Ausgabe: 11 / 1994
Seite: 93-101

Bild eines weise geführten Stadtstaates

Von Wolfgang Tschechne

SIENA - HIMMELREICH AUF ERDEN

Keinem Toskana-Touristen entgeht in Siena das monumentale Fresko von der "Guten Regierung", mit dem die Stadt im 14.Jahrhundert ihren Palazzo Pubblico schmückte.Doch kaum einer weiß, was dahintersteckt.Warum der Künstler Ambrogio Lorenzetti damals aufgefordert wurde, die Utopie eines idealen Stadtstaates zu malen - ART schildert es und erörtert auch die Frage, warum das Gegenstück, "Die schlechte Regierung", so schadhaft ist Ein Bild wie ein Wandertag.Ein Gemälde, um darin spazierenzugehen.Man muß Zeit mit-

bringen: Es ist über zwölfMeter lang und drei Meter hoch.So ausgedehnt ist auch sein Titel: "Die Folgen der guten Regierung auf das städtische und ländliche Leben".Für den Hausgebrauch hat man es sich handlicher gemacht - "Buon Governo" sagt man in Siena, wenn man von dem großartigsten Bild der Stadt und seinem noch immer verehrten Maler Ambrogio Lorenzetti spricht - "Gute Regierung".Das klingt so vertraut, als riefe man einem Nachbarn nur rasch "Guten Morgen" zu: Der Tag ist schön, dar-über sind wir uns doch einig.Und das stimmt.Siena und Lorenzetti sind einander verbunden - über mehr als sechs Jahrhunderte hinweg. Ein Ereignis ist es, dem Bild in der Totalen zu begegnen.Die Stadt (66000 Einwohner) am Südrand des italienischen Chianti-Landes entzückt den Besucher durch ihr noch von der Gotik geprägtes harmonisches Stadtbild.Unübersehbar, daß sie eine große Vergangenheit hatte; unübersehbar, daß sie stolz darauf ist.Siena streckt sich über drei Hügel: Toskana im sanften Schwung der welligen Linien und der sanften Farben; hier hat sich die Leichtigkeit des Seins ihre Landschaft gesucht.Im Zentrum liegt der Platz, den viele Italienreisende kennen, die berühmte Piazza del Campo; zumindest wissen sie, daß hier zweimal jährlich im hohen Sommer der Palio stattfindet, das phantastische Pferderennen (dreimal rund um die Piazza), ein Spektakel in historischen Kostümen oder was man für historisch hält, mit Besuchern aus der ganzen Welt.Gigantisch, Mittelalter zum Mitmachen.Das Autorenpaar Carlo Fruttero und Franco Lucentini stellte einen Kriminalroman vor so bewegte Kulissen: "Der Palio der toten Reiter". An der geraden Südostseite des Platzes, der halbrund und gewölbt wie eine Muschel wirkt, steht stolz und hochgereckt seit sieben Jahrhunderten der Palazzo Pubblico.Das warme Rotbraun der Sieneser Tonerde und die hell abgesetzten Einfassungen und Ergänzungen aus kalkigem Travertin sind ein Farbklang, den das Dunkelrot der Glockengiebel aufs schönste ergänzt. Durch ein Tor geht man ins Innere und gelangt über eine Treppe in den ersten Stock.Die Tür zur Sala della Pace öffnet sich, noch ein paar Schritte, und "Buon Governo" zeigt sich in voller Größe.Ein Wiedererkennungseffekt.Nichts ist einem fremd.Das reale Siena, das man von der Piazza her noch sonnenhell im Auge hat, kommt einem verdichtet in anderer Form entgegen.Fortsetzung der Wirklichkeit mit den Mitteln der Kunst.Zwei Meter über dem Fußboden sieht man Siena, breit ausgeführt über einer kostbar verzierten unteren Wandverkleidung; Wir stehen vor dem ersten großangelegten Stadt- und Landschaftsgemälde der nachantiken Kunst. Da Siena draußen (heute) und Siena drinnen (damals) so geschwisterlich wirken, kommt der