Ausgabe: 11 / 1994
Seite: 104-107
Mit dem Körper gemalt, in die Leinwand gebrannt
Von Carmela Thiele
Köln / Düsseldorf/ Krefeld: Yves Klein
Das Kölner Museum Ludwig und die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf zeigen die bisher umfassendste Retrospektive des Franzosen.Parallel dazu veranstalten die Krefelder Museen Haus Lange und Haus Esters die AussteHung "Im weißen Raum: Lucio Fontana - Yves Klein" Er liebte die reine Farbe, weil sie ihm Freiheit bedeutete, und verabscheute Linien als "Gitterstangen des psychologischen Gefängnisses".Deshalb wurde der Franzose Yves Klein ( 1928 bis 1962) zum selbsternannten Erfinder des "vollkommensten Ausdrucks von Blau".Jenes unverwechselbare Ultramarin, das aus Pigmenten in Puderform und einem Bindemittel besteht, ließ sich der Künstler 1960 als "IKB" - Internationales Klein Blau patentieren.Schon der Neunzehnjährige verschreibt sich der blauen Weite des Firmaments.Er liegt am Strand seiner Heimatstadt Nizza, signiert den strahlenden Himmel über sich und erklärt ihn zu einem seiner Hauptwerke.
Zur monochromen Malerei findet er auf Umwegen.Zwar sind beide Eltern Künstler - der Vater Fred ist Landschaftsmaler, die Mutter Marie Raymond eine der ersten Vertreterinnen des Pariser Informel -, doch ihr Vorbild genügt dem Anspruch des Romantikers nicht: Er will durch die Kunst "die Seele empfinden, ohne zu erklären".Deshalb experimentiert er zunächst nur am Rande mit Malerei, vertieft sich statt dessen in die Lehre der Rosenkreuzer und tritt dieser theosophischen Gesellschaft 1946 bei. Er besucht die Judoschule in Nizza und macht 1949/50 eine Lehre bei einem Rahmenbauer in London, bevor er 1952/53 in Tokio weiter Judo studiert.Als erstem Europäer verleiht ihm das Institut Kodokan den schwarzen Gürtel und den Grad eines 4.Dan.Klein lehrt den Kampfsport 1954 in Madrid und veröffentlicht gleichzeitig "Yves Peintures", Farbreproduktionen nach monochromen Bildern. So arbeitete ein Besessener frühzeitig an seiner Legende. 1955 kehrt Klein nach Paris zurück und wird in den Folgejahren zur Kultfigur einer Szene, zu der auch seine Freunde, die "Nouveaux Realistes" Jean Tinguely und Arman, zählen. 1956 zeigt Yves Klein in der Galerie Colette Allendy dank der Unterstützung des Kritikers Pierre Restany Tafeln in Rot, Gelb und Orange.In unterschiedlichen Höhen verteilt er diese "Propositions Monochromes" auf den Wänden und irritiert so die Betrachter. Seine "Blaue Periode" beginnt 1957 in der Galerie Apollinaire in Mailand.Dort bietet er elfblaue Bilder absolut gleichen Formats zu unterschiedlichen Preisen an.Der Künstlerfreund Lucio Fontana greift zu und erwirbt einen - nach Kleins Meinung unbezahlbaren - Anteil an der "kosmischen Sensibilität", in der "die Farbe badet". Zwei Jahre später setzt Klein seine Umwertung der Werte fort: Jetzt verkauft er "Zonen der immateriellen, malerischen Sensibilität" für eine kleine Menge Gold.Als Quittung stellt er numerierte Schecks aus.Eine noch höhere Stufe der Sensibilität erreicht, wer den Scheck verbrennt und Gold in einen Fluß wirft. Als Höhepunkt seiner Versuche, "das Unsichtbare durch Fühlbares wirksam werden" zu lassen, bezeichnet er dann den "Raum blauer Sensibilität innerhalb der weißen Leere", den er im April 1958 in der winzigen Galerie von Iris Clert inszeniert.Für die Schau im Kölner Museum Ludwig ist er nun nachgebaut worden - mit blau gestrichener Fassade und weiß ausgemaltem Inneren.Im Eingangsbereich werden wie damals blaue Cocktails gereicht. 1958 zeigt Klein im neuen Gelsenkirchener Musiktheater zum erstenmal Schwammreliefs.Blaudurchtränkte Schwämme sind aufmonochromen Bildtafeln befestigt.Gemeinsam mit Werner Ruhnau, dem Architekten des Hauses, entwirft er zudem Bauten aus Feuerfontänen und Feuerwänden, die mit Heißluft aus Gasbrennern überdacht sind.Aus ihnen entstehen 1961 die mit einem Flammenwerfer gemalten Feuerfarbbilder als "Andenken an die Natur". Auch seine Anthropometrien - farbige Abdrücke nackter Frauenkörper auf Leinwand begreift Klein als Zeichen menschlicher Existenz.Haben ihn schon beim Judo die auf dem Boden sichtbaren Spuren von Schweiß und Staub fasziniert, so bewegen ihn noch stärker die "Schatten von Hiroshima" - diese letzten Spuren unschuldiger Menschen, die von der Atombombe getötet wurden.Für den Künstler sind sie "Zeugnisse ganz ohne Zweifel fürchterliche Zeugnisse, aber dennoch Zeugnisse einer Hoffnung auf das immaterielle Weiterleben des Fleisches". Unter diesem Eindruck veranstaltet er 1960 in der Galerie International d'Art contemporain des Grafen von Arquian die erste Körperaktion.In Köln ist sie per Video zu erleben: Der Künstler im Frack gibt drei weiblichen Modellen Anweisung, sich blau eingefärbt gegen Leinwände zu pressen.Ein Streichorchester spielt dazu Kleins zwischen 1949 und 1961 entstandene "Monotone Symphonie", die aus einem 20 Minuten lang unveränderten Klang und einem ebenso ausdauernden Schweigen besteht. Dem beredten Schweigen ebenbürtig stand "Le vide", die Leere, stets im Mittelpunkt von Kleins Arbeit. 1960 erfand er "Die Zeitung eines einzigen Tages" mit der Schlagzeile "Theater der Leere" und einer Fotomontage, auf der er zu fliegen schien.Ein Jahr später hatte er seine erste Retrospektive im Krefelder Museum Haus Lange und richtete dort einen vollkommen weißen "Raum der Leere" ein, der erhalten blieb.Er bildet nun das Zentrum der Krefelder Ausstellung. Kleins letzte Arbeiten vor einem dritten Herzinfarkt mit 34 Jahren waren monochrome Bildtafeln in Rosa, Gold und Blau. 30 davon sind in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zu sehen als späte Belege eines freiheitstrunkenen Träumers, dessen tiefsterWunsch es war, "über die Kunst hinauszukommen".Zu den Ausstellungen in Köln und Düsseldorf (H.November bis 8.Januar 1995) erscheint eine 300 Seiten starke Monografie von Sidra Stich zum Preis von 49 Mark.Die Ausstellung in Krefeld (7.November bis 5.Februar 1995) wird von einem Katalog mit 90 Abbildungen, davon 60 in Farbe, zum Preis von 35 Mark und einer Dokumentation der Yves-Klein-Retrospektive von 1961 zum Preis von 25 Mark begleitet.
