Ausgabe: 11 / 1994
Seite: 145
Die Kunst von Dritter und Erster Welt soll verschmelzen
Von
Ausstellungen: Die "Biennale von Havanna" gastiert in Aachen
vor allem die "ethische Hal-
tung" bewundert Wolfgang Becker, der Leiter des Aachener Ludwig Forums, an der "Biennale von Havanna".Die fünfte Ausstellung der Serie hat er nun teilweise nach Aachen importiert (bis 11 " Dezember, Katalog 60 Mark).Zusammen mit Llilian Llanes, der Leiterin des Wilfredo Lam Zentrums in Havanna, wählte Becker 190 Werke von 89 Künstlern aus 26 Ländern aus. Die Schau wird, wie Becker hofft, "zu einer langsamen Verschmelzung der Kunst der Dritten und der Ersten Welt beitragen".Der Ausstellungsmacher, der den "intellektuellen Tiefstand hiesiger Großausstellungen" beklagt und es ablehnt, "mit Kunstwerken wie mit Markenartikeln zu handeln", begrüßt die Biennale auch deshalb so enthusiastisch, weil sie "Kunstwerke Themenkreisen zuordnet" und "die Frage nach der gesellschaftlichen Bedeutung von Kunst" stellt. Für ihn zeichnet sich die Bildsprache der Dritten Welt durch "größere Offenheit und mehr Mut zur Improvisation" aus: "Markant ist die aus der Not geborene, klare Haltung zum Weltgeschehen."Weit davon entfernt, die Dritte Welt "zur eigenen Befriedigung ausplündern" zu wollen, sucht Becker den Austausch, um herauszufinden, wie Kunstwerke Inhalte vermitteln. Die Ausstellung setzt sich mit Problemen von Minderheiten auseinanderundbeschäftigt sich mit Naturzerstörung, Völkerwanderungen und Seuchen wie Aids.Immer wieder verblüffen die ästhetischen Lösungen der Künstler.So stellt der Argentinier Luis Freistav, 40, aus Pappmache lebensgroße Plastiken ausgemergelter Hunde her.Deren elende Gestalten spiegeln augenfällig die Verhältnisse seines Landes wider.Der Kubaner Alexis Leyva, 24, setzt kleine, wie von einer Strömung erfaßte Boote zur Silhouette eines Schiffes zusammen.Die stille Bodenarbeit erinnert an die flüchtigen "Boat people" aus Haiti, Kuba und der Dominikanischen Republik und zeigt, daß politische Kunst keineswegs auf abgegriffene Metaphern angewiesen ist.