Wunsch auf, ein Stück Stadtgeschichte aufzublättern.Dieses zum Abschreiten langgezogene Wandfresko an so prominenter Stelle ist ja keinesfalls aus eigenem Antrieb des Künstlers in der Stille seines Ateliers entstanden."Buon Governo" war ein Auftrag des Buon Governo, der guten Regierung, zweifellos.Das Bild entstand von 1338 bis 1340.Siena war damals nach langen Auseinandersetzungen zwischen den Ghibellinen und den Guelfen zu einer selbstbewußten Stadtrepublik geworden; die Ghibellinen, deren Namen sich vom staufischen Waiblingen ableitet, unterlagen 1269 den päpstlichen Guelfen (Welfen).Ein bürgerlicher Magistrat der Sieger löste den ghibellinischen Rat der vierundzwanzig ab."Neun Herren" bildeten nun die Stadtregierung und regelten das Leben "von Stadt, Volk und Umland von Siena", wie es urkundlich heißt, wobei die gesetzgebende Macht in den Händen des Allgemeinen Rates lag, einer Volksvertretung von 300 Mitgliedern.Wichtig dabei: Die neun mußten aus der wohlhabenden Mittelschicht kommen; einfache Ladenbesitzer waren von Verwaltungsämtern ausgeschlossen, ebenso Adlige. Das alles ist keine ausgetrocknete Vergangenheit.Es ist wichtig, um die Stadt zu verstehen und Lorenzettis Bild zu begreifen.Die neun setzten die Regeln.Sie ordneten das Gemeinwesen, wiesen die Fleischer an, nur frisches Fleisch zu verkaufen, verboten den Ledergerbern, durch Gestank ihre Umgebung zu belästigen, sie ordneten an, wie hoch neue Häuser gebaut werden durften und wie die Fenster auszusehen hatten.Ein strenges, aber doch wohl gutes und kluges Regiment. Die Regierung strebte danach, ihre Gesetze schlicht, klar und allgemeinverständlich zu formulieren - und ebenso zu übermitteln.Aber wie geschah das, da es doch nur eine dünne intellektuelle Schicht gab, die schreiben und lesen konnte?Geschriebene Gesetze ließen sich verwandeln; man konnte die Bewohner von Siena "ins Bild setzen".Und das Bild ist Sache des Künstlers.Ambrogio Lorenzetti bekam den Auftrag. Ein Auftragskünstler?Ein Staatsmaler?Ein Gesetzesillustrator?Allein die Totale zeigt, daß sich Begriffe, die heute nichts als abwertend sind, schwerlich in die Welt des ausgehenden Mittelalters übertragen lassen.Das Heute läßt sich aus dem Gestern begreifen - wenn überhaupt.Den Prozeß nennt man Geschichte.Er ist nicht umkehrbar.Das Gestern ist mit heutigem Sensorium nicht zu fassen.Um im Bilde zu bleiben: Lorenzetti war ein Maler solchen Formats, daß er nicht nur den Auftrag in gewissenhafter Meisterschaft erfüllte; er fand eine visualisierte Form vom stadtstaatlichen Ideal des 14.Jahrhunderts.Er komponierte für die Sala della Pace, den Saal des Friedens, eine Symbolik der neuen urbanen Idee.Das Mittelalter hatte seine Fesseln abgeworfen; die Gemeinschaft bestimmte ihren Weg selber.Das hat er gemalt.Lorenzettis Bild ist konkret erfaßter Zeitgeist.Der Maler als Ikonograf, als aus vollem Herzen Beteiligter. Zu bedauern ist, daß wir nur wenig über Lorenzettis Leben wissen.Das Jahr seiner Geburt in Siena ist wie das seines Bruders Pietro unbekannt.Die Kunstgeschichte vermutet Ambrogios Geburt um 1285; Pietro kam um 1280 zur Welt.Verbürgt ist, daß Ambrogio 1319 die Madonna in der Kirche von Vico l'Abate malte; das Dorf liegt zwischen Siena und Florenz.Fest steht außerdem, daß er von 1327 bis 1332 Mitglied der Malergilde von Florenz war, wo er Wandbilder und Altäre für die Kirche San Procolo malte. 