Ausgabe: 11 / 1994
Seite: 56
GESCHICHTEN FUER ALLE UND RUSSLAND DEN RUSSEN
Von Gregory Ingleright
Eine Million Desucher hatte in diesem Sommer die Moskauer Schau des Allegorienmalers Illja Sergejewitsch Glasunow darunter waren auch Boris Jelzin und sein Gegenspieler Wladimir Schirinowski
Wer ist Ilja Sergejewitsch Glasunow? Er ist, eine Repräsentativumfrage hat es ihm jüngst erst wieder bestätigt, der bekannteste russische Maler nach Ilja Repin ( 1844 bis 1930). Außerdem ist Glasunow, wie er sagt, "ein großartiger Künstler und Kolorist, ein ausgezeichneter Zeichner sowie ein Vertreter des großen Europa". Und der selbsternannte "russische Aristokrat" genießt seinen Ruhm. "Das Publikum liebt mich", weiß er, "die Politiker, Ballerinas und Schriftsteller, die Prostitutierten und die Studenten."
In diesem Sommer hatte Glasunow, 64, nach vierjähriger Pause wieder eine seiner Mammutausstellungen in der Moskauer Manege, der ehemaligen Hofreitschule neben der Kremlmauer. Mit Unterstützung des populistischen Moskauer Bürgermeisters Jurij Luschkow, der ihm kostenlos das beste Ausstellungslokal des Landes überließ, glückte Glasunow die Kultursensation des Jahres. Fans umjubelten, Fernsehteams aus aller Welt filmten ihn, Präsident Boris Jelzin und sein ultranationalistischer Gegenspieler Wladimir Schirinowski besuchten die Schau, um Patriotismus und Volksnähe zu demonstrieren. Und wie immer standen die Massen Schlange nach Glasunows Bildern. Diesmal stieg die Besucherzahl auf nahezu eine Million.
"Nennen Sie mir einen russischen Künstler, der das Bewußtsein und die Interessen Rußlands besser zum Ausdruck gebracht hat, der die Welt Gottes so darstellen konnte wie ich und der das Wesen von Gut und Böse so authentisch begriff', fordert Glasunow. Seine Gemälde offenbaren pathetisch, wie das heilige Rußland jahrhundertelang immer wieder von dunklen Kräften heimgesucht wurde. Immer wieder malt er Rauchwolken vor einem flammendroten Himmel. Blut fließt über das Land, wie vom Körper des verratenen und gekreuzigten Christus, der nach einem geläufigen Mythos dem russischen Volk in seinem Martyrium gleicht. Die Ikonengesichter der ermordeten Zarenfamilie, russische Heilige und Gelehrte blicken mahnend aus dem Jenseits auf ihr versklavtes Volk.
Einige von Glasunows Bildern bieten diesen Kampf gegen das Böse als archaisches Heldenepos dar. Auf mehreren Leinwänden entkommt ein blonder Junge nur knapp der hereinbrechenden Apokalypse. Der Knabe ist arisch - weil Glasunow zufolge die Russen die eigentlichen Arier sind. Der Jüngling soll Kraft für den entscheidenden Gegenschlag sammeln. Glasunows Held, ständig von Sünde in Gestalt des Weibes und der blutigen Verirrungen seines Volkes angefochten, findet mit Hilfe eines Weisen schließlich den Weg zum christlichen Glauben und zu Rußlands glorreicher Vergangenheit. Rußland hat Tataren, Teutonen und Kommunisten besiegt, doch auch heute wüten dort teuflische Kräfte, darunter die von Glasunow gehaßten Freimaurer.
