Ausgabe: 11 / 1994
Seite: 152-153

Vier Beine - ein kitzlicher Punkt

Von

Das Denkmal.Goethe und Schiller als Doppelstandbild in Weimar

Mit Skalpellen, zahnmedizinischen Instrumenten, selbstgefertigten Geräten und allen erfinderischen Finessen des Metiers hat ein Team ost- und westdeutscher Restauratoren 1991 das Weimarer Goethe-Schiller-Denkmal von den Verkrustungen der Jahre befreit, es instandgesetzt und konserviert.So spannend wie der Restaurierungsbericht lesen sich auch Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Dichtermonuments in diesem schön ausgestatteten, reichbebilderten und gründlich dokumentierenden Band, an dem Autoren der verschiedenen Fachgebiete mitgewirkt haben.

Die Idee zu einem gemeinsamen Denkmal für die beiden Heroen der deutschen Klassik war - noch zu Goethes Lebzeiten - schon 1827 an den Berliner Bildhauer Christian Daniel Rauch herangetragen worden, zunächst war an ein Grabmal für beide Dichter gedacht.Der Plan zur ungewöhnlichen Form des Doppelstandbilds kam 1834 auf, zwei Jahre nach Goethes Tod, doch erst 1849 erhielt Rauch dafür den Auftrag.Er gab ihn 1852 zurück, als der wegen der Lola-Montez-Affäre abgedankte bayerische König Ludwig I., engagierter Verfechter und wichtiger Sponsor des Denkmals - er spendierte türkische Kanonen für den Guß gebieterisch in den Entwurf hineinregierte.Auf Rauchs Empfehlung hin übernahm sein Meisterschüler Ernst Rietschel, Professor in Dresden, das Projekt, und 1857 schließlich wurde das Monument vor dem Weimarer Hoftheater feierlich enthüllt. Die Hintergründe, die im Buch aufgetan werden, gewinnen Farbe und Faszination in einerFülle klug ausgewählterTexte von Zeitgenossen, dazu in Briefen, Berichten, Tagebucheintragungen der Beteiligten.So wird das Weimar der Klassik und des Vormärz lebendig.Mit Eifer werden bildnerische Detailfragen erörtert, etwa "daß 4 Beine neben einander ein kitzlicher Punkt sind", und grundsätzliche Überlegungen angestellt, wie beide Dichter gleichwertig, also auch annähernd gleich groß, nicht anekdotisch, sondern symbolisch im Standbild zu erscheinen hätten.Fesselnd und anschaulich wird die Technik des Bronzegusses beschrieben, beim Goethe-Schiller-Denkmal wurden Wachsausschmelz- und Sandgußverfahren kombiniert.Das Doppelstandbild wurde bei Ferdinand von Miller in München gegossen, der zuvor seine kolossale "Bavaria" vollendet hatte.Sein Bericht über deren dramatischen Guß ist eine Abenteuer-Lektüre.