1335 arbeitete er zusammen mit seinem Bruder an den (nicht mehr vorhandenen) Fassadenfresken des Ospedale di Santa Maria della Scala in Siena; er ist also in seine Vaterstadt zurückgekehrt.Durch Zahlungsbelege weiß man ziemlich genau, daß Ambrogios Fresken im Palazzo Pubblico 1338 bis 1340 entstanden - er hatte sein fünfzigstes Lebensjahr überschritten.Erst kürzlich wurde ein von Ambrogio verfaßtes Testament gefunden.Datum: 9.Juni 1348.Es ist offenbar mit letzter Ordnungskraft geschrieben; Der Maler verfügt, daß seine gesamte Habe der Compagnia della Vergine Maria vermacht werde, sollten er, seine Frau und seine drei Töchter die Pest-Epidemie von 1348 nicht überleben.Man muß annehmen, daß die Lorenzettis nicht überlebten: 1349 verkaufte die ehrwürdige Compagnia Teile von Ambrogio Lorenzettis Eigentum.Wir wandern.Wir beobachten.Wir schwenken mit unseren Augen wie mit einer Kamera von links durch die große Stadt und sehen das kleine, fröhliche, betriebsame Leben.Eine große Stadt in der Tat, mit einem breitgelagerten Vorplatz, kleineren Freiplätzen zwischen den gotischen Palästen, Kirchen und Wohntürmen, mit Gassen, deren Enge man sich angesichts der aufragenden Bebauung vorstellen kann.Häuser und Höfe wirken wie Kulissen.Könnte nicht vorn links gleich eine italienische Stegreiftruppe ihre Bühne aufbauen und komödiantisches Vergnügen bieten?Mit dem pfiffigen Arlecchino und dessen kesser Colombine, mit dem alten Geizkragen Pantalone und dem schwadronierenden Dottore - herzerfrischende Commedia dell'arte? Ein kleines Welttheater ist das alles ohnehin.Die Menschen fühlen sich wohl in ihrer geordneten Stadt, alles ist in Bewegung oder in Gesprächen verbunden, man begegnet einander mit Wohlwollen, man schafft, man ist fleißig, man spielt seine Rolle im Spiel des Lebens.So wollten es die "neun", so wollte es auch Ambrogio Lorenzetti.Stadt ist Menschenwerk, Menschen sind mit Vernunft ausgestattet, Vernunft kann sich entfalten, wenn es eine gute Regierung gibt, die für Ordnung sorgt und für Sicherheit. Sein Werk ist das Bild vom Sieg der Vernunft, und kein Sieger glaubt an den Zufall. Eine reizende Entdeckung: In der Mitte des Stadt-Teiles von Lorenzettis Fresko steht ein großes graues Gebäude, schmucklos, mit nach innen sich öffnenden Arkaden, und links seitlich schaut aus dem oberen Fenster eine Frau in rotem Kleid heraus (man sieht nur ihren Kopf mit hellem Haar und den Ansatz der Schultern).Sie schaut offenbar seelenruhig dem bunten Treiben auf dem Platz zu.Was sieht sie?Für sie in einiger Entfernung, für uns ganz links im Bild, wird ein mit kleiner Krone geschmücktes Edelfräulein von Standespersonen zu Pferde und zu Fuß begleitet; steif und fast ein bißchen ängstlich sitzt die junge Dame auf ihrem herausgeputzten Schimmel.Vielleicht eine bevorstehende Hochzeit?Die Beobachterin oben am Fenster wird mehr wissen als der Betrachter des Bildes.Der kleine Zug ist eben am Kontor vorbeigekommen: Fünf Händler hocken und stehen um einen Tisch, wägend, überlegend, diskutierend.Ein Stückchen weiter sieht unsere Frau in Rot einen Schneider bei der Arbeit, den wir aber nur von hinten erkennen können.Und wenn sie von ihrem Fenster aus rechts in die Gasse blickt, sieht sie einen Goldschmied vor seinen edlen Stücken sitzen.Wiederum hat sie mehr im Blick als wir.Zum Buon Governo, der