Ausgabe: 11 / 1994
Seite: 38

NEUE KUNSZ ZWISCHEN ALTEN MAUERN

Von Robert Fleck

Stolz und erhaben thront das

Chateau d'Oiron, einer der schönsten Renaissance-Bauten in Frankreich, über den sanften Hügeln südlich der Loire. Im Inneren des Gebäudes jedoch stutzt der Besucher: Kein geschnitztes Mobiliar, keine Reliquien von Prunk und Macht der Aristokratie schmücken die leeren Hallen, sondern Installationen und Inszenierungen von Gegenwartskunst, in jedem Saal ein anderer Künstler. Gleich am Eingang etwa empfängt der Spurensicherer Christian Boltanski das Publikum mit einer Ahnengalerie für demokratische Zeiten: Nicht die Schloßherren werden da in würdiger Reihe präsentiert, sondern die Fotoporträts sämtlicher Volksschüler aus dem benachbarten Dorf Oiron.

"Wir wollten keinesfalls", betont Jean-Hubert Martin, "ein weiteres Museum für Gegenwartskunst errichten." Als der frühere Direktor der Kunsthalle Bern ( 1982 bis 1985) vor vier Jahren als Leiter des staatlichen Museums moderner Kunst im Centre Pompidou aufgeben mußte (ART 11 /1990), bat er den damaligen Kulturminister Jack Lang darum, das seit Jahrzehnten leerstehende und verfallende Schloß von Oiron zu einem Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst ausbauen zu dürfen. "Wir versuchten zusammen mit den Künstlern, die herkömmlichen Wege zu vergessen", beschreibt er die Geschichte der mittlerweile 43 Auftragswerke, "und ließen uns allein von dem phantastischen Ort und seiner besonderen Geschichte inspirieren."

Den ehemaligen Literatursaal im Erdgeschoß etwa hat der Deutsche Lothar Baumgarten mit holzbedruckten Schrifttapeten ausgekleidet: Zu lesen sind die Namen sämtlicher Vogelarten der Region, außerdem die literarischen Tier- und Menschenfiguren aus dem Roman "Gargantua und Pantagruel", dem Hauptwerk des Humanisten Francois Rabelais (um 1494 bis 1553) künstlerische Verweise auf den Mythenfundus der Gegend und auf die Entstehung des französischen Humanismus in den Schlössern an der Loire.

"Mein Projekt in Oiron ist von den Kuriositätenkabinetten der Renaissance inspiriert, wie es sie auch in diesem Schloß gab", erläutert der Hausherr, "und es versammelt lebende Künstler, die mit ihren Werken wieder eine Gesamtsicht der Welt anstreben."

Nach dem Vorbild der Surrealisten will Martin aus dem unvermuteten Nebeneinander von Stilen und Formen eine eigene Atmosphäre entstehen lassen: Eine sich spiegelnde Kopfskulptur des Schweizers Markus Raetz etwa findet sich vom künstlerischen Leiter des Hauses in einen "intuitiven Zusammenhang" mit einem Hologramm-Rätsel des Bildhauers Piotr Kowalski gestellt; die befremdende Skulptur "Pegasus-Einhorn" des Deutschen Thomas Grünfeld - ein ausgestopftes Pferd mit Schwanenflügeln - steht neben einem fiktiven pflanzenkundlichen Kabinett des französischen Konzeptkünstlers Paul-Armand Gette und den farbkräftigen fliegenden Ungeheuern der mexikanischen Künstlerfamilie Linares.

Unter einem Laubengang, in dem Claude Gouffier, der Erbauer des Schlosses, einst Porträts der schönsten Pferde seines Königs Heinrich II, hatte anbringen lassen, greift heute der Deutsche Georg Ettl auf großformatigen Kohlezeichnungen von Pferden Elemente der Architektur auf. Der junge Schweizer Felice Varini entwarf eine moderne Version des Spiegelkabinetts vergangener Zeiten, indem er schwarze Linien so im Raum anordnete, daß sie sich erst in einem Spiegel auf dem Boden zu einem geschlossenen Kreis zusammenfügen. Bill Culbert inszenierte aus gefüllten Rotweingläsern und den leicht im Luftzug schwankenden Lampen in einem niedrigen Abstellraum einen Lichtertanz auf der Tischplatte; der Belgier Panamarenko rekonstruierte für das uralte Gemäuer von Oiron einen drachenartigen Urvogel, der aus Lichtzellen furchterregend funkelt. Auffallend gut eingebunden sind fünfKünstler aus der Dritten Welt. Das hat eine Vorgeschichte: Jean-Hubert Martin hatte 1989 im "Centre Pompidou" und der "Grande Halle" von La Villette in Paris die Großausstellung "Magier der Erde" organisiert und heftige Kritik dafür geerntet. Heute wird die Schau als Pionierleistung einer multikulturellen Museumspraxis gelobt, weil Gegenwartskünstler aus Afrika, Asien und Lateinamerika gleichberechtigt in den Kanon der Europäer und Amerikaner einbezogen wurden. In Oiron greift Martin auf, was er vor fünf Jahren begonnen hat, und konfrontiert die kleinformatigen magischen Zeichnungen von Frederic Bruly Bouabre von der Elfenbeinküste, die phantastischen Architekturmodelle des zairischen Bildhauers Bodys Isek Kingelez oder die Riesenmaske des nigerianischen Objektkünstlers Mike Chukwukelu mit schwieriger Konzeptkunst - etwa mit den "Datumsbildern" von On Kawara oder den "Schrittabmessungen" von Stanley Brouwn.

