Ausgabe: 11 / 1994
Seite: 70-75
Über Boden-Bilder zu den Künsten
Von Peter Meleghy
Die Bronzestatue auf dem schiefen, verwinkelten Platz Largo do Chia-
do zeigt den Dichter Antonio Ribeiro mit ausgebreiteten Armen und einem verschmitzten Lächeln, als hätte er gerade eines seiner spaßigen Gedichte abgeschlossen.Um ihn herum auf dem Pflaster breiten sich mächtige, stilisierte Wellen aus kleinen hellen und dunklen Steinwürfeln aus.Die künstliche Brandung rollt die abschüssige Rua Garrett hinunter, teilt sich an der Ecke Serpa Pinto und fließt auf den Bürgersteigen als Gittermuster weiter.Nebenan, am Platz Luis de Camoes, zieren Segelboote und wellenreitende Seejungfrauen den Boden.Woanders sind es Karos, Sterne, Schlangenlinien. Auf diesem dekorativen Boden tost das südländische Leben: Vor dem Cafe "A Brasileira" sitzen fröhlich schwatzende Menschen an weißen Tischen unter weißen Sonnenschirmen, eine zahnlos lächelnde Bettlerin streckt den Passanten die Hand entgegen - doch sie gehört zum feinen Chiado-Viertel wie die elegant gekleideten Damen und Herren oder die katzenhaften schwarzen jungen Frauen, die in langen hochgeschlitzten Kleidern hüftschwingend vorbeieilen. Natürlich eilen sie nicht auf Stöckelschuhen.Das ist hier unmöglich.Das Schmuckpflaster hat seine Tücken.Besonders auf den steil ansteigenden Stra-ßen der Stadt - also auf fast allen - und ganz besonders bei Regen, wenn der Boden so malerisch glänzt.Die kleinen dunkelgrauen Würfel aus Basalt und hellen eierschalenfarbenen aus Kalkstein werden in Holzschablonen geordnet und unverfügt in die unebene Erde gehämmert wo sie sich nur gegenseitig halten.Und immer wenn wieder einige ausbrechen und gefährliche Löcher hinterlassen, dann heißt es in Lissabon: Das sind Sinnbilder der portugiesischen Gesellschaft mit ihren Löchern im sozialen Netz und der Zerrissenheit durch jahrhundertelange Emigration. Nicht so vielschichtig, dafür weitgehend ungefährlich, ist die andere kunsthandwerkliche Spezialität des Landes: die Wandfliesen.Meist glänzen diese Azulejos blauweiß, oft zeigen sie große Gemälde mit Stadtansichten, und immer verbreiten sie eine angenehm kühle Stimmung.Außerdem schützen sie die Gebäude nachhaltig, wie sich leicht am zerbröselnden Putz von nicht verfliesten Nachbarhäusern ersehen läßt.Der Pflasterschmuck wurde erst im 19.Jahrhundert als Zwangsarbeit für Strafgefangene eingeführt, die Fliesen dagegen kamen schon mit den Mauren im achten Jahrhundert nach Lissabon. Die schönsten Exemplare der glasierten Keramikplatten sind im Fliesenmuseum in einem grandiosen ehemaligen Kloster zu bestaunen.Aus der Besatzungszeit durch die Mauren (711 bis 1147) stammt auch der vom Erdbeben 1755 verschonte Stadtteil Alfama.Es ist ein Gewirr von engen, steilen Gassen und Treppen, von mit Bougainvillea überwucherten Mauern und Torbögen am Hang unterhalb des Castello de Sao Jorge.Am Straßenrand spielen dunkelhäutige Kinder, Katzen liegen in der warmen Sonne und dösen.Schon die quietschende gelbe Straßenbahn wirkt hier wie der Bote einer unwillkommenen Zukunft. Der wohl eigenartigste Baustil Lissabons ist im sogenannten Goldenen Zeitalter des Landes unter Emanuel I. -"dem Glücklichen" - (1469 bis 1521 ) entstanden: die Manuelinik, irgendwo zwischen Gotik und Renaissance.Ihre hintergründige Geschichte beginnt allerdings schon früher.Mit ihren neuartigen, hochseetüchtigen Karavellen eroberten die Portugiesen