Mit dem 1994 entstandenen Gemälde "Rußland erwache! " erreicht das Epos einen Höhepunkt. Dieses Bild schildert ein nach dem Ende der Sowjetunion vom Westen geknechtetes Rußland. Menschen werden zugrunde gerichtet oder als Ware verkauft. Schamlos posiert eine nackte "Miss Rußland". Aber tapfer zertritt der zum Mann gereifte blonde Knabe die Losung "Russen raus aus Rußland". Mit einer Maschinenpistole in der rechten und dem Neuen Testament in der linken Hand ruft er zum Kampf auf und erwartet mit entblößter Brust seinen Heldentod. "Gott mit uns" steht aufseiner Gürtelschnalle. Seine Kampfgefährtin trägt die russische Fahne. Ein Kind trommelt "Rußland sei Ruhm" und "Rußland den Russen". Christus segnet den Kampf.Ein Racheengel leistet Beistand mit Zarenbanner und Flammenschwert.
Das Bild "Rußland erwache i" machte Wirbel. Rußlands liberale Presse, nur in Moskau verbreitet, brandmarkte Glasunow als Faschisten. Auch ausländische Medien kritisierten Glasunows Machwerk, was dem Maler Gelegenheit gab, sich als Opfer böswilliger?erleumdung zu gebärden: "Es gibt bei uns antirussische Kräfte, die das russische Bewußtsein nicht dargestellt sehen wollen."
Gern redet Glasunow zu seinem hauptsächlich aus russischen Normalbürgern bestehenden Publikum. Er teile das Leid der Menschen, beginnt er seine Ansprache, und gibt sich dabei gern niedergeschlagen und erschöpft. Doch dann beschwört er, gleichsam mit letzter Kraft, Rußlands verlorene Größe, die von den Mächten des Bösen zerstört worden sei. Glasunows Erregung überträgt sich auf die Zuschauer, die sich ja ebenfalls der Magie seiner Bilder hingeben sollen. Wenn er dazu aufruft, "antirussisches Verhalten" gerichtlich zu ahnden, erntet er frenetischen Beifall. Glasunows Biografie macht viele seiner Motive verständlich. Er wurde 1930 in Leningrad geboren, erlebte als Kind die Hölle der deutschen Blockade im Zweiten Weltkrieg. Die meisten Familienmitglieder verhungerten vor seinen Augen. Schließlich wurde der kleine Ilja in die Provinz evakuiert, konnte jedoch nach Kriegsende in seiner Heimatstadt am Repin-Institut Kunst studieren. Glasunows frühe Werke weisen ihn als begabten Zeichner aus, der sich eher an den russischen Wandermalern des 19. Jahrhunderts orientierte als am Sozialistischen Realismus, den sein Lehrer Boris Joganson vertrat. Doch durch vordergründig expressive ikonenhafte Stilisierungen wurden Glasunows Arbeiten zusehends zum plakativen Kunstgewerbe.
Glasunow, der seit 1957 in Moskau lebt, malte während des kulturellen "Tauwetters" unter Nikita Chruschtschow mild sozialkritische Werke, etwa über die Entfremdung des Menschen in der Großstadt. Als er dann in seinen Bildern das Leben in der Provinz und die russische Vergangenheit idealisierte, konnte der Maler auf Förderung durch national gesinnte Kräfte in Partei und Regierung bauen. Andererseits wurde er wegen christlicher Motive, die eine Reverenz an die russisch-orthodoxe Kirche darstellten, von linientreuen Kommunisten bekämpft. Der auch öffentlich ausgetragene Konflikt - mehrere Ausstellungen wurden verhindert oder vorzeitig geschlossen - machte Glasunow zum Dissidenten.
Fast zwangsläufig fand, seit den fünfziger Jahren, Glasunows Malerei Widerhall im Ausland. Kunden aus dem Moskauer Diplomatenmilieu bestellten Porträts. Es folgten Anschlußaufträge von westlichen Politikern, Königen und Filmstars, die Glasunow nicht in Moskau erledigen mußte. Als Mitglied des "Reisekaders" durfte er sich und dem Staat bald auch im Westen Devisen verdienen. Unter dem Schutz in- und ausländischer Förderer baute Glasunow seine nationalpatriotische Bildsprache weiter aus und porträtierte daneben die Exponenten der herrschenden Klasse: So malte er Leonid Breschnew und den Partei-Vordenker Michail Suslow oder heroische Arbeiter und Soldaten.
