Ausgabe: 11 / 1994
Seite: 116

Disziplin und Besessenheit

Von Eva Karcher

Hannover: Some Went Mad, Some Ran Away.".

Der Titel "Einige wurden verrückt, einige rannten weg "."" stammt vom britischen Künstler Angus Fairhurst, 28.Sein ein Jahr älterer Freund Damien Hirst, ein Senkrechtstarter der Kunstszene (ART 7/1993), ist Kurator der Ausstellung.Es ist die dritte Schau, die Hirst organisierte, und sie sorgte bereits in der Londoner Serpentine Gallery, ihrer ersten Station, für gemischte Reaktionen von "alarmierend" bis "zahm".

Angeregt durch Werke von Hieronymus Bosch und Pieter Brueghel, fügte Hirst im Kunstverein Hannover Gemälde und Objekte von 15 Künstlern aus Europa und den USA zu einer "optimistisch apokalyptischen Collage".Allen Arbeiten der Ausstellung ist eine eigenartige Spannung zwischen Form und Inhalt eigen.Unter kühlen, glatten Oberflächen brodeln Chaos und die "Angst vor Funktionsverlust" (Hirst).Mit einer beunruhigenden Mischung aus stellen die Künstler Objekte her, die einerseits körperlich und sinnlich, andererseits erstarrt und tot wirken, wie das in Formaldehyd konservierte Lamm in einer Glasvitrine von Damien Hirst oder der von der Decke herabhängende Gummihai des Amerikaners Ashley Bickerton, 35. Im größten Raum krümmt sich die Figur einer weiblichen Elendsgestalt auf dem Boden.Sie stammt von der in London lebenden Abigail Lane, 27, und bietet mit ihrem billigen Perlonmantel, dem entblößten Unterleib und den schütteren, verfilzten Haaren ein Bild der Trostlosigkeit.Auf hohem Sockel reckt sich hinter ihr eine orangefarbene Riesenskulptur des Kaliforniers Michael Joacquin Grey, 33 - eine Nachbildung von Rodins "Balzac" -, phallisch in die Höhe. An einer Wand hängt ein gespenstisches Endzeitbild des New Yorkers Alexis Rockman, 32, auf dem Tierkadaver, von Pilzen befallene Pflanzen und Konsummüll eine verrottete Natur schildern, und gegenüber sind zwei Gemälde des Briten Marcus Harvey, 31 " zu sehen, der erotische Zeichnungen absichtlich roh mit Farben beschmiert und so die Grenze zwischen Verlangen und Scham offenlegt. Jede Arbeit ist mit jeder anderen durch Hirsts Idee verbunden, "ein Fest von etwas Komischem und etwas Traurigem" zu inszenieren; jede verharrt in einem paradoxen Schwebezustand.Das Objekt "Dazwischen" der Londoner Bildhauerin Jane Simpson, 29, hält Honig aufeiner Eisfläche kühl, bringt ihn aber auch mittels einer Glühlampe langsam zum Schmelzen.Die Installation des Hamburgers Andreas Slominski, 35, der ein Fahrrad über und über mit gefüllten Plastiktüten und Taschen belädt, erzählt von der Heimatlosigkeit in der Welt und der hellblaue Riesenwürfel des Briten Robert Peacock, 25, den der Besucher nicht betreten, nur sinnlos umkreisen kann, von der Unbehaustheit im eigenen Körper. Vor der Ausstellung sollte niemand wegrennen, auch wenn sie ins Niemandsland der Existenz führt-zum Beispiel zu den fotografierten Grabsteinen der Französin Sophie Calle, 41 " Deren Aufschriften "Vater", "Bruder", "Mutter", "Schwester", "erste Frau" bewahren zwar keine Geschichte, aber immerhin ein Gefühl."Some Went Mad, Some Ran Away." "".Kunstverein Hannover (bis 13.November).Katalog: 45 Mark.Anschließend: Museum of Contemporary Art, Chicago (12.Januar 1995 bis 12.März).