schon zu Beginn des 15 " Jahrhunderts Madeira, die Azoren und die Kapverdischen Inseln.Später wurden Marine- und Geschäftsstützpunkte in Brasilien, Südafrika, Indien, China und Japan gegründet.Doch schon damals, um 1450, begann der Handel mit Sklaven, Gold und Pfeffer.Lissabon wurde zum bedeutendsten Hafen Europas, zum Zentrum des Welthandels.Was die Stadt dahin gebracht hat?Vermutlich Habgier und Mordlust. "Keineswegs", korrigiert die Kunsthistorikerin Gisela Rosenthal vom Goethe-Institut in Lissabon das verbreitete Vorurteil, "zumindest nicht zu Beginn der Entdeckungsreisen."Sie verweist auf zwei Ausstellungsstücke im Museum für Alte Kunst.Das eine ist ein Polyptichon aus der Spätgotik.Die 60 meist stehenden Figuren füllen auch nach oben die ganze Bildfläche."Etwa in der Mitte", sagt die Kunsthistorikerin, "kniet König Alfonso V, dessen Pläne vom Stadtpatron, dem heiligen Vincenz, abgesegnetwerden: zu den Entdekkungs- und Missionsreisen aufzubrechen, die ursprüngliche, auf Christus gegründete Religionsgemeinschaft zu suchen und zu finden."Wie wichtig die Angelegenheit war, zeigt die Versammlung aller Stände auf dem Gemälde, einschließlich des Ordens der militanten Christusritter und eines Juden. Unweit dieses Polyptichons steht die eindrucksvolle "Monstranz von Belem" aus dem Jahr 1506.Die Filigranarbeit ist aus dem ersten Gold gefertigt, das Vasco da Gama aus Indien mitgebracht hat."Es wurde also nicht in die eigene Tasche gesteckt, von wem auch immer", betont die in Portugallebende Deutsche, "sondern zum Lobe Gottes verwandt." Ähnlich die Architekten und Steinmetze: Inspiriert von Arabesken in Persien, den Gitterfenstern im indischen Ahmadabad und den Stalaktiten der Moschee in Marrakesch, schmückten sie die gotischen Kirchen, Klöster und Schlösser.Dabei tauchen immer wieder Netze und Tauwerk, Knoten und Anker auf, sogar eine riesige Gürtelschnalle ziert eine Wand.Eine geradlinige Symbolik: All dies deutet Bindung an, Rückbindung - Religion. So wurde auch der Bau des riesigen Klosters der Hieronymiten (heute beherbergt es Museen) im Stadtteil Belem 1499 von König Emanuel I. aus Anlaß der glücklichen Rückkehr Vasco da Gamas als Dank an den überirdischen Herrscher in Auftrag gegeben.Wie identitätsprägend dieser Stil für die Portugiesen gewesen ist, zeigt die Tatsache, daß noch Ende des 19.Jahrhunderts in neomanuelinischem Stil gebaut wurde, etwa der sehenswerte Rossio-Bahnhof.Heute erscheint die Bauweise überladen - doch unübersehbar ist die Verwandtschaft zu den grandiosen Jugendstilbauten des Katalanen Antoni Gaudi ( 1852 bis 1926) in Barcelona. Hinter einem Triumphbogen am Nordrand des Platzes Praca do Comercio beginnt in einem tiefen Tal zwischen den Hügeln Alfama und Bairro Alto das Geschäftsviertel: Schachbrettartig angeordnete breite Straßen, hohe herrschaftliche Häuser aus dem 18, und 19.Jahrhundert.Die vielen Filialen der "Bank des Heiligen Geistes" (Espirito Santo) sind restauriert.Die meisten anderen Gebäude zeigen den morbiden Charme von brökkelnder Pracht.Das neueste in der Architektur sind die heiß umstrittenen postmodernen Türme des Büro- und Einkaufszentrums Amoreiras in Sichtweite des Aquädukts aus dem 17.Jahrhundert - ein grandioser Kontrast.Doch die verspielten bauklotzartigen Gebäude fügen sich farblich in die Umgebung - und passen gut in die unglaubliche Vielfalt der Stadt. Unter den vielen Museen ist das interessanteste, aber