Ausgabe: 12 / 1994
Seite: 161

DURCH EINEN KAEFIG FUEHRT DER WEG ZUM HAUPTBAHNHOF

Von

Architektur: Die Zentrale der Südwestdeutschen Landesbank

Die Südwestdeutsche Landes-

bank zählt zu den 100 größten Banken der Welt.Diese stolze Position demonstriert sie nun mit der kolossalen Architektur ihres Neubaukomplexes an der Nordwestseite des nicht minder einschüchternden Stuttgarter Hauptbahnhofs. Wer Geld hat, zeigt es gern.Von feinem Understatementhalten die baden-württembergischen Chefbanker nichts: Sie trumpfen auf und besetzen ein Filetstück der Stadt mit einem protzigen Verwaltungszentrum, das als Doppelriegel mit Quersoangen zur schier unüberwindbaren Geldfestung ausgebaut wurde, 240 Meter lang und 85 Meter breit. Dabei hätte die Chance bestanden, das frühere Areal des Güterbahnhofs im Herzen Stuttgarts durch eine vielteilige Nutzung lebendig zu gestalten.Statt dessen herrscht Monotonie: 2000 Angestellte wickeln die Geldgeschäfte des Unternehmens auf 190000 Quadratmetern ab - in einem Ambiente, das immer zwischen schick und bieder schwankt, zwischen formaler Eleganz und dem bloß angeberischen Auftrumpfen mit luxuriösen Materialien. Verantwortlich für die Architektur des gewaltigen Landesbank-Flaggschiffs ist das Stuttgarter Büro Brunnert, Mory, Osterwalder und Vielmo, das den Auftrag als Gewinner in einem gemeinsam von Stadt und Bank ausgelobten Entwurfswettbewerb erhielt.Warum sich die Jury für das Team entschieden hat, ist allerdings nicht zu begreifen.Zwar heißt es in der vollmundigen Erläuterungsprosavon Hasso Mory und Manfred Vielmo, ihre Groß-Architektur empfänden sie nicht einfach als ein Gebäude, sondern eher als ein "Stadtquartier mit einer abwechslungsreichen, spannenden und lebendigen Raumfolge". Wenn sie damit die durch zwei Quertrakte geteilte Innenhoffläche gemeinthaben sollten, so ist das pure Selbstbeweihräucherung; Die angesprochenen Plätze wirken trotz ihrer Größe und der Überfülle an gestalterischem Schnickschnack bedrückend und öde.Weshalb sollte sich auch jemand dorthin verirren?Um die reichlich strapazierte Kontrastwirkung hell und dunkel gestreifter Natursteinverkleidungen zu genießen?Um den schwarzen Glanz perfekt polierter Säulen zu bewundern?Um die (aus Angst vor Einfachheit) verwirrend häufig wechselnden Fassadenformen auf ihren Sinn zu überprüfen?Es gibt keinen: Die mal senkrecht, mal waagerecht gegliederten Fronten sind reine Dekoration. Mit erheblichem Aufwand wurde eine lange stählerne Rampe, die einen der Höfe mit dem oberen Eingangsforum verbindet, künstlerisch aufgewertet: Der bekannte Objektplastiker Siah Armajani durfte das untere Ende des verschließbaren Steges mit einem massiven Metallkäfig vergittern.Ein seltsamer Einfall für eine Passage, die ausdrücklich dazu dient, außer Bankkunden auch andere Fußgänger anzulocken - denn der Weg durch das Bankhaus wird unterirdisch zu den Gleisen des Bahnhofs fortgesetzt. Ein sogenanntes "Stadttor" dient als weitere Öffnung zu den Höfen.Es durchbricht einen hohen Gebäudesockel, der durch zwei Reihen schwarzer Säulen aufdringlich monumental wirkt.Die sich darüber erhebende Natursteinfassade, konkav gebogen und mit gleichförmig-langweiligen Profilrippen versehen, hängt dementsprechend optisch in der Luft. Gelungener ist das eigentliche Entree der Landesbank, das sich jedoch vergleichsweise unauffällig an der vom Bahnhof abgewandten Langseite befindet.Um möglichst viel Tageslicht in die großzügige Eingangshalle zu leiten, wurde hier die Fassade bühnenartig geöffnet und voll verglast.In der Halle, die im vorderen Bereich durch alle Geschosse hindurch offen ist, zieht sofort die weiße Spirale einer Wendeltreppe die Blicke auf sich. Diese Treppe schließt harmonisch an die sanft geschwungenen Galerien an, von denen aus jeweils zwei der großzügigen Querflure zu erreichen sind.Die übrigen Flure jedoch - ausgerechnet die besonders langen sind eng und dunkel; überhaupt geht es auf den Normalgeschossen ausgesprochen konventionell zu.Die Büros, zu Hunderten parallel aufgereiht, zeigen weder Pfiff noch Ideen.Als ob Bauherren und Baumeister von neuen, menschenfreundlicheren Lösungen in der Verwaltungs-Architektur noch nie etwas gehört hätten.