Ausgabe: 11 / 1994
Seite: 152
NEUE PERSPEKTIVEN
Von Alfred Nemeczek
Bernhard Geyer: Scheinwelten.Die Geschichte der Perspektive.Verlag E.A.Seemann Leipzig. 96 Seiten. 59 Abbildungen in Schwarzweiß, 24 in Farbe. 98 Mark
Ein wunderbares Buch, dem man dennoch wenige Leser wünscht. Nur wer schon weiß, was Perspektive ist und wie diese "Wahrnehmung von Körper und Raum zustande kommt" (Autor Geyer), wie sie Weltbilder bestätigt, Illusionen genährt und Sicherheiten erschüttert hat, kann Spaß haben an diesem exzellent formulierten und streng fachlich bebilderten Essay, dessen Programm die Wolken streift. Hier wird die Kunstgeschichte neu geschrieben unter dem Vorzeichen der Perspektive: Von der Eiszeit bis hinein in unser Computerzeitalter, suggeriert Geyer, haben Schamanen und Priester, Mathematiker und Pragmatiker, Ingenieure und Künstler die, mal "Skenographia", mal "Prospettiva" genannte, faszinierende Technik der dreidimensionalen Suggestion in stets andere, stets perfektere Scheinwelten überführt.
Beim Versuch, das alles zu erklären, sind Geyer die üblichen Linear-Konstruktionen und Theorien bei weitem nicht genug. Zum wahren Vollzug der Perspektive gehören für ihn Tastsinn ("die Haut"), Gehör, Geruchssinn und sogar "Wertvorstellungen" und "Stimmungen".
Der darob verstörte, halbwegs vorgebildete Leser registriert dankbar, daß auch Geyer dem mit Namen wie Alberti, Giotto, Brunelleschi oder Masaccio verbundenen Debüt der Zentralperspektive in der Frührenaissance viel Platz einräumt und daß der Autor den Abschied moderner Künstler von der damals gesetzten Norm kundig reflektiert. Aber die vielen eingestreuten Diagramme kann wirklich nur jemand verstehen, der anderswo gelernt hat, wie das komplizierte Strichwerk zustande kam. Darum sei nochmals vor der Versuchung gewarnt, dieses anspruchsvolle Fachbuch mit einem Lehrbuch zu verwechseln.