auch zwiespältigste die Stiftung Gulbenkian.Die langgezogenen Rohbeton-Gebäude von 1969 sind unangenehm gealtert.Die Skulpturensammlung im Park könnte unter dem Titel stehen: "Die jeweils schwächste Arbeit eines Künstlers, von Henry Moore bis Peter Szekely, zur gefülligen Abschreckung der Besucher".Wer sich nicht abschrekken läßt, wird von der persönlichen Kunstsammlung des Ölhändlers Gulbenkian - klassische Gemälde, Skulpturen, Porzellan, Teppiche - mehr als entschädigt.Doch die Krönung ist die ständige Ausstellung im "Centro de Arte Moderna" der Stiftung.Sie zeigt mit herrlichen Beispielen die Entwicklung der bildenden Kunst Portugals von der Jahrhundertwende bis heute. Nach der Nelkenrevolution (1974) und dem EG-Beitritt (1986) ist in Lissabon ein kleiner Aufschwung zu erkennen.Es wird restauriert, und das nicht nur im feinen Geschäftsviertel Chiado, das durch einen Brand 1988 beschädigt wurde, sondern auch im alten, heruntergekommenen Maurenviertel.Die meisten Museen sind bereits restauriert, die Bilder neu gehängt, die Objekte neu arrangiert - und sie werden gut besucht. All dies und die Ernennung Lissabons zur Kulturhauptstadt Europas 1994 prägt die neue Identität des Landes am Ende eines postkolonialen Zeitalters mit Diktatur und Isolation.Denn für die Portugiesen, am Rand des Kontinents mit dem Rücken zum Atlantik, ist am Tag des Europa-Beitritts ein jahrhundertealter Traum in Erfüllung gegangen - der Traum, dazuzugehören. 1994 Musseen, Sammlungen und Ausstellungsorte 1 Centro Culrural de Belem / Kulturzentrum Belem Praca do Imperio Mo-So 11 -20 Ausstellungen: "Übermorgen".Internationale zeitgenössische Künstler, darunter Stephan Balkenhol (Jahrgang 1957) und Ulrich Horndash (Jahrgang 1951 ), zeigen Gemälde und Plastiken.Bis 7. 12.Installation des portugiesischen Künstlers Pedro Cabrita Reis (Jahrgang 1956).Bis 31 " 12. -Design Lissabon 94. 2. 11 " H. 1. 1995.Fundacao Calouste Gulbenkian: 2 Museu Calouste Gulbenkian Avenida de Berna und 3 Centro de Arte Moderna / Zentrum für moderne Kunst Rua Dr.Nicolau Bettencourt Oktober bis Juni; Di- So 10-17, Juli bis September: Di, Do, Fr, So 10-17, Mi, Sa 14-19.30 Das Museum beherbergt die rund 6000 Werke umfassende Kunstsammlung, die der armenische Erdölmagnat Calouste Gulbenkian Portugal hinterließ.Dazu zählen Objekte aus dem alten Ägypten, aus Mesopotamien, dem griechisch-römischen Kulturkreis, Kunstschätze des Islam und aus Europa.Zur Kollektion europäischer Gemälde und Skulpturen des 14. bis 17.Jahrhunderts gehören Holzstatuetten von Tilman Riemenschneider und Gemälde von Peter Paul Rubens, Anthonis van Dyck, Rembrandt, Frans Hals und Ghirlandaio.In den Galerien des 18. und 19.Jahrhunderts sind Gemälde von Thomas Gainsborough, Edouard Manet, Edgar Degas, Auguste Renoir und Claude Monet zu besichtigen.Weltberühmt ist die Jugendstilsammlung mit Entwürfen des französischen Schmuckkünstlers Rene Lalique.Im Centro de Arte Moderna werden internationale Wanderausstellungen gezeigt.Zur ständigen Sammlung gehören Arbeiten portugiesischer Künstler des 20.Jahrhunderts. 4 Fundacao Ricardo Espirito Santo / Museu-Escola de Artes Decorativas Largo das Portas do Sol 2 Di-Sa 10-13, 14.30-17 In dem ehemaligen Stadtpalast aus dem 17.Jahrhundert ist Portugals bedeutendste Sammlung von Möbeln und Kunstgewerbe zu besichtigen.Dem Museum sind Lehrwerkstätten für Kunsthandwerker und Restauratoren angeschlossen.
