Ausgabe: 11 / 1994
Seite: 86-89

Ein putziges Phantom aus der Lego-Kiste

Von Peter M. Bode

Friedensreich Hundertwasser, bekennender Ökokünstler und wortgewaltiger Gegner des rechten Winkels in der Architektur, hat eine Siedlung in Plochingen am Neckar seiner märchenhaften Fassaden-Kosmetik unterzogen.Geschminckt ist freilich nur der Innenhof; an der äußeren Fassade regiert der Biedermann

Manche Fenster sitzen viel zu hoch, die Treppenhäuser sind durch-

schnittlich banal, die meisten Bäder haben keine Fenster, etliche Grundrisse wurden arg verschnitten.Aber dafür ist der Innenhof samt Minihochhaus und Ziergarten einer neuen Wohnanlage im Neckarstädtchen Plochingen märchenhaft bunt und ausschweifend fröhlich geraten.Meister Friedensreich Hundertwasser hat wieder einmal kräftig hingelangt und den braven Württembergern eine richtige Sensation beschert.Die Leute drängen sich zuhauf, als ob Euro-Disney zum Besuch bei freiem Eintritt geladen hätte.Der Unterschied zwischen der Maskerade des US-französischen Freizeitparks und dieser Verschönerungs-Orgie des Wiener Malerpropheten ist denn auch unerheblich.Oberflächenkosmetik, überschminkte Wirklichkeit. Aber in Plochingen fällt die schrille Dekorkunst des Behübschers Hundertwasser doch schon sehr aus dem Rahmen.Die Hauptstraße mit ihren halbpostmodernen Amtsgebäuden und geleckten Bankfilialen zwischen ausgeweideten Fachwerkrelikten mündet in eine Allerweltsfußgängerzone mit der üblichen ungelenken Stadtmöblierung.Visuelles Chaos, provinzieller Protz und Langeweile geben den Ton an.Am Ende dieser aufgepeppten und dennoch öden Stadtachse nun plötzlich das "Wohnen unterm Regenturm". Wer allerdings lediglich den fünfeckigen Häuserblock einschließlich des dazugehörigen Supermarkts (abstoßend häßlich) umrundet, wird die seit Jahren immer gleichen Eingriffe des bekennenden und bekehrenden Öko-Künstlers zunächst kaum wahrnehmen; denn allein der eher putzige als orientalisch angehauchte Turmbau mit seinen blau glitzernden Eckpfeilern und vier goldenen Kugeln im Top überragt wie ein Phantom aus der Lego-Kiste die verzwickte und verbaute Anlage.Deren zur Stadt hin gewendete Fassaden schauen nämlich genauso bieder und neudeutsch verkrampft aus wie die ganze nähere Umgebung.Ängstlich und angeberisch zugleich.Entstellt Traditionelles gemixt mit erborgten Zeitgeist-Attributen.Ein (preisgekrönter) Entwurf des örtlichen Architekturbüros von Heinz M.Springmann und Siegfried Kaltenbach. Nur im Innenbereich, an den Hofseiten, konnte Hundertwasser sein beschränktes Repertoire voll entfalten: Das besteht in Plochingen aus weich gemuldeten Balkonen, sandfarbenem Putz, rot und blau verwackelten Fassadenstreifen aus eingelegten Fliesenscherben, verschieden bunt umrandeten Fenstern und ebenso getönten Plastikjalousetten, ziegelbewehrten Kurvenbrüstungen, knubbeligen Keramiksäulen und irgendwie alt-holländisch anmutenden Blendgiebeln mit barockem Doppelschwung.Dazu kommen im winzigen Gemeinschaftsgärtchen für 64 Besitzer der hier angebotenen Eigentumswohnungen (eineinhalb bis fünfeinhalb Zimmer) zerstückelte, weil von krummen Holperpflasterwegen unterbrochene Rasenflächen sowie ein bißchen Grün auf manchen Dächern. Nicht zu vergessen: Ein kurioser Tempietto im Kuchenteller-Look und ein Miniaturteich wurden auch noch dazwischengequetscht.Vor lauter Interieur im Exterieur ist kaum noch Platz für die erwünschte Kommunikation der Bewohner untereinander.Die können sich jedoch auch mühelos von Balkon zu Balkon unterhalten - weil der Abstand der gegenüberliegenden Häuserfronten ziemlich gering ist. Man fühlt sich wie in einem folkloristisch ausstaffierten Freilicht-Theater mit Logenplätzen.Wieder wird das Problem des verkitschten Wiener Jugendstil-Nachfahren deutlich: Hundertwasser kann nicht rechtzeitig aufhören.Der Horror vacui plagt ihn.Fast nichts entgeht seiner obsessiven Dekorationswut.Er meint es wohl mit der "unendlichen Linie" - die er einst in Hamburg bis zum Exzess propagierte - wirklich ernst.Und Ludwig Mies van der Rohes Devise "Weniger ist mehr" dürfte ihm ein Greuel sein.Daß wahrhaft zurückhaltend einfache (und noch dazu exakt rechtwinklige) Häuser außerordentlich schön sein können - man erinnere sich nur an das vollendete Design der amerikanischen Shaker-Sekte -, nimmt dieser blinde Prediger des Ornaments nicht zur Kenntnis.In den Wohnungen selbst konnte der Maler sich diesmal nicht verwirklichen.Denn die hatten die ausführenden Architekten wohlweislich bereits geplant, als Hundertwasser vom publicitysüchtigen Bürgermeister der Stadt zum Zwecke der städtischen Imagepßege zusätzlich eingeschaltet wurde.Ein "Publikumsmagnet" sollte geschaffen werden.Entsprechend vollmundig und weihevoll heißt es im Verkaufsprospekt der Vermarkter: "Friedensreich Hundertwasser.Der Maler.Der Künstler.Der Philosoph.Der Idealist.Das Genie.Der Mensch."Verwunderlich ist freilich schon, daß sich der inzwischen vom Erfolg verwöhnte Hausbau-Autodidakt in Plochingen auf diese nur partielle Oberflächenveredelung eingelassen hat. Warum bestand er nicht mindestens aufgewellten Fußböden im Inneren, ungeraden Wänden und einem Guckfenster zwischen Bad und Wohnraum - wie in Wien in der Löwengasse geschehen?Mit dem ökologischen Programm Hundertwassers und seiner ständigen Forderung nach mehrNatur in der Architektur hat das Plochinger Projekt ohnehin nichts zu tun: Denn Beton, Kunststoff und Aluminium wurden en masse verbaut.Aber es ist ja auch bequemer, sich fortwährend über die "Gottlosigkeit der geraden Linie" zu verbreiten als mit Nachdruck und Ausdauer für wirklich humaneres Bauen, dessen Vorzüge nicht immer im Sichtbaren liegen, einzustehen.