Ausgabe: 11 / 1994
Seite: 149

DRAMATISCHE KIMME SORGT FUER DEN DURCHBLICK ZUM DOM

Von

Aachens Mitte hat eine neue

Attraktion.Aber ob die historisch und topografisch so reizvolle Stadt im Dreiländereck zwischen Belgien, der Bundesrepublik und den Niederlanden auf die Dauer glücklich sein wird mit dem architektonischen Potpourri, das da zwei allzu ehrgeizige Professoren ganz in der Nähe des berühmten Domes angerichtet haben, muß doch bezweifelt werden.An Stelle des alten "Kaiserbades" - der Keimzelle Aachens, deren Ursprung auf Karl den Großen zurückgeht - haben Ernst Kasper und Klaus Klever ein aufwendiges Investorenprojekt mit Wohnungen, Büros, Läden, Restaurant und Info-Center verwirklicht, das dem neuesten Stiltrend verpflichtet ist: der "Dekomposition". Man nehme größere und kleinere Baukörper, schiefe und gerade, schmale und breite, niedrige und hohe, glatte und rauhe, farbige und graue - und gruppiere diese Elemente mehr oder wenigerwillkürlich zu einerplastischen Versammlung von Einzelteilen.Wie bei der "Dekonstruktion" ist auch bei der Dekomposition nicht mehr Einheit, sondern Auflösung das Ziel.Diese ästhetische Tendenz mag sogar ein adäquates Symbol für die zentrifugale Dynamik der gegenwärtigen pluralistischen Gesellschaft sein.Aber wer sich an solche heiklen visuellen Umsetzungen wagt, sollte das aufeine künstlerisch sensible Weise tun, nicht so platt, verquer, rücksichtslos und protzig, wie das in Aachen geschehen ist. Das Gerangel der Versatzstücke aus konträren Formen, Farben, Strukturen und Materialien beginnt am idyllischen Hof-Platz.Hinter einem antiken Arkaden-Relikt aus der Römerzeit blinkt und blitzt die schräge Blechfassade des ansonsten rotverputzten Wohntrakts des neuen "Kaiserbades" dermaßen grell, daß es einem in den Augen weh tut.Eine Zumutung für die feingliedrige Umgebung.Zwischen diesem grobschlächtigen trapezförmigen Bau und einem länglichen Riegel mit steilem Pultdach und schiefabgeschnittener Ecke ist das völlig verglaste Treppenhaus konisch eingespreizt-eine unerträgliche Wärmefalle bei Sonneneinstrahlung.Doch nach dem Willen der Entwerfer muß dieses Gelenk deshalb so immateriell und transparent sein, damit eben kein Baukörper den anderen massiv berührt.Das ist die Ideologie. Wenden wir uns der Schauseite am weniger hübschen Büchel-Platz zu.Hier knickt das disparate Architekturgemenge in der Mitte dramatisch ein - um den Blick auf das in der Tat grandiose Sakralbau-Ensemble des Aachener Doms und der benachbarten Pfarrkirche St.Foillan freizugeben.Es kann nur diese effektvoll inszenierte Idee gewesen sein, die seinerzeit die Jury im bundesweiten Kaiserbad-Wettbewerb dazu bewogen hat, das Team Kasper und Klever dafür mit einem der drei ersten Preise auszuzeichnen.Diese Kimme, gebildet aus optisch rutschenden Dachflächen, hat aber zur Folge, daß auf die an sich notwendige Geschlossenheit der Platzfront verzichtet wurde. Geht man um die Ecke herum, überrascht eine merkwürdige Freitreppe, die teilweise zum Innenhof über der ehemaligen Thermalquellenanlage führt.Die andere Hälfte der Treppe endet jedoch oben unmittelbar vor einem Blechquader und einem Zwickel aus Glas.Das würde nur Sinn machen, wenn dort auch ein Eingang ins Gebäude wäre.Dieser Fehlleistung gegenüber erhebt sich schließlich der kurioseste Baukörper des Ganzen - eine gestalterische Chaos-Mischung aus Burgbastion, Feuerwehrsprungturm und Industriecontainer.Vergitterte Blechwände wechseln mit dünnglatten Steinfassaden, und diagonale Panzerfenster-Sehschlitze, die eine Kante des Turm optisch labil erscheinen lassen, buhlen mit einem neckisch aus der Achse gekippten Quadratfenster um die Aufmerksamkeit der Passanten.Formal interessant ist nur ein Kubus, der scheinbar gefährlich weit aus dem Gebäude ausbricht und wie ein Haus über dem Abgrund hängt.Auch da soll ein Büro einziehen; wofür der hohe Raum mit seiner Innentreppe und dem Riesenfenster allerdings kaum geeignet ist.Ein Künstleratelier wäre schon eher vorstellbar. Die "Aachener Nachrichten" haben Kollegen der Architekten Kasper und Klever kürzlich nach ihrer Meinung über das neue Kaiserbad befragt.Die meisten sind begeistert.Sie finden das Ding "absolut gelungen, provokativ, toll, mutig und spannend".Hätte man freilich noch Ludwig Mies van der Rohe, der in Aachen geboren wurde, fragen können, wäre auch diesmal seine Antwort gewesen; "Weniger ist mehr".