Regierung von Frieden und Gerechtigkeit, gehört auch die Freude.Ihr bildhafter Ausdruck ist der Tanz.Allein die figürliche Größe der Mädchen, die sich vorn im Bild händehaltend nach den Rhythmusangaben einer Tamburinspielerin im Reigen drehen, weist auf die Bedeutung hin.Der Maler und die Regierenden legten Wert auf den Symbolgehalt gerade dieser Szene - Lorenzetti, um im Sinne des Goldenen Schnitts die Achse der Raumkonstruktion der Stadt zu betonen; die "neun", um so auch sich und ihr Werk feiern zu lassen. Handel und Wandel, ein tolerantes Miteinander.So lassen sich der Professore auf seinem Katheder und seine aufmerksamen Studenten nicht durch den Lärm aus der Schuhmacherwerkstatt davor stören.Niedlich ist hier das Mädchen, das beim Meister - dem Vater? - mal eben über den Ladentisch schaut: Lorenzetti erzählt gern solche kleinen Geschichten.Wurst und Wein sind nebenan hygienisch sauber im Angebot, wie es sich gehört, und schon kommt auch vorsichtig geduckt ein Bäuerlein mit Eiern im Korb, frisch vom Lande, um sie dem wartenden Kaufmann anzudienen.Der Schäfer mit seiner Herde und dem noch etwas lustlosen Hund strebt ins Freie, hält artig seine Tiere zusammen, hat aber auch ein Auge für die stolze Schöne, die ihm mit einem Körbchen auf dem Kopf entgegenschreitet.Durchs Tor herein kommt von drau-ßen eben ein Mann mit seinen Mauleseln, die prall gestopfte Wollballen schleppen.Im Laden dahinter sind Frauen und Männer dabei, zu weben und Tuche zu prüfen und zu vermessen.Genreszenen wie im Anschauungsteil alter Fibeln: vom Schaf zum Stoff. Eine gesunde Wirtschaft.Alles floriert.Im Hintergrund des breiten Platzes sitzt vor seinen Büchern ein Notar, um größeren Geschäften den juristischen Segen zu geben - oder ist es ein Steuereinnehmer, der wachsam notiert, was umgeschlagen wird, Getreide, Schlachtvieh, Brennholz?Es wird gearbeitet, gehandelt, gelernt: Das Glück besteht darin, tätig zu sein.Eine kleine Überlegung aber muß gestattet sein, wenigstens ein Hauch von Zweifel ist angebracht: In Lorenzettis Stadt gibt es keine Armen, keine Bettler, keine Versager; eine hohe Sonne steht über Siena - die Menschen werfen keine Schatten. Eine befestigte Stadt; sie ist vom Land dahinter abgetrennt durch eine merkwürdig dünne Mauer.Die mittelalterliche Wucht der Stadtmauer fehlt; diese ist nur eine Markierung zwischen zwei aufeinander bezogenen Teilen des Stadtstaates Siena.Das Tor ist zum Zeichen, daß man keinen Feind fürchten muß, geöffnet.Eine Jagdgesellschaft reitet nach draußen, einer der Jäger hält seinen Falken auf der Linken schon siegreich hoch.Den Herren kommt auf der belebten Straße ein Landmann entgegen, der sein ringelschwänziges Schwein auf den Markt treibt.Viel Volk ist unterwegs.Eine Familie hat ihre Ernte wohl gut verkauft, und nun sitzt das Kind auf dem Esel, es geht der Heimat zu.Die Stadt überträgt ihren ummauerten eigenen Frieden auch auf ihr Umland.Frieden düngt die Äcker, wie man von altersher weiß. Ein Idealzustand also auch hier, eine gemalte Pastoralsinfonie.Gelbleuchtende Getreidefelder, bebaute Hügel und Gärten, frisches Wasser in Bächen und Flüßchen, die in kleine Seen münden: Es herrscht keine Not, Wasserknappheit ist unbekannt, Hungerrevolten, wie sie das 14.Jahrhundert kannte, sind ausgeschlossen.Am rechten Bildrand liegt in dunklem Blau eine Meeresbucht mit dem Hafen