Ausgabe: 11 / 1994
Seite: 68
Endzeit und die Sphinx aus Paris
Von Alfred Nemeczek
KUNST-GESCHICHTEN
Geschrieben, verreist, geschrie-
ben, redigiert und schon wieder verreist.Manchmal braucht's Quantität.Pfeile sammeln, um sie abzuschießen, wenn von Qualität die Rede ist. Zuerst fuhr ich nach Bonn.Ich wollte wissen, warum keinen Menschen, den ich kenne, die Schau "Europa, Europa" in der Bundeskunsthalle begeisterte, obwohl sie doch zehn Millionen Mark gekostet hat.Auch ich sah dort zu viel gute Ost-Kunst, als daß ich ohne Bedauern hinschreiben könnte, was ich aber hinschreiben muß: Die fadeste Großausstellung, zu der ich je freien Eintritt hatte. Danach der Kontrast im neuen Bonner Haus der Geschichte, wo die Kurzweiligkeit der interaktiven Präsentation - Klartext: ein Overkill an Projektionen, Touch Screen-Bildschirmen, Leuchtschriften, Bedienungsknöpfen, Schubladenzügen und begehbaren Kulissen - mir wie pervertiertes Werbefernsehen vorkam.Deutsche Vergangenheit seit 1945, zermörsert zu zigtausend Zetteln, Fotos, Objekten, Spots und Clips.Aber als Zeitzeuge bin auch ich nicht Herr meiner Neugier; Prompt hole ich mir die "Spiegel"-Affäre von 1962 in Drei-Minuten-Happen auf den Monitor und sehe Rudolf Augstein auf dem Weg zur Haft.Die Über-Inszenierung des Ganzen ist schon bedrückend und macht Erkenntnis schwer- und doch habe ich mir beim Weggehen gewünscht, nochmal zwölf und in Bonn Schüler zu sein.Ich käme jede Woche und könnte sogar hier etwas lernen. Am nächsten Tag Köln: Kurz vor Schluß erwische ich die Ausstellung "Himmel, Hölle, Fegefeuer - Das Jenseits im Mittelalter", und aufgeklärte Mitbesucher sprechen vor den Endzeit-Visionen der Apokalyptiker von einst verlegen lachend aus, woran ich gerade denke: "Und was, wenn da doch was dran ist?"Im Wallraf-Richartz-Museum, bei der noblen Schau zum 150.Geburtstag von Wilhelm Leibl ( 1844 bis 1900), gefällt mir paradoxerweise das weltläufige Frühwerk am besten, und mir dämmert ein Zusammenhang von Sujet und Akzeptanz: Weil mir sein Milieu bayerischer Dorfstuben fremd ist, finde ich auch kaum Zugang zu Virtuosität und Seelentiefe des reifen Leibl. Geschrieben, redigiert und schon wieder verreist: nach München.Dort kommt es knüppeldick: "Open Art '94" mit Eröffnungen in mehr als 60 Galerien (ich schaffe zwölf), 15 Lokalstars in der Schau "Scharf im Schauen", über 80 Künstler in der Trend-Revue "Europa '94".Und fast alles ist so sehr von heute, daß der Verstand mehr zu tun kriegt als das Gefühl.Ach, ich weiß es ja: Aktuell ist Kunst, von der das System Kunst in Frage gestellt wird.Und jungen Künstlern bleibt Spontaneität bis auf weiteres verboten.Also reagiere auch ich cool und verankere zwölf Namen, die ich mir bei "Europa '94" notiert habe: Sylvia Bossu, Takis Konstantin, Vladimir Kuprijanov, Elisabeth Ballet, Jean-Luc Blanc, Filippo Falaguasta, Marco Formento/Ivano Sossella, Jutta E.T.Glöckner, Paul Graham, Fabrice Hybert und Jordi Colomer.Diese Künstler will ich im Auge behalten, bis ich sie eines Tages rühmen oder vergessen kann. Merkwürdig: Bei dem Mammut-Spektakel spielt die traditionelle "Große Kunstausstellung" beschickt mit über 400 Werken von Fred Thieler, Dieter Krieg, Dieter Appelt, Ben Willikens, Gerd Winner, Hede Bühl und viel zu vielen anderen - kaum eine Rolle.Ganz so, als stünde dieser "Eintopf des Mittelmaßes" ("Süddeutsche Zeitung") gar nicht auf dem Feuer und enthielte nicht ebenfalls Kunst, wie sie heute entsteht - und vom Publikum begriffen wird. Die vorerst letzte Reise ging nach Kassel - mit einem Abstecher zur denkwürdig gut gelungenen Ausstellung der Skulpturen von Louise Bourgeois in der Kestner-Gesellschaft von Hannover.Im Kasseler Museum Fridericianum sprach die documenta-Macherin Catherine David zum wohl größten Auditorium ihres Lebens.Statt 200, wie erwartet, hörten mehr als 700 ihrem Antrittsvortrag zu, in dem sie nichts verriet über ihre Pariser Arbeit oder die für 1997 geplante 10, documenta.Und bei allem Verständnis für das frühe Stadium der Vorbereitung kam hinterher die Frage auf, ob Charme, Eloquenz und intellektuelle Kühle tatsächlich schon ein Ereignis garantieren, bei dem immerhin ein Etat von 18 Millionen Mark sinnvoll vernichtet werden soll.Allen, die Zirkus wollen, sagt die Pariser Sphinx entschieden, daß ihre "am wenigsten schlechte documenta" weder eine Messe, noch eine Novitäten- und Informationsschau noch ein "Derby" wird.Aber was dann?Ein Film?Noch ist das Projekt documenta, demnächst 40 Jahre alt, für schönste Hoffnungen gut.Irgendwann auch für Zweifel? Inzwischen redigiere ich wieder, sehe mich aber schon bei vier Ausstellungen lateinamerikanischer und afrikanischer Kunst.Denen gehört erklärtermaßen auch das Interesse von Catherine David.
