Ausgabe: 11 / 1994
Seite: 146
Oft dominiert der Einfall über das künstlerische Vermögen
Von
Kritik: Bilanz der Münchner Kunst-Offensive
Der Künstler von heute ist
ebenso als Sinnstifter gefordert wie als Entertainer gefragtzudem muß er ebenso originell wie medienwirksam auftreten können.In München beherrscht dies als unumstrittener Szene-Meister der Großkünstler Wolfgang Flatz.Von ihm wird noch zu reden sein - doch zunächst hat Flatz unerwartet Konkurrenz bekommen.Im beklemmenden Grau-Glas-Bau des Munich Order Center (MOC) präsentierte sich nämlich der Italiener Filippo Falaguasta seiner Klientel als multifunktionaler Dienstleister: vom Kellner über den Mechaniker bis zum Parkettleger, aber auch als figurativer oder abstrakter Maler, als Fotograf oder Konzeptkünstler.Falaguasta tat nichts anderes, als in der inkommoden Ausstellungszelle seine Service-Karten in einem Display anzubieten.Das paßte so haargenau ins Ambiente, daß ein seltsam irritierendes Moment in Erinnerung bleibt. Damit auch setzte sich der Italiener scharf ab von seinen Künstler-Kollegen, die hier eingeladen von fünf führenden Münchner Galeristen - mit ihrer Ausstellung "Europa '94" das "vielfältige Schaffen junger europäischerKünstler ".. eindringlich und dicht" dokumentieren wollten (so das Vorwort von Hilmar Hoffmann, Präsident des Goethe-Instituts, im eher dürftigen Katalog).Denn bei denen triumphierte oft der Einfall über das künstlerische Vermögen. Man mag geteilter Meinung sein über das Augenfutter, das zum Beispiel die Moskauer Kirill Preobrashenskij und Alexej Beljajev mit ihrem von Filzstiefeln überzogenen deutschen Bombermodell bieten.Dankenswerterweise verzichteten die beiden auf einen irgendwie/-wo plazierten Fettkloß - die Anspielung auf Joseph Beuys' wunderbare Errettung durch die Krimtataren war dennoch übergroß.Doch damit ist die künstlerische Aussage auch schon erschöpft.Gleiches gilt für die in Genf arbeitende Sylvie Fleury, die Titelseiten von "Playgirl" mannshoch auf Blech vergrö-ßert und gegen Wände lehnt, auf denen Begriffe stehen, die zu Namen von Mode-Parfüms denaturiert sind, etwa "Egoiste".Die Irritation, die so entsteht, ist in Sekunden verflogen. Postmodern wie das Gebäude, gegen dessen dekorative, gleichwohl übermächtige Belanglosigkeit im Innern zugegebenermaßen schwer anzukämpfen ist, gaben sich auch viele Künstler.Was soll man davon halten, wenn der Schweizer Thomas Hirschhorn John Heartfields berühmte Anti-Nazi-Agitation auf den Titelseiten der "AIZ" neben Anzeigen für gehobene Konsumprodukte stellt oder der Franzose Maurice Blaussyld Fotos von sezierten Leichen an die Wand hängt?Anything goes und nichts weiter?Hier ist der Erklärungsbedarf groß.Der aber blieb unbefriedigt. Es gab - wenige - stille Arbeiten, die nachdrücklich wirkten: Die Plexiglasblöcke des Engländers Alex Hartley zum Beispiel, die mit einfachen Mitteln zeigen, welch von Zufüllen bestimmter Vorgang das ist, was wir Sehen nennen, oder die schlichten, zusammengerollten Styropormatten des Russen Vladimir Archipovmit ihren Kerzen in der Mitte, die den Witz von Op-Art paraphrasieren.Ansonsten aber viele ärgerliehe Belanglosigkeiten - bis hin zur Schmerzgrenze. Hierher gehört eben auch Flatz, der im Kunstbunker Tumulka eine kleine Retrospektive hatte, die ihm nicht bekommt.Denn die Anhäufung der Flatzschen Einfülle verdeutlicht auch deren Masche: Vom Scanner-Strichcode auf dem eigenen Körper über den armen Hund, der auf den Namen Hitler hören muß, in diversen fotografischen Inszenierungen, bis zum Mercedes auf dem Dach, der "Flatz" auf dem Nummernschild trägt - diese "Verfremdungen" sind wie ein Feuerwerk, das zu rasch verglüht.Flatz macht das ohnedies Sichtbare sichtbar.Seine Inszenierungen sind durchschaubar, weil ihr höhererZweck sich in der Inszenierung erschöpft. Bleibt die Neuauflage der "Open Art": 68 Galerien beteiligten sich an der schon traditionellen Veranstaltung.Hier immerhin sah man auch totgesagte Malerei - und zwar höchst lebendig.Beeindruckend und beunruhigend zum Beispiel die verzwickten Kleinformate des in Italien lebenden Erwin Pfrang in ihrer erdigen, subtilen Farbigkeit (bei Fred Jahn) und - einsamer Glanzpunkt - die Bilder des Franzosen Eugene Leroy, 84, (bei Daniel Blau).Von dessen vielfarbigen plastischen Bildlandschaften geht eine ebenso geheimnisvolle wie absichtslose Sogwirkung aus.Das ist große Kunst.Und davon können wir nicht genug kriegen.Egal, unter welchem Etikett.
