Ausgabe: 11 / 1994
Seite: 48-49
Gefangen in den Mauern des Ghettos
Von Edgar Hilsenrath
Edgar Hilsenroth über ein Porträt von Felix Nussbaum
Die Schicksale seiner Helden sind grotesk wie dos eigene " Edgar Hilsenroth " 65 " wurde in Leipzig geboren " floh vor den Judenpogromen der Nazis nach Rumänien, wurde dort gefaßt und in ein ukrainisches Ghetto deportiert.Nach seiner Befreiung durch die Rote Armee ging er nach Palästina und emigrierte 1951 nach New York; seit 1975 lebt er in Berlin.Genüßlich setzt er in seinen Romonen - etwa " Nacht" (1964), "Der Nazi & der Friseur" (1977) oder "Jossel Wassermanns Heimkehr" (1993)- die eigenen Erlebnisse in Geschichten und Anekdoten um und schreckt dabei auch vor Verzerrungen und Zoten nicht zurück.Für ART betrachtet er ein Porträt des ermordeten jüdischen Malers Felix Nussbaum Du hast also einen Roman geschrieben mit dem Titel "Nacht'?""Ja", sage ich.
"Den Roman des jüdischen Ghettos?" "Den Roman des Ghettos Moghilew-Podolsk in der Ukraine." "War es ein besonderes Ghetto?" "Ja.Es war das große Ghetto der rumänischen Juden aus der Bukowina und aus Bessarabien.Im Roman heißt das Ghetto allerdings anders.Es heißt Prokow, ein fiktiver Name." "Und was hat das mit dem Maler Felix Nussbaum zu tun?" "Eines seiner Bilder ist auf dem Umschlag des Buches.""Welches Bild?" "Jaqui auf der Straße. 1944.Es zeigt einen kleinen Jungen, der einsam an einer Straßenecke steht.Auf seiner Brust ist ein gelber Judenstern, so einer, wie den tragen mußten.Im Hintergrund sieht man eine Laterne. große Einsamkeit aus und zugleich eine große Gefahr, weil man ja weiß, daß der kleine Junge mit seinem Stern jederzeit verhaftet und ins Vernichtungslager geschickt werden kann.Es ist ein Bild, von dem ich nicht loskomme. Jaqui, der kleine Junge, könnte in Paris gelebt haben, oder in Belgien, wie der Maler Felix Nussbaum.Apropos: Nussbaum war bis 44 in Belgien versteckt, einen Monat vor der Befreiung haben ihn die Nazis verhaftet und nach Auschwitz deportiert, wo er wahrscheinlich vergast wurde. Ich frage mich also, wie Jaqui nach Moghilew-Podolsk kam und warum mein Verleger ausgerechnet sein Bild für den Umschlag meiner "Nacht" ausgesucht hat.Wenn du genau hinschaust, dann siehst du eine Straße im Hintergrund.Auf dem Umschlag des Buches ist es natürlich eine Straße im Ghetto Moghilew-Podolsk oder Prokow, das große jüdische Ghetto in der Ukraine am Ufer des Dnjestr. Ich stelle mir also vor, daß Jaqui, der damals ungefähr so alt war wie ich (auch ich trug damals einen gelben Stern, und auch ich stand nachts im Ghetto einsam auf der Straße), auch ei-" ne ähnliche Geschichte zu erzählen hat wie ich.Ich stelle mir also vor, daß Jaqui aus einer mittleren deutschen Stadt stammt.Sein Vater war Kaufmann.Jaqui besucht die Schule, eine Nazischule.Er ist das einzige jüdische Kind in der Klasse.Die kleinen Nazijungen hänseln und verspotten ihn.Er wird oft verprügelt.Die Nazilehrer haben ihren sadistischen Spaß mit dem jüdischen Jungen. Jaqui hat Angst, auf der Straße aufzufallen.Besonders die Schlagzeilen des antisemitischen Hetzblattes "Der Stürmer" an den Litfaßsäulen und Hausmauern beunruhigen ihn.Diese häßlichen jüdischen Fratzen!Nein, so sieht kein Jude aus. Während der Kristallnacht wird das Geschäft seines Vaters zertrümmert, auch die Wohnung.Die kleine Synagoge brennt ab.Die Familie beschließt auszuwandern. Der Vater will Frau und Kinder nach Rumänien schicken.In dem kleinen jüdischen Städtchen Sereth in der rumänischen Provinz Bukowina wohnen die Großeltern von Jaqui.Dort ist man sicher. Und eines Tages im Frühjahr 39 fährt Jaqui nach Rumänien.Natürlich fährt er nicht allein.Mit ihm fahren seine kleine Schwester und seine Mutter.Der Vater bleibt in Deutschland zurück, um das Geschäft aufzulösen. Die Bukowina war eine ehemals österreichische Provinz, die nach dem Ersten Weltkrieg von Rumänien annektiert wurde.Die Leute sprachen alle noch deutsch, besonders die Juden.Jaqui hatte keine Schwierigkeiten, sich hier zu Hause zu fühlen.Er lebte jetzt fast nur unter Juden.Es war ein beglückendes Gefühl, unter seinesgleichen zu sein, fern von den Verhöhnungen seiner Mitschüler, der Nazilehrer, der Angst auf den Straßen.Jaqui lebte friedlich im Haus seiner Großeltern.Er fand viele Freunde in der kleinen Stadt. 1940 aber kamen in Rumänien die Faschisten an die Macht.Es fing mit Pogromen an.In Bukarest wurden Juden auf der Straße geschnappt und ins Schlachthaus gebracht.Man fand sie am nächsten Tag an Fleischerhaken aufgehängt mit einem Zettel um den Hals: Koscheres Fleisch. Bald aber dehnte sich der Terror aus.Im Herbst 41 wurden sämtliche Juden aus der Bukowina nach dem Osten deportiert in das von rumänischen Faschisten eroberte Gebiet der sowjetischen Ukraine. Und eigentlich fängt hier die Geschichte vom Bild des Felix Nussbaum an und seinem Jaqui auf der Straße, auf dem Umschlag meines Ghettoromans "Nacht' " Wir sehen Jaqui einsam an einer Straßenecke des Ghettos stehen.Im Hintergrund ist eine Laterne.Es gibt für mich keinen Zweifel, daß Jaqui nach Moghilew-Podolsk deportiert wurde, der Ruinenstadt am Dnjestr, im Roman Prokow genannt, dem großen Ghetto der Bukowiner Juden. Im Ghetto herrschten Hunger und Typhus.Es gab keine Wohnungen, und die meisten vegetierten auf der Straße.Tagtäglich fanden Razzien statt, und Leute wurden weiter nach Osten deportiert.Viele Transporte wurden über den Bugfluß abgeschoben, wo der rumänische Sektor aufhörte.Jenseits des Bug stand deutsche SS.Ich weiß nicht, was aus Jaqui geworden ist, ob er den Krieg überlebt hat, ob er im Ghetto verhungert ist oder an Typhus erkrankt, ob man ihn über den Bugfluß deportiert hat, wo er sicherlich von der SS erschossen wurde. Ich sehe ihn nachts auf der Straße, an einer Straßenecke wie auf dem Bild von Felix Nussbaum, den gelben Judenstern auf der Brust, ängstlich, einsam, sehr jüdisch, verloren."