von Siena, Talamone.Der Ortsname steht mit großen Buchstaben an einer Hügelwand; das wirkt so wie die "Hollywood"-Buchstaben über der amerikanischen Filmstadt. Hat der Bauer Geld, hat's die ganze Welt; den Bauern vor Siena geht es sichtbar gut, sie haben ihren hohen Anteil am Fortschritt in der Stadt.Sie sind aber auch mit Fleiß dabei, und wieder wirkt ihr munteres Treiben wie aufeiner Lehrtafel für die Landwirtschaft.Da wird - gleichzeitig geackert, gesät, Getreide geschnitten, im Takt gedroschen. Ambrogio Lorenzetti war wohl klug.In seiner Landschaft ist das sanfte, wellige Umland von Siena charakterisiert.Der Maler wechselt seine Standorte: Schaut er sich in der Stadt-Hälfte seines Bildes das Leben an wie ein Beobachter, der aus dem Theaterparkett auf die Bühne blickt, so schwebt er in der ländlichen Hälfte vogelgleich über die Hügel.Und je weiter sein (und unser) Auge blickt, desto kahler werden die Kuppen.Es ist halt gut, in der Nähe der Stadt zu bleiben. Klug war es vom Maler auch, seinen Zeitgenossen ihre Lebensräume in kleinen Einzelheiten zum Wiedererkennen anzubieten.Die schönen Häuser und die Geschlechtertürme von Siena, die Symbole des Reichtums der großen Familien, sind teilweise noch heute auszumachen.Einzelheiten stimmen;das Stadtpanorama insgesamt aber ist malerisch frei komponiert.Man sollte sein Siena im Bild wiederfinden, aber als viel schöner empfinden.Das Land vor den Toren ist zu erkennen in der getreuen Wiedergabe des Tales der Merse, und der Jäger, der Handelsmann, der Bauer - sie sehen genau, welche Straßen nach Montaperti (im Hintergrund links) oder nach Rom (die Hauptstraße im Vordergrund) führen.Lorenzetti war weder Fotorealist noch reiner Bild-Erfinder.Er malte in einer dem Betrachter vertrauten Bildsprache die Idee seiner Stadt, das Ideal seines Stadtstaates Siena.Er malte die Welt im Gleichgewicht. Zu berichten ist noch, daß Lorenzetti gleichsam mit warnend erhobenem Zeigefinger auf der gegen-überliegenden Wand das "Mal Governo" gemalt hat, darstellend die Auswirkungen einer schlechten Regierung.Da geht es, soweit noch zu erkennen ist, böse zu: Häuser werden abgerissen oder angezündet, die Straßen sind durch Trümmer versperrt, niemand arbeitet in der öden Stadt, Soldaten verletzen und töten; das Land ist verlassen, die Bäume tragen keine Früchte, die Dörfer brennen.Grausamkeit und Gewalt, Feuer und Tod, Angst und Elend, alles in freudlosen, düsteren Farben.Die Zeit hat das Fresko der Verwüstung in den sechs Jahrhunderten seit seiner Entstehung selbst verwüstet.Es ist kaum noch zu erkennen, große Partien fehlen ganz. Ob es zu retten gewesen wäre?Und wann?Die Sieneser haben es nicht geliebt.Ihre Liebe galt der guten Regierung. 1.Siena im Zoom: Nahaufnahme von neun irdischen Engeln beim Tanz Zoom.Da ist vieles möglich, auch die Nahaufnahme.Wir holen uns als erstes die Gruppe der tanzenden Mädchen aus "Buon Governo" heran.Sie haben es dem Maler angetan und machen auch uns Freude. Die Tanzenden sind vornehm gekleidet, jede hat ein in Farben und Mustern individuell gestaltetes Kleid, ihre Frisuren sehen gepflegt aus.Sie demonstrieren die Wohlhabenheit ihrer Familien und den Reichtum der Stadt.Eine etwas ältere Person mitten in der Gruppe schlägt auf ein Tamburin und singt dazu - ihr geöffneter Mund zeigt es an.Neun Tänzerinnen, überirdischen Geschöpfen gleich, schweben