Ausgabe: 12 / 1994
Seite: 17
KUNST-SZENE NEW YORK 07 STARKE FRAUEN IN NEW YORK
Von Susanne Lingemann
Ein Samstag im Oktober 1993 " Mehr als 100 Frauen waren vor die Pace-Galerie in der 57. Straße ge-
zogen; die Trommlerinnen der Frauenrechtsorganisation WAC (Women's Action Coalition) schlugen den Takt zu Schlachtrufen gegen Sexismus und Rassismus der Galerie, die nur eine Frau und keinen einzigen Farbigen im Programm hat; "Hey Pace", sangen die Demonstrantinnen, "mach endlich Platz für den Rest der Menschheit."
Die Demo war eine Reaktion auf ein provozierendes Titelbild im Sonntagsmagazin der "New York Times": Ein Star-Team von elf weiß gekleideten, männlichen Künstlern umringt den Pace-Chef Arnold Glimcher. Im Zeitalter von Multikulturalismus und politisch korrektem Verhalten konnte eine international einflußreiche Galerie damit nicht ungeschoren davonkommen.
Inzwischen hat Pace/Wildenstein neben Agnes Martin auch die Bildhauerin Kiki Smith in ihr Programm aufgenommen. Frauen spielen eine immer wichtigere Rolle in der New Yorker Kunstszene. Von 150 Einzelausstellungen, die der New Yorker Galerien-Führer im Oktober 1994 in SoHo erwähnte, zeigten 58 Kunst von Frauen. Jenny Holzer und Louise Bourgeois haben die USA bei den letzten beiden Biennalen von Venedig vertreten, Betye Saar ist für die Biennale in Sao Paulo ausgesucht worden: "Die Zeit war nie besser für Frauen", meint Lisa Phillips, Kustodin am Whitney Museum. "Frauen fühlen sich im Moment sehr stark. Das ist ein tolles Gefühl, zu dem besonders Gruppen wie WAC und die Guerilla Girls beigetragen haben."
Während der achtziger Jahre, als Künstler wie Julian Schnabel, David Salle und Eric Fischl mit Macho-Gehabe als Superstars gefeiert wurden, zeigte Kiki Smith ihre Zeichnungen und plastischen Arbeiten in den Kellern des East Village oder den alternativen Ausstellungsräumen des Künstler-Kollektivs "Colab" in der South Bronx. Aufeine Kunstakademie ist sie nie gegangen. Ihr Vater, Tony Smith, war Künstler, ein Vertreter der Minimal Art, und das Leben im Elternhaus drehte sich um seine Arbeit. Mit 24 Jahren nannte Kiki sich dennoch Künstlerin: "Für mich sind Leben und Arbeit untrennbar miteinander verbunden. Ich tue, was natürlich für mich ist." Doch erst 1988, mit 34, hatte sie ihre erste Einzelschau.
Ihre Arbeiten trafen den Zeitgeist. Der Körper war das Schlachtfeld, auf dem politisch heiße Themen wie Aids und Abtreibung, Homosexualität und der Streit um Zensur durch die Kulturstiftung National Endowment for the Arts (NEA) ausgetragen wurden. Kiki Smith wurde berühmt durch ihre Wachsskulpturen von gequälten Frauen, die über den Boden kriechen, und durch ihre geisterhaft leichten, hautähnlichen Hüllen aus Reispapier oder Pappmache. "Meine Kunst handelt von mir in meiner Haut", sagt sie. "Ich kannibalisiere meine eigene Erfahrung."
Bei "Colab" lagen auch die Anfänge von Jenny Holzer, die seit Ende der siebziger Jahre mit aphoristischen Einzeilern auf Plakaten und Aufklebern New Yorker Passanten verwirrte: "Mord hat auch eine sexuelle Seite."
Auf elektronischen Anzeigetafeln über dem Times Square fanden die provokativen "Truisms" ein noch breiteres Publikum - und die Künstlerin installierte sie überall: auf öffentlichen Plätzen und in Museen, als eigenständige Arbeiten oder in drückenden Arrangements mit Sarkophagen und Marmorbänken, in denen die Sentenzen wie für die Ewigkeit eingemeißelt waren.
