicht mehr paßte.Angespornt durch erste Erfolge der Aktivisten von "Act up" und anderen Organisationen, fand die Kunstszene um 1988 den Mut, sich wieder mehrpolitisch und sozial zu engagieren.Und das hatte unmittelbare Folgen für die Kunst. Im Kampf um Gesundheitsfürsorge, öffentliche Unterstützung für Aids-Kranke und gesetzlich sanktionierten Schwangerschaftsabbruch formierte sich eine Allianz von Organisationen der Frauenrechtsbewegung wie "Women's Action Coalition" oder "Women's Health Action and Mobilization" und Künstlerkollektiven wie "Group Material", "The Silence-Death Project" und "Gran Fury", die ihre Kunst in oft ruppigen Aktionen und Installationen wieder an der Gesellschaft orientierten.An die Spitze dieses neuen Aufbruchs setzten sich jedoch Einzelgänger wie John Lindell, Marlene McCarty, Donald Moffett, Adam Rolston und Greg Bordowitz.Sie begriffen ihre Arbeit als Politikum, als soziale Kunst im Zeichen von Aids.Zu ihnen stießen Kollegen wie das Team "Fierce Pussy" und die documenta-9-Teilnehmerin Zoe Leonard, die feministische Positionen der Lesbierinnen einbrachte.Der in Puerto Rico geborene Bildhauer Pepon Osorio machte in seinen Installationen die Ausbreitung von Aids unter seinen Landsleuten zum Thema.Lyle Ashton Harris, schwarz, schwul und HIV-positiv, untersuchte die Problematik von Rasse und Geschlecht. Herbst 1992.Ein neuer Präsident wird gewählt.Die Spannung steigt.Nach zwölfJahren Reagan und Bush sehnt die Bewegung geradezu verzweifelt eine Wende herbei.Ironie der Ereignisse: Kaum hat es ihr Kandidat Bill Clinton geschafft, scheint die Allianz fast allen Elan einzubüßen.Der Druck hat nachgelassen, und nun zeigt sich Verschleiß.Viele Einzelkämpfer aus den Vereinigungen sind nach vielen Jahren aufreibender Opposition ausgebrannt, andere inzwischen an Aids gestorben. Einen Tiefpunkt markiert zudem die internationale Berliner Aids-Konferenz vom Sommer 1993 : Die Wissenschaft sieht keinen Durchbruch bei der Bekämpfung der Epidemie; in absehbarer Zeit ist weder ein wirksames Medikament noch ein Impfstoff zu erwarten."Die Perspektive hat sich verschlechtert", kommentiert der amerikanische Maler und Gesundheitsrechtler Anthony Viti, "am Horizont zeichnet sich keine Rettung ab, nicht einmal in zehn Jahren.Aber wenn es schon keine Rettung gibt - gibt es denn wenigstens irgendwo Hoffnung?"Viti ist ein Künstler, der sich mit seiner Bilderserie "Elegien" einerseits auf die Aids-Problematik und andererseits auf das Eiserne Kreuz als Zitat in den Bildern des amerikanischen Malers Marsden Hartley ( 1877 bis 1943) bezieht. Bedroht von der chronischen Krankheit, haben viele Nachwuchskünstler auf der durch Aids dezimierten Szene über ihre künstlerische Auseinandersetzung mit Themen wie Trauer, Politik und Sexualität neu nachgedacht.Im Gegensatz zu den spektakulären Arbeiten ihrer militanten Kollegen, etwa von "Group Material", fallen ihre Werke heute eher kontemplativ, introvertiert und privat aus. Ein Beispiel dafür sind die Arbeiten von Felix Gonzalez-Torres, der davon ausgeht, daß sich "Bedeutung" in der Kunst stets von eigener Erfahrung ableitet.Er hat seinen Lebenspartner Ross durch Aids verloren, und seither kreist seine Arbeit um den Verlust geliebter Menschen, um die Einsamkeit der Überlebenden und das Wagnis, tiefem Schmerz zum Trotz neuen Lebensmut zu entwickeln. Seine Arbeit "Ohne Titel (Gurgel)" besteht, wie viele seiner Installationen, aus einem riesigen Haufen eingewickelter Bonbons.Damit nimmt er Strukturen der Konzeptkunst der sechziger Jahre auf, konterkariert sie aber zugleich durch persönliche Bezüge.Im Jahr 1991 hat den Künstler ein zweifacher Verlust betroffen: Zuerst starb der Gefährte Ross, der sich im Krankenhaus, kurz vor dem Sterben, Linderung von Hustenbonbons der Marke "Ludens" versprochen hatte.Und einen Monat später starb auch der Vater von Gonzalez-Torres.Dessen Taschentuch, unter dem Bonbonhügel begraben, macht das scheinbar banale Künstler-Arrangement zum individuellen Epitaph. Andere Plastiker wie Tony Feher oder Jack Pierson reflektieren in Assemblagen und Installationen fragmentarisch die Enttäuschungen ihrer Kindheit und ihr heutiges Außenseiter-Schicksal mit ordinären Versatzstücken vom Müll.Oliver Herring, Charles LeDray und Jim Hodges verfremden Kleidungsstücke, bis eine Klage über Leere und Einsamkeit daraus wird.Die Installation "Transcrypts" von Simon Leung besteht aus 100 Plexiglasfächern mit vielen penibel durchlöcherten Blättern, die an den berühmten Brief erinnern sollen, in dem Marie Antoinette, die 1793 hingerichtete Frau Ludwigs XVI., vergeblich um ihr Leben fleht.Der Blick des Betrachters schweift über Leungs Loch-Karten, macht sich ein Bild von Körper- und Sprachfragmenten und erfährt so ganz sinnlich, was Fragilität, also Hinfälligkeit, im Zeitalter von Aids bedeutet. Auch die Denkmäler werden nun individueller.So hat der Performance-Künstler Hunter Reynolds ein Schamanen-Stück entwickelt, das Gesunden ihre Bedrohung bewußt und Erkrankten Hoffnung auf mögliche Heilung machen soll.Sein "Patina du Prey's Memorial Dress", elegantes Kostüm, Skulptur und Performance-Requisit in einem, wendet sich an alle, die Aids fürchten, um Aids-Opfer trauern oder selber HIV-positiv sind.Das Gewand ist mit den Namen von 25000 Aids-Toten bedruckt und kreist auf einem Podest zu leiser Musik langsam um seine Achse.Für die Betrachter liegt ein Buch auf, in das sie ihre Kommentare und die Namen ihrer Freunde und Angehörigen eintragen können.Und wenn es zum Schlimmsten kommt, erscheinen auch diese Namen auf dem rituellen Gewand von Hunter Reynolds, das Heilung verheißen, neue Hoffnung spenden und schwierige Trauerarbeit erleichtern soll.