Ausgabe: 11 / 1994
Seite: 150
'ICH WOLLTE KEIN LADENGESCHAEFTDENN DAS BEDEUTET HEKTIK'
Von Carmela Thiele
'ICH WOLLTE KEIN LADENGESCHAEFTDENN DAS BEDEUTET HEKTIK'
wenn es darum geht, ein rares
Kunstwerk zu ergattern, ist Wolfgang Wittrock, 47, ein Mann der Tat: Vor drei Jahren reiste der Düsseldorfer Kunsthändler von heute auf morgen nach New York, weil ihm zu Ohren gekommen war, ein Händler habe Max Beckmanns Meisterwerk "Reise auf dem Fisch" (1934) anzubieten. Wittrock griffzu- für 6,9 Millionen Mark verkaufte er das Bild später an die Stuttgarter Staatsgalerie.
Dabei folgt er eigentlich eher seinem Wahlspruch "Kunst braucht Vermittlung und Ruhe" - in den 20 Jahren seiner Arbeit als Händler vor allem für Grafik der Klassischen Moderne hat er sich damit eine Vertrauensbasis im internationalen Kunsthandel aufgebaut.
Erste Erfahrungen im Galerie-Geschäft machte der gelernte Einzelhandelskaufmann bei Thomas Borgmann in Köln, prägend wurden die Jahre 1972/73, in denen er bei Kornfeld und Klipstein in Bern arbeitete. Dort lernte er die "langfristige Arbeitsweise" schätzen, denn bei der Kunst, sagt er, "muß man in Dekaden rechnen". 1974 richtete Wittrock in der Sternstraße am Rand der Düsseldorfer Altstadt seinen ersten Kunsthandel in anderthalb Zimmern ein. Schwerpunkt war die Klassische Moderne mit Grafiken von Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee und Pablo Picasso.
Seit zehn Jahren handelt Wittrock von einem neuen Büro aus, einen Block weiter. Auch hier verzichtet er auf Laufkundschaft."Von Anfang an war mir klar, daß es keinen Sinn hat, ein Ladengeschäft zu haben", sagt er, "denn das bedeutet Hektik." So empfängt er seine Kunden in unauffälligen Räumen im ersten Stock. Hier ist es ihm wichtig, den Sammlern einen "roten Faden im Wirrwarr der angebotenen Kunst" zu geben. Sein Repertoire hat Wittrock inzwischen erweitert: Vor knapp zehn Jahren ging er durch Ateliers zeitgenössischer Künstler und kaufte für die Deutsche Bank 4000 grafische Arbeiten, auch vertritt er jetzt jüngere Maler und Bildhauer. Nach Katalogen und Grafik-Verzeichnissen zu Edvard Munch, Yves Tanguy, Henri de Toulouse-Lautrec und Pablo Picasso hat er nun auch eines zum Werk des amerikanischen Künstlers Jasper Johns verfaßt.
Seinen jüngsten Coup freilich landete er wieder mit einem modernen Klassiker: Im Juni dieses Jahres ersteigerte er bei Sotheby's in London die Picasso-Grafik Minotauromachie" ( 1935), von der es nur etwa 55 Exemplare gibt, für 460000 Pfund (1,15 Millionen Mark); in seiner Ausstellung zum zwanzigjährigen Bestehen (bis 30. November), in der Grafiken unter anderem von Beckmann, Lyonel Feininger, Alexej von Jawlensky, Konrad Klapheck, Emil Nolde, Picasso und Toulouse-Lautrec gezeigt werden, bietet er sie für 1 "6 Millionen Mark an.