Im ersten Stock kommt der Kontrast zwischen neuer Kunst und alter Architektur besonders deutlich zur Geltung. Hier wurden die Reste der bemalten Holzdecken aus dem 16. bis 18. Jahrhundert nicht in einen angenommenen Originalzustand zurückversetzt, sondern nur konserviert: Zwar sind die barocken Miniaturen noch weitgehend erhalten, doch die sichtbaren Verfallsspuren verstärken die unterschwellig romantische Atmosphäre.

In solcher Umgebung, nämlich im ehemaligen Waffensaal, hat der Schweizer Daniel Spoerri Ritterrüstungen, sakrales Geschirr und Bauerngerät zu einem Dutzend geheimnisvoller "Fallenbilder" arrangiert. Der französische Konzeptkünstler Claude Rutault stellt aufseinen Gemälden im Königssaal das Medium Malerei in Frage, indem er die Formate der Herrscherporträts und Historienbilder übernimmt und die Leinwände in der Farbe der Wände streicht. Der in Sarajevo geborene Braco Dimitrijevic greift im Bauernkriegssaal die Erinnerung an die blutigen Kämpfe auf und rammt Heugabeln zwischen die Porträts von Fürsten und Königen.

Die zahllosen Auseinandersetzungen, bei denen das Schloß von Oiron eine Rolle gespielt hatte, faszinierten auch die deutsch-französische Objektkünstlerin Gloria Friedmann, deren "Vanitas der Erbauer" Knochen und Steine in zwei Zylinderskulpturen vereint, oder den Schotten Ian Hamilton Finlay, in dessen Installation ein Wandfries aus Reportagefotos von einer Pazifik-Seeschlacht in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs akustisch untermalt wird vom bedrohlichen Summen in Bienenkörben aus der Umgebung des Schlosses.

6,5 Millionen Franc (etwa zwei Millionen Mark) brachte der französische Staat für die Werke auf. Sol Le Witts vollständige Ausmalung eines früheren Wohnraums im zweiten Geschoß muß aufwendig versiegelt werden und ist dem Publikum deshalb erst 1995 zugänglich. Zugleich beginnt ein Skulpturengarten-Programm im mehrere Hektar großen Schloßgarten.

"Oiron ist das größte Projekt dieser Art, aber nur eines von mehreren Vorhaben, historische Bauten für neue Formen der Ausstellung zu nutzen", betont Alfred Pacquement, Direktor für bildende Kunst im Pariser Kulturministerium. Um das Kunstleben außerhalb der Metropole zu beleben, haben in den vergangenen zehn Jahren Ministerien, aber auch die einflußreichen Regionalräte "ein Dutzend zum Verkauf stehende Schlösser und Klöster erworben", berichtet Graf Josselin de Rohan, der Vorsitzende der Gaullisten im französischen Oberhaus, "um sie kulturpolitisch einzusetzen".

Eine Reihe von Schlössern und Klöstern, die nach dem Beispiel Oirons mit zeitgenössischer Kunst neu belebt wurden, gehört schon heute zu den wichtigsten Ausstellungsorten in Frankreich: Von den ganzjährig betriebenen Kunsthallen im Schloß von Rochechouart (zuletzt: Stephan Balkenhol und Hermann Pitz) und im Kloster von Meymac bei Limoges (zuletzt: Jörg Immendorff) bis zum Schloßpark von Bailleul und dem Avantgarde-Kunstzentrum im Chateau de Kerguehennec (ART 8/1990) zieht sich die Idee von "neuer Kunst in alten Räumen" durch die neue französische Kunstszene außerhalb von Paris -"wenn auch", wie Jean-Marc Prevost, Direktor in Rochechouart, einschränkt, "mit weit geringeren Budgets".

Ganz ohne öffentlichen Zuschuß auskommen will das bretonische Chateau de Beaumanoir, wo aristokratische Sammler aus Paris seit 1989 Teile ihrer Sammlung mit Leihgaben internationaler Galerien in einer fast surrealistischen Atmosphäre zeigen. Rund 20000 Besucher kommen jeden Sommer, um das Bauwerkaus dem 14. Jahrhundert zu besichtigen - jetzt sollen sie an spannungsgeladenen Ensembles von den Skulpturen der Bildhauerin Germaine Richier bis zu den historischen Porträts der Familie des Schloßherrn oder an einer Installation des gebürtigen Ukrainers Ilya Kabakov in der früheren Gesindeküche vorbeigeführt werden. Für die nächsten Jahre ist eine Reihe neokonzeptueller Werke für den 21 Hektar großen romantischen Park aus dem 19. Jahrhundert geplant - mit Skulpturen von Niki de Saint Phalle in den noch leerstehenden Stallungen.

"Oiron ist ein Paradebeispiel, aber nur eines von mehreren möglichen Modellen", meint Denys Zacharopoulos, seit Herbst 1992 Leiter des Kunstzentrums Domaine de Kerguehennec, wo seit 1986 zeitgenössische Skulpturen von Markus Raetz und Richard Long rund um das ehemalige Privatschloß eines protestantischen Bankiers und Geldgebers der Könige Ludwig XIV. und Ludwig XV. stehen. Zacharopoulos fühlt sich einem erweiterten Skulpturbegriff verpflichtet, den er als Fazit der Kunst der letzten 30 Jahre sieht: Das Schloß und der 25 Hektar große Park mitsamt seinem See sind der klassischen Skulptur, vor allem aber den neuen Kunstformen Land Art, Installation und Performance vorbehalten.

"Allein in solchen räumlichen Dimensionen zu denken", meint Zacharopoulos, "bedeutet eine Erholung gegenüber den Problemen, denen man in städtischen Museen zeitgenössischer Kunst begegnet." Er weiß, wovon er spricht, denn er hat 1992 mit dem Belgier Jan Hoet die erfolgreiche "documenta 9" in Kassel ausgerichtet.