5 Museu do Chiado Rua Serpa Pinto 6 Di 14-18, Mi-So 10-18, Do, Sa bis 20 Das Museum zeigt Malerei und Bildhauerei portugiesischer Künstler des späten 19. und frühen 20.Jahrhunderts.Ausstellung: Gezeigt wird die Sammlung von Manuel de Brito, der vor 30 Jahren als erster eine Galerie in Lissabon eröffnet und Arbeiten portugiesischer Künstler der fünfziger, sechziger und siebziger fahre ausgestellt hat. 17. 11 "-31 " 12. 6 Museu da Cidade / Stadtmuseum Campo Grande 245 Di-So 10-13 und 14-18 Das Museum dokumentiert die Stadtgeschichte von Lissabon und informiert über Portugals Blüte im 15.Jahrhundert, dem Goldenen Zeitalter der Entdeckungen. 7 Museu Nacional de Arte Antiga / Nationalmuseum für Alte Kunst Rua das Janelas Verdes Di 14-18, Mi-So 10-18, Do, Sa bis 20 Neben einer umfangreichen Galerie europäischer Malerei des 14, bis 19.Jahrhunderts besitzt das Museum Sammlungen ägyptischer, griechischer und römischer Plastik, Keramik und Porzellan sowie hervorragende Silber- und Goldschmiedearbeiten.Berühmt ist das aus sechs Tafeln bestehende Vinzenz-Altarbild, das dem portugiesischen Hofmaler Nuno Goncalves (urkundlich nachweisbar 1450 bis 1471 ) zugeschrieben wird.Ausstellung: Video-Installation von Bill Viola (Jahrgang 1951 ) über Triptychen von Hieronymus Bosch.Bis 31 " 12. 8 Museu Nacional de Arqueologia e Etnologia / Nationalmuzeum für Archäologie und Ethnologie Praca do Imperio Di-So 10-12, 14-17 Im ehemaligen Dormitorium des Hieronymitenklosters werden Funde aus dem Neolithikum, der Bronze-, Eisen- und der Römerzeit gezeigt.Ausstellung: Unter dem Motto "Unterirdisches Lissabon" sind die prähistorischen Anfänge der Stadt und ihre Entwicklung unter dem Einfluß der Phönizier, Römer, Westgoten und Mauren zu erleben.Bis 31 " 12. 9 Museu Nacional do Azulego / Fliesen-Nationalmuseum Convento, Rua da Madre de Deus 4 Di-So 10-17 Das Museum dokumentiert anhand zahlreicher Wandpaneele die Geschichte der "Azulejos", der bemalten Fliesen, mit denen in Portugal die Fassaden vieler Gebäude geschmückt sind.Ausstellungen: Keramiken des 15, bis 1 H.Jahrhunderts aus dem Königreich Neapel. 9. 11 " 31 " 12. -Julio Resende: Keramische Arbeiten des portugiesischen Malers.März bis Mai 1995. 10 Museu Nacional dos Coches / Kutschen-Nationalmuseum Praca Afonso de Albuquerque Di-So 10-13, 14.30 -17 Die ehemalige Reithalle des Belem-Palastes beherbergt die umfangreichste und kostbarste Sammlung von Kutschen aus dem 16, bis 19.Jahrhundert.Kirchen, Klöster, Paläste 11 Castela de Sao Jorge Ostlich oberhalb des Stadtteils Baixa Mo-So 9-19 Das Kastell St.Georg ist das älteste Bauwerk Lissabons, schon 205 vor Christus war es von den Römern besetzt.Der Burghügel wurde später zur Keimzelle der Stadtentwicklung.Bis 1511 wohnten dort auch die Könige. 12 Igreja de Sao Roque Largo Trindade Coelho Der 1566 im Auftrag des Jesuitenordens begonnene Bau gilt bis heute als architektonisch bedeutendste Kirche von Lissabon. 13 Mosteiro dos Jeronimos / Hieronymitenkloster Praca do Imperio Oktober bis April: Di-So 10-17, Juni bis September; Di-So 10-18 Als Vasco da Gama erfolgreich von seiner ersten Indienreise zurückkehrte, veranlaßte König Emanuell. 1499 den Bau eines Klosters, der bis 1571 dauerte.Die fast 300 Meter lange Anlage zählt zu den berühmtesten Bauwerken Portugals; weltberühmt ist der Kreuzgang. 14 Torre de Belem / Turm von Belem Avenida da India Di-So 10-17 Der von König Emanuel I. 1515 erbaute Festungsturm ist das Wahrzeichen der Stadt. 15 Palacio National de Queluz 15 Kilometer nordwestlich von Lissabon Mo, Mi So 10-13, 14-17 (wenn nicht für Staatsempfänge genutzt und daher geschlossen) Im Rokokostil erbauter Sommersitz des Königshauses Braganca. 16 Palacio National de Sintra 30 Kilometer nordwestlich von Lissabon Largo Reinha Dom Amelia Do-Di 10-13, 14-17 Der Palastkomplex vereinigt maurische, gotische und manuelinische Baukunst mit Stilmerkmalen der Renaissance.Galerien 17 Culturgest Caixa Geral de Depositos Portaria da Rua Arca do Cego Neue Arbeiten des portugiesischen Malers Julio Pomar (Jahrgang 1926).Bis 30. 11 " 18 Modulo Calcada dos Mestres 34 A/B Arbeiten zeitgenössischer internationaler und portugiesischer Künstler. 19 Moira Galeria de Arte Rua Nova da Piedade 33 Ausstellungen von Arbeiten zeitgenössischer afrikanischer Künstler aus Angola, Mocambique und Simbabwe.November bis März 1995. 20 Triangulo 48 Avenida D.Vasco da Gama 48 A Moderne Kunst aus Portugal.Alle Öffungszeiten beruhen auf Auskünften der Aussteller, die sich Änderungen vorbehalten.
