Ausgabe: 01 / 1994
Seite: 12-27
Ikone oder Fleisch und Blut
Von Eva Karcher
Eine große Schau in London stellt neue Porträts als Gradmesser des Zeitgeists vor: Noch immer erkunden Künstler die Seele, doch viele trivialisieren Vorbilder aus Kunstgeschichte und Massenmedien zu Pop-Ikonen, oft siegt auch die Karikatur
Er würdigt den Betrachter keines Blickes.Mit geschlossenen Augen reckt er sein Profil dem Licht
entgegen und sonnt sich in seiner Selbstgewißheit.Ein Auserwählter.Aus weißem Marmor ließ der Amerikaner Jeff Koons 1 99 1 eine Büste herstellen, mit der er sich zum heroischen Wunderknaben stilisierte: Hin Torso wächst aus einem bizarren Sockel, und selbst die beiden Armstümpfe stören die polierte Makellosigkeit nicht. Für sein Selbstporträt griff Koons, 3 8, auf Bild- und Formkonventionen der Vergangenheit zurück.Das Porträt müsse "die Würde und Größe des Menschen herausarbeiten", forderte etwa der Maler Giovanni Paolo Lomazzo 1584 in einem Traktat.Gläubige Bildnismaler forderten, der Abglanz des Göttlichen solle im Bild des Menschen aufscheinen, und der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1 770 bis 1 83 1) entrüstete sich in seinen ästhetischen Schriften darüber, manche Porträts seien der Wirklichkeit "bis zur Ekelhaftigkeit ähnlich". Jef Koons zitiert die Pathosformeln des Genres perfekt: Mit seiner Kopfhaltung imitiert er eine Pose der Erhabenheit; die Glätte und weiße Reinheit des Marmors unterstreicht seine Unantastbarkeit - der Künstler erscheint als Prototyp, als Idealbild der Neuzeit.Er knüpfte damit an einen Porträttypus an, mit dem Andy Warhol (ART 11/ 1993) seit den sechziger Jahren die repräsentative Bildnismalerei von Giovanni Bellini, Tizian oder Anthonis van Dyck in der Pop Art weiterführte: Seine aus Fotografie und Malerei kombinierten Porträts zeigen die Idole der Epoche, er erhöhte Marilyn Monroe und Mao, Mick Jagger und Muhammad Ali.Daneben nahm er Aufträge an, Hunderte: Warhol machte sich zum Hofmaler der Mächtigen und Reichen im Zeitalter der Medien, denn jeder, so hatte er verkündet, könne berühmt sein - und sei es nur für eine Viertelstunde. Für Robin Gibson, den Organisator einer Schau in der National Portrait Gallery in London, ist Warhol denn auch der bedeutendste Erneuerer der Porträtkunst seit Pablo Picasso: "Er hat maßgeblich zur steigenden Wertschätzung der Gattung Porträt bei Künstlern und Sammlern beigetragen", sagt er.Gibsons Ausstellung "Das Porträt heute" liefert die Belege.Neben Warhols 1 980 entstandenem Porträt von Joseph Beuys wählte er 63 Gemälde und Plastiken aus den letzten Jahren.Es sind Auftrags-, Freundschafts-, Familienporträts und Selbstbildnisse aus europäischen und amerikanischen Ateliers. Ganz abgemeldet ist das Menschenbild nie gewesen.Als im Westen nach 1 945 die Abstraktion dominierte, war das Porträt ein von der Obrigkeit verordnetes, ideologisch belastetes, aber auch oft liebevoll entwickeltes Sujet der Kunst aus dem ehemaligen Ostblock - etwa DDR, Polen, UdSSR.Vom Ende der siebziger Jahre an errang das Porträt auch im Westen neue Aktualität (ART 1/1 986).Es wurde wieder gemalt, und es ging um den Kopf.Expressiv, inhaltsbezogen, konzeptuell näherten sich ihm die Künstler.Die Haltungen von damals, die künstlerischen Strategien der frühen Postmoderne, faßt die Londoner Schau nun zusammen.Ihr größter Vorzug ist knappe, vorurteilsfreie Auswahl und die Fortschreibung des Genres bis ins Jahr 1 993 " Das Spektrum der Schau ist breitgefächert, doch lassen sich die meisten Beispiele aus zwei gegensätzlichen Positionen ableiten: Der idealisierenden Überhöhung in der Pop Art und bei ihren Nachfolgern steht die expressionistische Tradition gegenüber, in der es nicht