"Ich bin in den sechziger Jahren aufgewachsen", sagt Holzer, "und will Kunst machen, die man verstehen kann. Meine Arbeit ist politisch, weil sie Themen von Leben und Tod behandeln. Es ist eine Art Warnung. Ich möchte Leute dazu ermutigen, Leben zu retten."
Spätestens Mitte der achtziger Jahre wurde die politische Linke gegen die Regierung Reagan aktiv - doch die Frauen mußten sich erst Gehör verschaffen. Eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst des Museum of Modern Art im April 1985 gab ihnen eine erste Gelegenheit dazu: Von 169 Teilnehmern waren weniger als zehn Prozent Frauen. Mit Gorillamasken verkleidet, zog eine Gruppe zorniger Künstlerinnen, die "Guerilla Girls", durch das Galerienviertel SoHo und klebte Plakate mit der empörenden Statistik an die Hauswände. Zu lesen waren die alphabetisch geordneten Namen von 45 Künstlern von Arman bis Peter Voulkos und die Frage: "Was haben alle diese Künstler gemeinsam?" Antwort: "Sie zeigen ihre Arbeiten in Galerien mitweniger als zehn Prozent Frauen."
Schon 1976 hatte Elizabeth Murray ihre erste Einzelschau in der Galerie von Paula Cooper gehabt. Die Malerin war neun Jahre zuvor aus dem Mittleren Westen nach New York gekommen; Minimal- und Konzeptkunst beherrschten die Szene - die Malerei war gerade mal wieder totgesagt worden.
Elizabeth Murray ließ sich nicht beirren und entwickelte eine eigene Bildsprache. 1988 zeigte sie im Whitney Museum ihre dreidimensional erweiterten Leinwände, aus denen sich abstrakte Formen und angedeutete Objekte wie Hände, Tassen und sogar Babies wölbten. Energie und Witz dieser Kompositionen sicherten der Künstlerin bis heute den Ruf, die Malerei wieder ins Gespräch gebracht zu haben-und zugleich eine Kämpferin für die Sache der Frauen zu sein: "Es ist Zeit", sagt sie, "daß die anderen an die Reihe kommen: Schwarze, Homosexuelle - jeder, der nicht Teil der Macht ist."
Auch Nancy Spector, Kustodin am Guggenheim Museum, ist überzeugt, daß die männliche Dominanz im Kunstbetrieb einseitige Trends fördert: "Ich glaube", sinniert sie, "daß der Markt im allgemeinen männliche Künstler privilegiert. Die meisten Museen werden immer noch von Männern geführt. Das muß einen Einfluß haben."
Schlagworte wie das von der "multikulturellen Gesellschaft" oder die verbreitete Forderung nach politisch korrektem Verhalten erregen mittlerweile die Verdrossenheit der Kritiker, etwa bei der letzten Whitney-Biennale der zeitgenössischen Kunst Amerikas. "Sie mag übers Ziel hinausgeschossen sein", räumt auch Lynn Zelevansky ein, die als Kustodin am Museum of Modern Art kürzlich in einer ersten Gruppenshow ausschließlich Kunst von Frauen gezeigt hat. "Aber wenn die Flut zurückgeht, bleibt ein neuer Küstenstreifen: Wir sind stärker sensibilisiert."
Lorna Simpson ist eine der von Kritikern gelobten Teilnehmerinnen der letzten beiden Whitney-Biennalen. Die Konzeptkünstlerin war die erste Schwarze auf der "Aperto"-Schau der Biennale 1990 in Venedig und die erste, der das Museum of Modern Art einen Projektraum zur Verfügung gestellt hat. Thema ihrer Foto-Arbeiten ist die Sprache von Körper und Kleidung. Nie zeigt sie die Gesichter ihrer Modelle, immer karger werden ihre Andeutungen: In ihren jüngsten Arbeiten läßt sie ihr Publikum oft nur mit einem Paar Schuhen zur Projektion eigener Erfahrungen allein. Als Künstlerin jedoch fühlt sich Lorna Simpson manchmal mißverstanden: "Einige Kritiker verstehen meine Arbeit nur unter dem Aspekt meiner afroamerikanischen Herkunft", klagt sie, "und sie vergessen darüber die universale Bedeutung, die unser Körper hat."