mit schwingenden Röcken im Reigen - es könnte sein, daß sie die neun Musen symbolisieren; wahrscheinlicher aber ist, bedenkt man Auftraggeberund Absicht des Bildes, daß sie mit ihrer Neunergruppe verschlüsselt die neun Stadt-Oben am Himmel, hoch über den Hügeln, schwebt die einzige allegorische Figur des breiten Bildes, die reizvolle, fast nackte, nur mit einem dünnen Schleier spärlich umhüllte Securitas.Ihr Name ist hinter ihr ins Blau gesetzt worden.Mit den Beinen befindet sich der blonde Engel noch über dem städtischen Areal, womit zu zeigen war, daß sich Stadt und Land friedlich und fröhlich entwickeln können, solange für die Sicherheit gesorgt ist. Securitas blickt streng, stechend fast, bietet aber ihren gewölbten, etregenten vertreten.Oder man sieht beides zusammen - daß sich unter dem guten Regiment der neun auch die Künste entfalten, für die alle neun Musen Hand in Hand vor den Bürgern über den Platz tanzen. Tanz galt seit jeher als der dem Menschen gegebene Ausdruck von Harmonie der Welt; so ist er von Lorenzetti gemeint und gemalt.Im Rhythmus spiegelt sich himmlische Harmonie und offenbart sich seelische Freiheit.Der anmutige und reine Tanz der Engel zum Lobe Gottes 2.Doch eine strafende Schönheit schwebt hoch über alten Hügeln was flachbrüstigen Körper offen allen Blicken an.Sicherheit, so heißt das in Lorenzettis Bildersprache, ist etwas Schönes, etwas Edles, etwas Liebenswertes; Sicherheit ist begehrenswert. Das aufgerollte Spruchband in der Rechten von Securitas besagt, daß alte ist oft dargestellt worden, und besonders im Reigen liegt etwas von der Magie des Endlosen.Warum nicht auch tanzen zum Lobe der guten Obrigkeit?Ist es doch eine Freude, in Siena zu leben.Neun irdische Engel tanzen die Freude aus.Der Maler ließ sich von antiken Tanzdarstellungen anregen.Er überwand das hohe Mittelalter und dessen Verdikt: "Wo man tanzt, ist der Teufel".Hier haben wir vor uns die erste spätmittelalterliche Bilddarstellung tanzender Menschen. le Menschen in und um Siena in Ruhe schaffen und ohne Angst über die Straßen ziehen können, solange die Signoria an der Macht ist (Signoria ist der Ausdruck für die Verwaltung italienischer Stadtstaaten).Zur Sicherheit gehört es, die Gesetze zu achten, und wer das nicht tut, dem droht Strafe.Der Engel zeigt auch gleich, mit welcher Härte gestraft wird: Securitas präsentiert in ihrer Linken einen am Galgen aufgehängten Verbrecher. Mit ins Bild gehört die säugende Wölfin über dem Stadttor; sie ist nur teilweise zu sehen.Damit werden nicht allein die Porta Romana von Siena und die nach Rom führende breite Straße gekennzeichnet.In der lorenzettinischen Symbolsprache heißt das, daß sich Siena dem großen Rom selbstbewußt an die Seite stellt.Es führt seine Gründung legendär auf die Brüder Aschius und Senius zurück, die beiden Söhne des Remus.Den Halbgott Remus (dessen Vater war Mars, dessen Mutter eine Vestalin namens Rea Silvia) hatte sein Bruder Romulus getötet, nachdem sie gemeinsam Rom gegründet hatten.Seine Kinder flohen in die Toskana.Rom und Siena stehen wie Verwandte zueinander.Fünf Maurer und Dachdecker am oberen Bildrand - sie zu beobachten, muß dem Maler eine besondere Freude gewesen sein.Denn sie sind, im Gegensatz zu den vielen anderen Menschen seines Bildes, mit einem kräftigen Realismus ins Bild geholt worden und mit einer Genauigkeit