um Idole geht, sondern um das Individuum.Zeitgenössische Maler wie etwa Rainer Fetting, der einst zu den Jungen Wilden gehörte, berufen sich in ihrem Menschenbild auf das große Vorbild Rembrandt (1606 bis 1 669).Der hatte immer wieder das eigene Gesicht erkundet, hoffärtigen Stolz oder tiefes Leid darin entdeckt und mitleidlos sein Alterwerden festgehalten.Seine Geliebte Hendrickje Stoffels oder Zeitgenossen wie der Kaufmann Jan Six erscheinen auf seinen Bildern als Personen aus Fleisch und Blut, und sogar bei Gestalten aus der Geschichte, etwa dem griechischen Dichter Homer, reizte ihn die Suche nach ihrem wahren Wesen. Heute setzt der Amerikaner Julian Schnabel, 42, zerbrochene Teller ein, um seinen Porträts Eindringlichkeit und Kraft zu geben, und Fetting, 44, stellt sich vor einer klobigen Leninstatue aus dem ideologischen Fundus der ehemaligen DDR mit einer Kopfbedeckung dar, die auf ein 1 63 1 entstandenes Selbstbildnis mit Federbarett verweist: Das "Selbstporträt als Rembrandt am Leninplatz" (1991 ), mit groben Pinselschlägen in düsteren Farben skizziert, ist ein programmatisches Plädoyer für eine Malerei, die Stimmungen und Empfindungen auszuloten sucht und Temperamenten gegenüber Typen den Vorrang gibt. Die junge Kunst der neunziger Jahre bringt beide Ausgangspositionen zusammen.In postmoderner Großzügigkeit huldigen Künstler wie Koons der Oberfläche und dem schönem Schein.Sie finden ihre Porträtvorlagen in den Medien und in der Kunstgeschichte, die sie quer durch alle Stile plündern. So kombiniert der Amerikaner John Currin, 31, den Porträtstil Rembrandts mit dem melodramatischen Kitsch von Filmplakaten der sechziger Jahre: Vor dunklem Bildgrund und in matten Farbtönen porträtiert er Frauen; oft sind es reife Schauspielerinnen wie Bea Arthur aus der klamaukigen Fernsehserie "Golden Girls", die wie junge Mädchen mit ihren Reizen kokettieren.Currin will, wie er sagt, mit seinen Porträts nicht "zur Gültigkeit des Genres beitragen", sondern im Gegenteil die Schmerzgrenze aufspüren, an der "jedes Genre zu einem Klischee seiner selbst wird". Auch die Britin Alison Watt, 28, greift für ihr Porträt "Kupido nach dem Bad" von 1 99 1 auf ein klassisches Kompositionsschema zurück: Wie die schöne Nackte auf dem 1 808 entstandenen Gemälde "Die Badende von Valpengon" von Jean-Auguste-Dominique Ingres sitzt bei ihr ein junger Mann auf üppig übereinanderdrapierten Tüchern mit dem Rücken zum Betrachter; Putten umkränzen ihn zart mit grünem Laub.Es ist der ehemalige Geliebte, den die Künstlerin hier mit seinem leichten Bauchansatz, schütterem Haar und seiner weichen, blassen Haut - in spöttischer Umkehrung des Originals - zum dekorativen männlichen Objekt der Begierde stilisiert. Bei Michael Clark, 39, ist es die britische Popsängerin Lisa Stansfield die in der Manier von Barthel Bruyn, einem Porträtisten des 1 6.Jahrhunderts, zur "Vanitas", zur Allegorie der Vergänglichkeit, mystifiziert und gar in den Rang einer Märtyrerin erhoben wird: Auf der zweiten Tafel des Diptychons ist eine blutende Brust dargestellt; zwischen die Leinwände schrieb der in Manchester geborene Künstler ein Zitat des mexikanischen Schriftstellers Octavio Paz: "Ich lebe in der Mitte einer noch frischen Wunde". Was Clark mit seiner Theatralik, Alison Watt mit ihrer Ironie und Currin mit seinem Zynismus andeuteten - der in Köln lebende Hans-Jörg Mayer, 3 8, sagt es drastisch: "Das Genre Porträt ist mir egal.Mich interessieren einfach Vorlagen."Wie Andy Warhol übermalt er Fotografien, bei den Farbtönen orientiert er sich an Vorbildern aus der Renaissance - und dann betreibt Mayer mit seiner Galerie von Berühmtheiten wie Clint Eastwood und Kainer Werner Faßbinder eine Art