Cindy Sherman gehört zu den Gründungsmitgliedern der Frauenrechtsbewegung WAC. Zunächst waren es nur Künstlerinnen, die nach dem Vorbild der militanten Homosexuellen-Gruppe "Act Up" Aktionen vorbereiteten, doch bald kamen 800 bis 1000 Frauen aus der ganzen Stadt zu den wöchentlichen Treffen ins Village, um an Demonstrationen zu arbeiten, die oft den Charakter von Performances hatten.
Cindy Sherman wurde bekannt durch ihre fotografisch dokumentierten Performances, in denen sie selbst posierte und in Masken, Kostümen und Installationen weibliche Rollenklischees von den Alten Meistern über den Hollywood-Film der fünfziger Jahre bis zur Gegenwart erkundete. Schon mit 28 Jahren war sie Gast der documenta 7 1982 in Kassel und der Biennale von Venedig, doch bis heute hat sie über ihrem Erfolg nicht vergessen, daß sie eine Ausnahme von der Regel ist: "Ich glaube immer noch", sagt sie, "daß du als Frau doppelt so gut sein mußt."
Maya Lin gelang schon 1981 als Architekturstudentin der große Wurf. Unter mehr als 1400 Vorschlägen wurde ihr Entwurf für ein Vietnamkriegs-Denkmal in Washington ausgewählt. Inzwischen besuchen täglich Tausende die Klagemauer aus blankpoliertem schwarzen Granit, in den die Namen von 57939 Gefallenen und Vermißten eingemeißelt sind.
Der Erfolg blieb der chinesisch-amerikanischen Grenzgängerin zwischen Architektur und Skulptur treu: Seit Oktober zeigt ihre Installation "Zeitenfinsternis" unter der Decke des New Yorker Bahnhofs Penn Station im Spiel aus Licht und Schatten die Zeit an. Vier Plastiken für den Innenhof eines Gerichtsgebäudes sind in Arbeit, für die Ford-Stiftung entwarf sie eine Installation aus einem Wasser-Tisch mit einem Relief der Erde und Bänken aus Recycling-Holz, die an die Gefährdung der Umwelt gemahnt.
Nicole Eisenman dagegen gibt sich betont respektlos und bissig.In ihrer Fotocollage "Fat Cat" etwa macht sich die bekennende Lesbierin über das Genie-Gehabe ihrer männlichen Kollegen lustig, indem sie sich in die Mitte stellt, umringt von lauter leicht bekleideten Mädchen. "Nicole Eisenmans Studio-Assistenten" ist darunter zu lesen.
Das Enfant terrible genießt den Erfolg auf der Szene, von einer Benachteiligung von Frauen in der Kunst will sie nichts hören: "Vielleicht war es zunächst sogar karrierefördernd", vermutet sie. "Doch wenn du nichts bringst, dann wirst du ganz schnell wieder fallengelassen." zur Brutalität des Alltags Seit Ende der siebziger Jahre macht Jenny Holzer, 44, Kunst mit Worten. Ihre provokativen "Truisms", also "Wahrheiten", verbreitet sie auf T-Shirts, Plakaten und Aufklebern: "Schütze mich vor meinen Wünschen", "Privateigentum schafft Verbrechen". "Dumme Menschen sollten sich nicht fortptlanzen". "Poetische Gesellschaftskritik" nennt die New Yorkerin ihre Kunst, mit der sie 1982 Gast der documenta war und 1990 als erste Künstlerin ihr Land auf der Biennale von Venedig vertreten hat
Aids und Rollenverhalten, Angst und Gewalt sind Themen ihrer mal flammenden, mal meditativen Sätze, die sie in Bänke und Sarkophage aus Marmor meißelt oder in Gelb, Rot und Grün über Leuchttateln huschen läßt - 1989 etwa im schneckenförmigen Aufgang des Guggenheim Museums.
