art-Heftarchiv

Heftarchiv - Ausgabe: 11 / 1994

Ausgabe: 11 / 1994
Seite: 62-66

Heimkehr nach langer Irrfahrt

Von Ira Diana Mazzoni Leandro Mazzoni

Verspielt, versteigert, verschollen, verschifft, erneut unter dem Hammer, verschenkt, zersägt und umgebaut, schwarz lackiert, zerlegt und wieder aufgestellt - kaum ein Kunstwerk hat ein so bewegtes Schicksal hinter sich wie das Chorgestühl der ehemaligen Reichskartause im schwäbischen Buxheim.Es grenzt schon an ein Wunder, daß die überreich mit Arabesken, Frucht- und Blumengirlanden, Engeln und Heiligenfiguren geschmückten Eichenbänke des Priesterchors nach 100 Jahren überhaupt an ihren Ursprungsort zurückkehrten.Zu alledem ist es den Restauratoren mit detektivischem Spürsinn geglückt, das hochbarocke Gesamtkunstwerk in seiner authentischen Form wiederherzustellen.

Nach ihrer Gründung im Jahr 1402 entwickelte sich die Buxheimer Kartause vor den Toren Memmingens dank zahlreicher Stiftungen zur mächtigsten in Deutschland.Der Kreuzgang wurde auf 394 Meter Länge ausgebaut, daran schließen sich 24 Zellen an - recht geräumige Dreizimmerhäuschen mit Werkstatt, eigenem Brunnen und Nutzgarten.Den Mönchen sicherte die Bauordnung ihr Einsiedlerleben: Mitten durch die Klosterkirche führt der Kreuzgang, um gleich einem Lettner den Priesterchor abzuschirmen gegen den Bereich der Laien, die für den wirtschaftlichen Fortbestand der Gemeinschaft zu sorgen hatten.Wer die hochwangigen Chorstühle der Kartäusermönche gesehen hat, ahnt, wie sehr jeder einzelne auch im gemeinsamen Gebet in kontemplativer Einsamkeit verharrte. Nur vier Jahre, von 1687 bis 1691 " hat der Tiroler Bildhauer Ingnaz Waibl mit seinen Gehilfen an den 36 Sitzen des Eichengestühls gearbeitet.Die neue Chorausstattung im barocken Stilleitet die komplette Modernisierung des Klosters ein. 18 Jahre später werden die Gebrüder Johann Baptist und Dominikus Zimmermann mit der Umgestaltung der Klosterkirche betraut.Waibls Chorgestühl muß der Baustelle weichen.Danach paßt es nicht mehr: Die Baumeister hatten den neuen Kreuzgang zwei Meter nach Osten verlegt.Entsprechend kleiner gerät der Priesterchor.Fünf Sitze (Stallen) müssen aus dem Gestühl herausgesägt werden.Die ursprüngliche Symmetrie der Anlage geht dabei verloren.Brutal auch der Einschnitt am Portal: Nachdem das Bodenniveau im Chor bei der Renovierung angehoben wurde, stehen jetzt Portal und Gestühl gleich auf.Kein Anschluß stimmt mehr. Im Jahr 1883 bietet das Auktionshaus Dr.Carl Förster in München die verbliebenen 31 Chorstühle samt Mitteltüre an.Der Mode entsprechend - und stilgeschichtlich falsch -, preist sie der Katalog als Meisterwerke deutscher Spätrenaissance an, geeignet als Ausstattungsstücke für Kirchen, Museen oder gar Salons.Gleichzeitig offeriert der Auktionator die Bibliothekseinrichtung samt 16680 Büchern, das in Weichholz geschnitzte Gestühl des Bruderchores, Altäre und Silbergerät aus Buxheimer Beständen: Seit 1803 ist das Kloster säkularisiert, jetzt wird seine Ausstattung verscherbelt.Nur Ignaz Waibls Zelebrantenstuhl bleibt zurück - er ließ sich weder demontieren noch transportieren. Die Schuld am Ausverkauf trägt der seit 1841 in der zum Schloß umgebauten Kartause regierende Graf Hugo Philipp Waldbott von Bassenheim.Ein Spieler und schlechter Spekulant mit verschwenderischer Lebensführung und einer Schwäche für teure Pferde.Immer noch kursiert das Gerücht, er habe die drei Kilometer lange Straße nach Memmingen dick mit kostbarem Salz bestreuen lassen, um zu beweisen, daß er auch im Sommer Schlitten fahren könne.Nur durch den Verkauf von Immobilien und Kunstwerken konnte eine Zwangsversteigerung des Gesamtbesitzes abgewendet werden.Von vielen dieser Schätze fehlt bis heute jede Spur. Waibls Eichenholzgestühl taucht zunächst in Holland auf, dann wieder 1886 in einer Auktion der Firma Bonham in London.Schließlich kauft Edward Howley Palmer, Direktor der Bank of England, das Schnitzwerk für 3500 Pfund und schenkt es den Schwestern des Londoner Savior's Hospital für ihre Kapelle.Dort haben allerdings nur 18 von 31 Stallen Platz.Das überschüssige Material wird hemmungslos zersägt und zu