Seit dem Zerfall der Sowjetunion ordert der Westen nichts Neues. In Moskau wird daher gemunkelt, Glasunow verdiene nun zigtausend Dollar mit eigenhändigen Repliken früherer Werke. Der Maler sagt hingegen, er lebe vor allem von Honoraren für Aufträge, die schon Jahre zurückliegen.
Aber auch Zuwendungen russischer Firmen, die Wert auf patriotisches Image legen, dürften dem Künstler sicher sein. Ein Beispiel ist die Versicherung "Ingosstrach", bei der die meisten Moskauer Auslandsvertretungen Kunden sind. "Ingosstrach" stiftete bei Glasunows Sommerschau Preise für Glasunows Schüler, von denen rein zufällig zwei die Kinder des Malers gewannen.
In jüngster Zeit widmet sich Glasunow intensiv seiner "Allrussischen Akademie für Malerei, Bildhauerei und Baukunst". Dieses Institut hat er vor sechs Jahren mit Billigung von Parteichef Michail Gorbatschow und KPdSU-Chefideologe Jegor Ligatschow gründen dürfen. Es residiert im Gebäude der ehemaligen Hochschule gleichen Namens, zu deren Absolventen einst die Avantgardisten Tatlin, Burljuk und Majakowski gehörten. Dort streitet der Künstler, weiterhin aus der Staatskasse unterstützt, gegen das Böse. "Alle Akademien und Brutstätten der großen europäischen Kultur, der das Studium von Gottes Schöpfung zugrunde lag, wurden zwischen 1910 und 1917 zerstört", behauptet er. Schuld sei die Avantgarde. Woher sie kam? "Satan hat es immer gegeben", lautet die knappe Erklärung.
Ein Urheber der modernen Kunstzerstörung war in Glasunows Augen der "Dilettant" Paul Cezanne. "Alle Kunst besteht aus zweierlei", sagt Glasunow, "aus was und wie. Was ein Künstler sagen will, bringt eine Form hervor. Außerdem ist Kunst immer national. Es gibt keine hermaphroditische Kunst das ist ein Kult, das ist Satan. Cezanne und die Kommunisten waren die Kinder Satans." Zu den "Kommunisten und Kommissaren" gehören für Glasunow Avantgardisten wie Kasimir Malewitsch, Wassily Kandinsky, Marc Chagall und Salvador Dali. Auch Pablo Picassos Kunst tut er mit einem einfachen Argument ab: "Ich bin Antikommunist." Der Moderne setzt er alte Meister wie Leonardo und Peter Paul Rubens entgegen sowie die von russischen Kunstliebhabern wiederentdeckte, im Jugendstil wurzelnde Bewegung "Welt der Kunst".
Diese Ideologie wird auch Glasunows Schülern eingetrichtert. Noch vor Kursbeginn, berichtet ein ehemaliger Student, wird an der Akademie ein Buch über eine angeblich jüdisch-freimaurerische Verschwörung gegen Rußland verteilt. Wer sich nicht dafür begeistern kann, muß gehen.
Im Land der wundertätigen Ikonen, wo man noch heute Kunstwerke gern als sakrale Kultobjekte betrachtet, appelliert Glasunow mit seinen Bildern geschickt an die Ängste und Ansprüche im russischen Selbstverständnis. Dabei will er wie ein Ikonenmaler dem Betrachter den Blick für ein höheres Sein eröffnen und wie ein Agitationskünstler die "Wahrheit" einer irrealen Welt offenbaren. Glasunow sieht seine Aufgabe darin, "Europa dabei zu helfen, sich selbst wiederzugewinnen".