In ihrem neuen Zyklus "Lustmord" bezieht sie Stellung zu den Massenvergewaltigungen in Bosnien. Als Tätowierung auf nackter Haut oder als flimmerndes Spruchband im Inneren eines finsteren Zylinders verbreitet sie Entsetzen, Verzweiflung, aber auch kämpferisdche Auflehnung "Da wo Frauen sterben, bin ich hellwach. Klaustrophobische Gefühle der Bedrohung: In ihrem neuen Zyklus "Lustmord" nimmt die Biennale-Preisträgerin Jenny Holzer Stellung zum Bürgerkrieg und zu den Massenvergewaltigungen in Bosnien. Ihre elektronischen Spruchbänder dazu installiert sie im dunklen Inneren von engen Zylindern Dos Medium ist die Botschafft: 1989 eroberte Jenny Holzer mit ihren provokativen Formeln auf elektronischen Spruchbändern das New Yorker Guggenheim Museum MURRAY ORGIEN IN DER KAFFEE-TASSE Flache Leinwand war ihr schon eine Einschränkung; Elizabeth Murray, 54, ging in die dritte Dimension - und zählt heute in Amerika zu den wichtigsten Künstlern ihrer Generation.
Ihr Malgrund wölbt und wellt sich über einer komplizierten Holzkonstruktion, bauchige, organische Formen brechen hervor, bedeckt und akzentuiert von einer dichten, krustigen Pigmentschicht. Als Vorbilder nennt die Künstlerin berühmte Kollegen wie Paul Cezanne, Henri Matisse oder Joan Miro, aber auch den Comic strip. Aus intensiven Farben drängen Formfragmente und Anspielungen auf menschliche Figuren und das tägliche Leben an die Oberfläche: Explodierende Tassen und Tische mit Spaghettibeinen deuten sich im abstrakten Bildgefüge an; ein Fußabdruck erinnert im nächsten Augenblick an das berühmte Gemälde "Der Schrei" von Edvard Munch.
"Wenn ich aus dem Atelier gehe, finde ich Kunst", sagt Elizabeth Murray. "Ich male die Dinge, die mich täglich umgeben - Orgien in der Kaffeetasse."
Elizabeth Murray in ihrem Atelier. Links die Arbeit, "Mäusegedanken" (ca. 270 * 285 cm, 1994) an der Fensterwand: "Rufen" (180 * 295 cm, 1994) SHERMAN verschwindet im Klischee Ihr Medium ist Fotografie, ihr Thema sie selbst. Cindy Sherman, 40, ist Regisseurin, Maskenbildnerin und Darstellerin in einem: "Das Foto ist meine Performance, und ich dokumentiere mich selbst." Mit gerede 28 Jahren war sie 1982 zur documenta und zur Biennale von Venedig geladen, ihre Arbeiten hängen in den Sammlungen der wichtigen Museen von New York bis Tokio.
Der Durchbruch kam Ende der siebziger Jahre mit einer Serie von Aufnahmen mit dem Selbstauslöser, auf denen Cindy Sherman die Klischees der Filmwelt persiflierte und abwechselnd in die Bolle einer Hausfrau, eines Vamps oder einer Hure schlüpfte. Ihre Inszenierungen von Gefühlen wie Sehnsucht, Einsamkeit, Glück und Begierde bezeichnet Cindy Sherman als "subversive Kommentare weiblicher Rollenklischees". Sie demontiert Schönheitsideale in Selbstbildnissen, die an altmeisterliche Porträts erinnern, und kommentiert das zeitgenössische Amerika mit Horrorvisionen von ekligen Müllbergen und Ratten, mißhandelten Frauen und gemeuchelten Schaufensterpuppen. "Das Foto ist meine Performance und ich dokumentiere mich selbst." Linke Seite: Fotografie ohne Titel, 1989, rechts: ohne Titel, 1992 Ihr Atelier gleicht einem Theaterfundus:
Cindy Sherman inmitten der Requisiten für ihre fotografischen Erkundungen von Gefühlen und Rollenklischees ist eine Form des Kampfes Respektlos, makaber, voller Witz und Erotik sind Nicole Eisenmans malerische Orgien, die düsteren Realismus mit bunten Comic-Phantasien vereinen. Die 1966 in Frankreich geborene Tochter aus gutem Hause macht keinen Hehl daraus, lesbisch zu sein - und breitet ihre sexuellen Phantasien in oft schockierenden Details aus; Girl-Scouts pinkeln in einen Schwenker und servieren "Lemonade" an die Scout-Brüder; ein in der Manier des skurrilen Illustratore Norman Rockwell gemalter Baseballspieler trägt rot lackierte Fingernägel zur Schau; ein Hawaii-Mädchen wird von einer Straßengang vergewaltigt, während Orangen aus ihrem Bauch kullern.
