Ausgabe: 11 / 1994
Seite: 112

INTERIEURS SIND IHRE STAERKE

Von Petra Bosetti

Hannover: Anna Ancher

In ihrer dänischen Heimat werden die intimen Interieurs, die Freilicht-Landschaften und lebensnahen Studien von Anna Ancher (1859 bis 1935) hoch geschätzt - hierzulande soll sie durch eine Ausstellung im Forum des Landesmuseums besser bekannt werden Eine Präsentation auf der Pariser Weltausstellung von 1878 "entschleierte für die übrige Welt, wie kurzatmig und blutleer die dänische Kunst geworden war", sagt Claus Olsen, Direktor des Museums im jütländischen Skagen. Die jungen Künstler des Landes flohen vor der konventionellen Spießigkeit der heimatlichen Kunstszene nach Frankreich - im Winter studierten sie in Paris, im Sommer malten sie in Frankreich auf dem Land die freie Natur.

Dann entdeckten sie, daß auch Dänemark ideale Voraussetzungen für Pleinair-Malerei zu bieten hatte: In Skagen, im äußersten Norden des Landes, "scheint die Sonne mehr als irgendwo sonst in Dänemark", so Olsens Amtsvorgänger Knud Voss. Die Maler zogen im Sommer nach Skagen und wohnten im Gasthof der Familie Brendum. Anna, die Tochter des Hauses, zeichnete und malte seit frühester Jugend und mochte "diese Herren Maler zu gern", wie sie als Siebzehnjährige ihrem Tagebuch anvertraute; denn von ihnen konnte sie "wirklich lernen, die Dinge zu verstehen".

1880 heiratete Anna Brondum den Maler Michael Ancher, der ihre Begabung förderte. Ihre einfühlsamen Studien, vor allem von den einfachen Menschen ihrer Umgebung, machten sie in Dänemark zu einer der populärsten unter allen Künstlerinnen und Künstlern des Landes. Ihr Ruhm hält sich dort bis heute.

In Deutschland dagegen ist die Künstlerin weitgehend unbekannt geblieben, was sich jetzt ändern soll: Das Niedersächsische Landesmuseum Hannover wird ihr eine große Werkschau mit 150 Gemälden, Ölstudien und Zeichnungen ausrichten, die eindrucksvoll den hohen Rang von Anna Anchers Malerei, ihr ausgeprägtes Empfinden für die Wirkung von Farben und Licht belegt. Museumsdirektorin Heide Grape-Albers meint, Anna Ancher verdiene diese "Würdigung und Anerkennung als bedeutende Vertreterin des internationalen Naturalismus".

Das innige Verhältnis zur Farbe verdankte sie der Begegnung mit dem norwegischen Maler Christian Krohg, der in Paris die Impressionisten erlebt hatte und 1882 mit neuen Ideen nach Skagen zurückkehrte "unendlich inspiriert und inspirierend und mit einem Arbeitseifer, der den anderen fast den Atem nahm" (Knud Voss). Niemand profitierte davon schneller und nachhaltiger als Anna Ancher.

Ihre Stärke sind intime Interieurs mit meist nur einer Figur oder ganz wenigen Personen ihre Mutter am Schreibtisch, eine Magd beim Rupfen einer Gans, ein Fischer, der Netze flickt, alte Frauen, die ein Kleid nähen, Anna Anchers Tochter beim Häkeln.

Unter dem Einfluß der Impressionisten - 1885 reiste sie selbst nach Paris - wurde ihre Palette immer heller, ihre Pinselführung freier und lockerer. In ihren Bildern wirft die Sonne leuchtende Reflexe auf Wände und Böden heller Räume. Leitkolorit ist ein strahlendes Hellblau: Es tönt Vorhänge in einem Interieur, das Kleid für ein Kostümfest, Blumen in einem Strauß und überflutet Anna Anchers bekanntestes Bild - "Sonnenschein in der blauen Stube". Die Malerin und ihre Kollegen fanden rasch Anerkennung auch jenseits der Landesgrenzen. Ihre Bilder verkauften sich gut, die Künstler konnten sich nun in Skagen komfortable Häuser und geräumige Ateliers bauen.

Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich die Idee der Künstlerkolonie überlebt, hatte "die Kunst längst andere Wege gesucht als den Naturalismus der 1880er und die wehmütig-lyrischen Stimmungen der 1890er Jahre", resümiert Claus Olsen. Anna Ancher malte dort zwar noch bis zu ihrem Tod im Jahr 1935, aber, so Olsen: "Eine Epoche war zu Ende." Zur Ausstellung (8. November bis 5. Februar) erscheint ein 230 Seiten starker Katalog zum Preis von 4O Mark. Die Ausstelllung geht anschließend nach Kopenhagen und Skagen.