der Arbeitsbewegungen, die in der Malerei des Mittelalters bis dahin unbekannt war.Zur unverstellten Darstellung der gesellschaftlichen Wirklichkeit gehört, Ambrogio Lorenzetti, Landschaftsmaler.Diese Kennzeichnung, die ihm die Kunstgeschichte schuldig blieb, trifft zu; allerdings sind seine Stadtbilder so großartig, daß er als Landschafter übersehen wurde.Dabei hat er Geschichte gemacht.Zur Landschaftsmalerei vor Lorenzetti gehörte Heroisches, Felsen immer wieder, aufgetürmte Berge.Phantasialand.Lorenzetti durchbrach eine tausendjährige Tradition, indem er Landschaft so wiedergab, wie er sie von der Loggia des Palazzo Pubblico sah.Er malte nicht Natur, er gestaltete Natur.Jeder Toskana-Reisende kann sich zustimmend hineinsehen in seine gestaffelten Hügel. Gewiß - ganz so steil sind sie nicht.Lorenzetti "fotografierte" nicht, sondern suchte das Wesentliche.Die Weinberge des Chiantilandes und die durch Erosion abgerundeten, ineinander verschmelzenden Hügelketten der Zona delle Crete vor Siena mit 4.Eine ideale Landschaft - und doch ist die Toskana gemeint daß eine Frau den Männern auf ihrem Kopf die Steine bringt.Eine Hilfsarbeiterin - sie muß ihre Last mit den Händen abstützen, und sie freut sich gewiß, daß ihr die Platte abgenommen wird: Man muß einander helfen. 3.In Siena hat auch eine Frau Freude an der schweren Arbeit ihren Waldflecken lassen sich bildhaft nachempfinden.Die Flüsse stimmen: Unter der Brücke fließt die Merse, darüber zieht die Francigena, die alte Frankenstraße, nach Rom (die Stelle ist heute leicht aufzufinden, aber natürlich sieht die Brücke ganz anders aus). Wie genau ist das beobachtet die vom fließenden Wasser abgenagten Uferstücke, die unterschiedlichen Baumformen der Oliven, der Pinien und der Eichen, die charakteristischen, individuellen Haltungen der Da war Lorenzetti ungewohnt ehrlich, vielleicht sogar listig, denn da hat er zu aller Fröhlichkeit des Arbeits- und Geschäftslebens auf Stra-ßen und Plätzen auch die Mühen der körperlichen Arbeit gemalt.Aber auch das insgesamt als Lob für die Anstrengungen der Bauleute; sie sollen ein Beispiel geben dafür, daß es jedermanns Aufgabe ist, durch Arbeit die Stadt noch schöner zu machen.Die gute Regierung der neun war stolz auf die Ergebnisse der Bautätigkeit.Die klugen Guten wußten auch, daß eine arbeitsame Bevölkerung nicht daran denkt, sich gegen die Mächtigen aufzulehnen. Der Maler hat Ordnungsvorschriften in die Bildersprache übertragen.Lehrbuchmäßig wird gezeigt, wie die hölzernen Schutzgitter beim Turmbau anzulegen sind, um die Bauleute nicht zu gefährden.Viele Verordnungen sind zum Bild geworden, etwa über Höhe und Form von Fenstern, Abstützung von Erkern und Balkonen, Neigung der Dachschrägen und Breite der Dachvorsprünge.Adel der Arbeit: Den krassen Gegensatz zeigt "Mal Governo".Bei der schlechten Regierung arbeitet nur einer - der Waffenschmied.Landleute, pflügend, säend, hackend, Maultiere ziehend.Und wie gern erzählt er, von den zudringlichen Krähen zum Beispiel, die den Sämann ärgern, oder vom Maultiertreiber beim Schwätzchen mit dem Kollegen, der ihm begegnet.Es sind Wiedererkennungseffekte für die Menschen von Siena, denen sein Fresko gewidmet ist.Es läßt sich gut vorstellen, daß etwas von der Lebensfreude des Künstlers übersprang und dem Betrachter Größe, Schönheit und Macht der Stadt nahebrachte.