kulturvergleichender Medienforschung.Das Ergebnis, sagt er, künde von der "amerikanischen Dominanz in der Kultur": In New York hätten nur wenige Boris Becker oder Richard von Weizsäcker erkannt, in Köln aber zählten auch Bilder von Elvis Presley oder dem Präsidentenpaar Bill und Hillary Clinton zu den Ikonen des Zeitgeists. Doch immer noch - oder schon wieder - gibt es auch Künstler, für die das Porträt nichts anderes als ein naturgetreues, möglichst glaubhaftes Abbild sein soll.Der konventionelle englische Bildhauer Glynn Williams, 54, etwa verewigt seine Charakterstudien in Stein, und auch Catherine Howe, 34 Jahre alte Malerin aus den USA, sucht im Porträt das wahre Wesen ihres Gegen-übers - allerdings mit einer Technik, die auf die Errungenschaften modernerer Vorbilder zurückgreift: Sie kombiniert die Bildsprache der Abstrakten Expressionisten Jackson Pollock oder Willem de Kooning, die in Träufelbildern und freier Form dem eigenen Innenleben Ausdruck gaben, mit realistischen Porträtvorlagen aus dem vergangenen Jahrhundert.Das Ergebnis sind unruhige, eindringliche Menschenbilder, mit denen die Künstlerin "einer verbrauchten, von Stereotypien besetzten Gattung" neue Kraft geben will. Weit radikaler arbeitet der in Den Haag lebende Philip Akkerman, 3 6, an der Rettung des Genres.In der detailgenauen Technik nordeuropäischer Renaissancemaler erkundet er seit neun Jahren ausschließlich sein eigenes Gesicht: sein Ausdruck dabei ist skeptisch und verschlossen, unter verschiedenen Hüten und Kappen fixiert er seine Betrachter und zwingt sie zum Blickkontakt.Nach einiger Zeit solcher Selbsterkundung, so sagt er, sei ihm klar geworden, daß er mit seinen Porträts gleichzeitig "alle anderen Menschenleben aller Zeiten" malte. Als Impulsgeber für diese wiederentdeckte Eindringlichkeit stützt sich der Ausstellungsmacher Robin Gibson auf die beiden Großen unter den englischen Nachkriegsmalern, Francis Bacon und Lucian Freud.Bacon, der 1 992 gestorbene Meister des expressiven Menschenbilds, hatte sich vorgenommen, im Porträt "die Sahara der menschlichen Erscheinung" zu zeigen.Den englischen Finanz-Manager Gilbert de Botton stellte er in einem undurchdringlichen Kastenraum vor einem imaginären Spiegel dar; die gestikulierende Gestalt gerät zur sinnlosen Projektion ihrer selbst, abgeschlossen von der Außenwelt und vergeblich bemüht, sich anderen zu vermitteln. Bei seinen Studien ging Bacon oft von Fotovorlagen aus, deren glatte Oberfläche er im Malprozeß durchdrang; Gesichter und Körper seiner Porträts sind verzerrt und grausam entstellt - doch nicht Formeln für Schmerz oder Einsamkeit seien sein Thema, sagte der Künstler, "mich interessiert beim Malen nichts als Farbe und Form". Lucian Freud, 71, dagegen bleibt scheinbar an der Oberfläche, er verbietet seinen Modellen jede Pose und beschränkt sich auf das kalte Licht seines Londoner Dachateliers.Die Haut ist die Ausgangsebene seiner "totalen, durch und durch physischen Analysen" - doch dringt der in London lebende Enkel des Psychoanalytikers Sigmund Freud dabei um so tiefer in das Wesen der Porträtierten ein.Auf seinem 1 986/87 entstandenen Gemälde "Malerin und Modell" etwa, einer Umkehrung der klassischen Konstellation männlicher Maler/weiblicher Akt, fixiert er detailgenau jede Muskelfaser des breitbeinig auf dem Sofa liegenden Mannes, jeden Pigmentfleck auf der Haut und jeden Farbklecks auf dem Kittel der Frau; er dokumentiert erbarmungslos den Augenschein - und porträtiert ein Paar, das sich uneins geworden ist. Die 1 984 gestorbene Amerikanerin Alice Neel nannte sich gar eine "Seelensammlerin".Ihre expressiven Porträts sind ungeschönte Studien des Charakters, auch des eigenen.In gebeugter