neuen Möbeln verarbeitet: Die Rückseiten der Stühle, in deren tiefen Architekturnischen die Figuren wichtiger Ordensgründer eingestellt sind, werden in Wandvertäfelungen eingepaßt.Sitzwangen dienen als Pultstützen.Um die störenden Schnittstellen und Ergänzungen zu kaschieren, übermalen die englischen Handwerker schließlich das gesamte Gestühl mit schwarzem Lack.Ebenholz war gerade en vogue. Zu ersten Kontakten zwischen den englischen Schwestern und Buxheim kommt es, als Kapelle und Hospital von St.Savior's 1963 der Regulierung der Euston Road zum Opfer fallen.Für die neue Kapelle in Hythe in der Grafschaft Kent läßt die Priorin Sladys Cathleen Bush im Priesterchor der ehemaligen Kartause Maß nehmen - doch eine Rekonstruktion der ursprünglichen Aufstellung ist nicht geplant.Statt dessen weitere kreative Umnutzungen: Die ehemalige Portalrahmung schmückt den Hochaltar, die neue Mensa ruht auf zurechtgeschnittenen Hochwangen des alten Chorgestühls. Durch Zufall erfährt Karl Ludwig Dasser vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege 1979 am Rande eines Symposions in England, daß sich das Kloster in Hythe von seinem Buxheimer Gestühl trennen will.Die Schwestern müssen das Hospital aufgeben, in der Kapelle soll ein Labor eingerichtet werden.Die Priorin hält es für das beste, wenn das zurechtgestutzte Kunstwerk an seinen ursprünglichen Ort zurückkehrt.Doch das Kuratorium des Klosters schaltet das Auktionshaus Sotheby's ein.Lange Verhandlungen beginnen.Es gilt, Waibls Meisterwerk vor dem Ausverkauf in Einzelteilen zu retten.Doch weder Bund noch Land können die geforderten zwei Millionen Mark lockermachen.Da nimmt der Bezirk Schwaben das Risiko einer Vorfinanzierung auf sich.Am 4.Dezember 1980 erreicht der Lastwagen-Konvoi mit dem Gestühl Buxheim. 3500 Liter vergällten Alkohols verbrauchen die Restauratoren, um in fünfjähriger Arbeit den schwarzen Lack vom Schnitzwerk zu lösen.Um auch versteckte Partien zu erreichen, müssen sie sämtliche Ornamente abnehmen: Nach und nach füllen sich die Regale des im Kloster eingerichteten Depots und der Werkstatt mit Tausenden von Einzelstücken.Aber wie den Originalzusammenhang wiederherstellen?Es gibt keine alten Verzeichnisse oder gar Fotografien.Von Konstruktionszeichnungen ganz zu schweigen.Erst zwei Jahre nach Beginn der Arbeiten stößt der leitende Amtsrestaurator Edmund Melzl bei seinen Recherchen in der Benediktinerabtei Ottobeuren auf alte Aufnahmen, die kurz vor der Versteigerung von 1883 gemacht worden waren. Zuerst muß die Kirche restauriert werden.Im Frühjahr 1992 endlich können die Restauratoren mit der Instandsetzung des Chorgestühls beginnen.Noch immer wird über den Umfang der Aufstellung zäh verhandelt.Seit 1956 nämlich nutzen die Salesianer Don Boscos die Klosterkirche für ihr Internat.Um einen möglichst großen Raum für alle Schüler zu erhalten, war der Kreuzganglettner durchbrochen worden.Spitzbogenarkaden traten an die Stelle der trennenden Wände.Unter diesen Bedingungen läßt sich das hufeisenförmige Chorgestühl nicht aufstellen.Viel Diplomatie ist nötig, bis die Salesianer mit der Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands einverstanden sind. So wird die frischrenovierte Kirche 1993 im Bereich des Lettners nochmals zur Baustelle.Längst wird auch im Priesterchor wieder gesägt und gefeilt, geschnitzt und gehämmert.Zehn Kubikmeter Holz sind nötig, um alle verlorenen, zerstörten und verschandelten Elemente zu rekonstruieren. In der nahe gelegenen Magdalenen-Kapelle, die schon als Depot und Atelierraum gedient hatte, bemühen sich die Restauratoren Engelbert Praxenthaler und seine Mitarbeiter um die Ergänzung der zerschnittenen, zerstörten und fehlenden Ornamente.In der Tradition barocker Meister haben sie sich den Spaß erlaubt, in einem Fruchtgehänge, das neu geschnitzt werden mußte, Ignaz zu verewigen - eine Maus, die mehrmals die Alarmanlage in der Werkstatt ausgelöst hatte, bevor sie entdeckt werden konnte.Öffnungszeiten: April bis Oktober, Montag bis Freitag 10 bis 12 Uhr und 14 bis 16 Uhr.In den Wintermonaten nur nach Voranmeldung beim Heimatdienst Buxheim e.V., 87740 Buxheim, Postfach.