Ausgabe: 11 / 1994
Seite: 114-115
Gejagt von Furien, bewahrt von Frauen
Von Eva Karcher
Hamburg: Horst Janssen
Der 65.Geburtstag des Hamburgers wird mit Ausstellungen in drei Museen gefeiert: Kunsthalle, Altonaer Museum und Museum für Kunst und Gewerbe Immer wieder rettete er sich in "seine" Landschaft, und zuletzt rettete sie ihn."Bobethanien" nennt Horst Janssen die Haseldorfer Marsch am Unterlauf der Elbe nun zärtlich - eine Huldigung an die damalige Freundin und Muse Heidrun Bobeth. 1990 hatte sie den nach einem Säureunfall vorübergehend Erblindeten regelmäßig vor die Tore Hamburgs gefahren, damit er "das Wasser, das Land und die Luft riechen" solle.Die Liebe machte Janssen, wie er 1991 notierte, "sehend - was in jenen Tagen dann in meinem Gemüt den Anfang legte dafür, DASS ich wieder sehen kann".
80 der aquarellierten Federzeichnungen, die damals entstanden, werden jetzt im Altonaer Museum ausgestellt, fast alles Bilder "reiner und einziger Leidenschaft" in glühenden Farben und aufgewühlten Formen.Die Feder rast über das Papier, verdichtet sich zu unheilvoll drohender Wolkenschwärze, doch unvermutet bricht aus der Düsternis flutendes Licht.Andere Blätter halten mit schnellen Pinselstrichen scheinbar zeitlose Weite fest - und ewige Stille. In der Landschaft offenbart Janssen, der besessene Maler, Zeichner, Grafiker, Verfasser von über 40 Buchpublikationen und Sammler schöner Frauen, die Dämonen seiner Seele.Radierzyklen wie "Eiderland" oder "Laokoon" - auch sie sind im Altonaer Museum zu sehen verdeutlichen eindrucksvoll das pathetische Temperament des Künstlers, der sein Leben lang Dramen herausforderte, um nicht von Katastrophen überrascht zu werden. Überall, selbst in der Natur, wittert Janssen drohende Verwüstung.Mit seiner Technik des "IN-SCHICHTEN-ÄTZENS" (Janssen) rhythmisiert er die Platten, kratzt und ritzt Liniengeflechte hinein, die sich in sturmgekrümmte Äste und peitschende Regensträhnen verwandeln.Aus "säure-pantschiger, flachster Flächen-Atzung" läßt er sumpfiges Moor und Bachpfützen entstehen.Einen anderen Dialog suchte Janssen, wenn er Künstler der Vergangenheit, darunter Francisco de Goya und den Japaner Katsushika Hokusai, kopierte.Nachzeichnend interpretierte er die Vorlage um, eignete sich die "fremde Melodie" an und erweiterte so das eigene Repertoire.Rund 60 Arbeiten sollen in der Kunsthalle belegen, daß sich Janssen trotzdem seinen Freiraum bewahrte, weil er da Unterstützung suchte, "wo auch ehrlich vorgegangen wird.Den Laden, in dem ich klaue", schrieb er, "möchte ich genannt wissen." Den geistreichen, heiteren Janssen schließlich offenbaren illustrierte Briefe, von denen das Museum fürKunst und Gewerbe eine Auswahl der letzten 45 Jahre zeigt.Sie sind entwaffnende Bekenntnise eines unverbesserlichen "alten Lümmels" und Alleskönners.Zu den Ausstellungen (Kunsthalle 11 " November bis 8.Januar, Museum für Kunst und Gewerbe 11 " November bis 21 " Januar, Altonaer Museum 11 " November bis 12.Februar) erscheinen Kataloge zum Preis von 40 Mark (Landschaften), 30 Mark (Kopien) und 48 Mark (Briefe).
