Ausgabe: 12 / 1994
Seite: 120
JEAN COCTEAU BEDANKTE SICH AUS VERSEHEN
Von Joachim Hauschild
München: Helmut Kolle
In einer Retrospektive erinnert das Lenbachhaus an den deutschen Maler Helmut Kolle (1899 bis 1931) Das Schlüsselbild trägt im Katalog die Nummer 63 : "Der Enthusiast - Bildnis Jean Cocteaus" (1930). Dieses Gemälde war es nämlich, das Hartwig Garnerus, Geschäftsführer der Münchner Theo Wonnland-Stiftung, vor einigen Jahren erworben hatte -"ohne die geringste Kenntnis von,seinem Urheber", wie er zugibt. Helmut Friedel jedoch, Leiter des Lenbachhauses, war von dem Bild so begeistert, daß ervorschlug, dem Maler Helmut Kolle eine Retrospektive zu widmen, zu der jetzt mehrals 75 Bilder in seinem Haus zusammengekommen sind.
Die Leidenschaft des Sammlers war geweckt, dem einen Bild folgten viele, und Hartwig Garnerus wurde zum Kenner des beinahe vergessenen Künstlers. Die vier neuen Beiträge des Ausstellungskatalogs sind von ihm; dazu gibt es einen Nachdruck der 1935 erschienenen Monografie von Wilhelm Uhde, dem Lebensgeführten Kolles. Er war Schriftsteller und Sammler, dem die deutsche Kunstwelt die Entdeckung des Malers Henri Rousseau und die erste Würdigung von Pablo Picasso und Georges Braque verdankt.
In Frankfurt hatte der in Berlin geborene Kolle Zeichenunterricht bei Erna Pinner, einer Schülerin des Nabis-Meisters Maurice Denis. Sein Interesse galt jedoch zunächst der Literatur, und erst unter dem Einfluß Uhdes, den er 1918 kennenlernte, begann er zu malen. Aus der Zusammenarbeit der beiden Männer entstand 1920 die Zeitschrift "Die Freude", in der Kolle einen Beitrag "Wider den Expressionismus" veröffentlichte. Tatsächlich vertrat er in seinen Arbeiten schon früh eine neusachliche, neuklassische Bildauffassung.
Nach ersten Ausstellungserfolgen in Berlin und Dresden gingen die Freunde 1924 nach Paris, wo Kolle die Werke von Picasso und Braque studierte und den Gemälden von Diego Velazquez, Francisco de Goya, Gustave Courbet und Edouard Manet begegnete. Für seine erste Schau in Paris 1925 schrieb der französische Dichter Jean Cocteau ein Katalogvorwort in Versen.
Bevorzugtes Sujet Kolles ist der junge Mann - als Matrose, Sportler, Torero oder Soldat, oft isoliert vor einfarbigem Hintergrund. Die deutsche Kritik diffamierte den Maler als "erotisierenden Französling"; auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der homosexuelle Aspekt seiner Kunst tabuisiert.
Nach Kolles Tod im Jahr 1931 in Chantilly schreibt Wilhelm Uhde: "Wenn man etwas Endgültiges über das sagen wollte, was Kolle der Welt hinterläßt, so müßte man es bezeichnen als das Werk eines deutschen Gericault." Und der Sammler Hartwig Garnerus lobt die "geradezu manische Dichte" im Werk des Künstlers, die "in unserem Jahrhundert nur bei Picasso und Francis Bacon zu finden ist. Gemalt wird, was Lust bedeutet und was Leiden schafft." Zur Ausstellung (7. Dezember bis 5. Februar) erscheint ein 250 Seiten starker Katalog. Bei Redaktionsschluß stand der Preis noch nicht fest.