"Ich mache weder politische noch lesbische oder feministische Kunst", betont Nicole Eisenman, die mit dicht gedrängten Bildern in einer Mischung aus Comic und Caravaggio begann und später als Werbemalerin ganze Hauswände mit Fabrikszenen im Stil des amerikanischen Realisten Thomas Hart Benton füllte. "Es hat mehr mit Humor zu tun und damit, die ganze Welt zum Thema zu machen - so wie ein Hund sein Zeichen an jedem Hydranten hinterläßt. "
Die Tochter aus gutem Hause schockiert ihr Publikum
mit oft grotesken, oft auch makabren sexuellen Phantasien, die sie in einem betont munteren Stil-Mix aus Comic strip und Caravaggio auf die Leinwand bringt aus dem Kerker der Moral Eine Frau kriecht nackt über den Fußboden, aus ihrem After quillt eine schier endlose Kotschnur. Körperhüllen aus Reispapier hängen wie Geister an Fäden. Eine enthäutete Jungfrau Maria legt ein Geflecht von Muskeln, Adern und Sehnen offen. Schmetterlinge brechen aus einer weiblichen Plastik wie aus einem Kokon. Die Skulpturen von Kiki Smith, 40, können zugleich schockierend und zerbrechlich sein; manchmal erinnern sie an anatomische Studien - und haben doch eine eigene, sinnliche Poesie.
Der Körper, befreit aus dem Gefängnis von Moral und gesellschaftlichen Normen, ist das zentrale Thema der Kiki Smith; der Körper als politisches Minenfeld, in dem Konflikte wie die Aids- und Abtreibungsdebatte ausgetragen werden. "Der Leib ist unser größter gemeinsamer Nenner", erläutert die Künstlerin. "Er macht keinen Unterschied zwischen Arm und Reich, Klasse und Rasse."
Zart und zerbrechlich oder schockierend und vulgär - in ihren Skulpturen stellt Kiki Smith die moralischen Werte der Gesellschaft in Frage hat die Schwarze eine Chance Lorna Simpson, 34, macht Konzeptkunst, indem sie systematisch die Bedeutung von Zeichen erkundet und sie dann behutsam verschiebt. In der Fotoserie "Perücken" von 1994 etwa bildete sie Frisuren auf Filz ab, und allein die Haarteile -Gesichter zeigt die Künstlerin nie - vermitteln eigen Eindruck davon, wie Äußerlichkeiten die Identität verkleiden und sogar Einfluß auf das Schicksal nehmen können. Über die einzelne Person hinaus künden die Fotos auch von eich wandelnden Schönheitsidealen und von verbreiteten Klischees gegenüber Schwarzen und gegenüber Frauen.
Den Bildern ihrer Perücken-Serie ordnet Lorna Simpson kurze Texte zu, die ebenfalls auf Filz gedruckt sind - von albernen Wortspielen wie "zwei perückte Kumpel" bis hin zu Passagen aus Erzählungen der Sklavenzeit, in denen sich eine hellhäutige Schwarze als weißer Sklavenhalter verkleidet, um so mit ihrem Mann zu fliehen.
Als Stipendiatin der
Pilchurck-Schule für Glaskunst experimentierte Lorna Simpson mit unterschiedlich
geformten Glasgefäßen. An der Wand: Foto-Arbeiten der Serie "Perücken" ist ein Gefühl aus Asien Ihr Entwurf für das schlichte Vietnamkriegs-Mahnmal in Washington machte Maya Lin vor 13 Jahren schon als Studentin weltberühmt: Die blankpolierte, schwarze Granitwand mit 57 939 Namen ist Amerikas Klagemauer geworden, der meistbesuchte Ort in der Hauptstadt.
Wahrscheinlich noch mehr Menschen bekommen die neue Installation "Zeitenfinsternis" der 35 Jahre alten Architektin und Bildhauerin zu Gesicht: Ein ellipsenförmiges Sonnensystem unter der Decke des riesigen New Yorker Bahnhofs Penn Station zeigt im Spiel von Licht und Schatten die Zeit an.
Bildhauerei und Architektur verhalten sich für die Künstlerin wie Poesie und Prosa: "Ich könnte mich niemals für nur eines von beiden entscheiden", sagt sie und führt das Streben nach Harmonie und Klarheit auf ihr asiatisches Erbe zurück: Maya Lins Eltern stammen aus China.