Haltung und mit bleicher, welker Haut malte sich die damals 80 Jahre alte Künstlerin auf einem Selbstporträt von 1 980; ihr Blick jedoch zeigt junges, waches Bewußtsein, und die geröteten Wangen verraten die Anstrengung, mit der die Malerin zu Werk ging."Der Tod und ich", erläuterte Alice Neel das späte Selbstbildnis, "leben hier zusammen." Manchmal ist es nur ein kleiner Schritt von der Charakterstudie zur Karikatur, und bezeichnenderweise sind es zwei Künstler aus früheren Diktaturen, die Gibson in seiner Londoner Ausstellung als Beispiele zitiert.Der Leipziger Sighard Gille. 52, reduziert den Surrealisten Salvador Dali zur Witzfigur: Das 1 982/83 entstandene Doppelporträt zeigt den berühmten Künstler und seine Ehefrau Gala als protzsüchtige, blödsinnig glotzende Tattergreise - die Programmkunst der DDR duldete nun mal keinen Personenkult um einen Malerstar aus dem Westen.Hintergründiger, aber nicht weniger böse porträtierte der Russe Dimitrij Zhilinskij " 66, das Aachener Sammlerehepaar Irene und Peter Ludwig: Blümchen auf dem Tisch und Schnörkelsofa entlarven Pracht und großbürgerlichen Habitus als ganz banale Spießigkeit. Im Zwischenfeld von Repräsentation und Expression arbeitet der Amerikaner Chuck Close, 53 " Er zerlegt Fotografien von Gesichtern in ein Raster und überträgt sie Feld für Feld mit dem Pinsel oder mit den Fingern aufgroßformatige Leinwände.Durch Monumentalisierung löst sich das Bild auf, die Porträtaufnahmen werden zu atmosphärischen Bildlandschaften, an denen Close die Künstlichkeit des Mediums Fotografie und die Prinzipien einer für Täuschungen anfälligen Wahrnehmung demonstriert. "Meine Porträts sind einerseits traditionell, weil sie sich auf frühere Malerei beziehen", sagt auch der Amerikaner Alex Katz, 66, "andererseits sind sie auf der Höhe der Zeit, weil ich mit meinen Mitteln neue Ideen ausprobiere."Seit den frühen sechziger Jahren porträtiert er Freunde und Verwandte und bedient sich dabei frei bei Vorbildern aus der Pop Art und der Klassischen Moderne, bei Pablo Picasso, bei Fernand Leger oder Henri Matisse. Seine Mittel entlehnt Katz der Werbung: Wie auf Plakatwänden füllen die Gesichter seiner Modelle die Leinwand aus; die lebensgroßen Porträts seiner Freunde "Eric und Peter" (1991) malte er aufAluminium und stellte sie als freistehende Figuren aufeinen Sockel - nun sind sie beides zugleich: Reklamefiguren ohne Identität und das Abbild zweier lebender Individuen. Die vieldeutige Aura von Personen ist Thema der 1 930 in Paris geborenen, in New York lebenden Venezolanerin Marisol.Dem südafrikanischen Bischof Desmond Tutu errichtet sie eine Weihestätte mit surrealer Dimension: Wie die Reliquien eines Heiligen arrangiert sie die Würdezeichen des Geistlichen, Kreuz und Krummstab, vor einer kardinalsroten Wand.Ihr deutscher Kollege Andreas Schulze, 3 8, reduziert die Schauspielerin Doris Day auf eine rötlich schimmernde Scheibe und die Ponyfrisur, die er aus grünlich schimmernden Acrylperlen zusammensetzt.Mehr bleibt über das Filmidol der fünfziger und sechziger Jahre nicht zu sagen. "Ich will menschliche Wesen schaffen, die der Zeit standhalten", sagt dagegen der japanische Bildhauer Katsura Funakoshi, dessen gotisch-strenge Menschenbilder aus Holz 1 988 auf der Biennale von Venedig und 1 992 auf der neunten documenta Aufsehen erregten.Er spricht aus, was wohl allen Porträtdarstellungen zugrunde liegt: die Sehnsucht nach Unsterblichkeit.Das Bildnis bewahrt dem erinnernden Blick einen Existenz-Beweis.Nicht stofflich, kaum wirklich und nicht einmal identisch."Glauben Sie, es geht mich etwas an". sagte Pablo Picasso, "daß auf einem meiner Bilder zwei Menschen dargestellt sind?Obwohl diese beiden Menschen einst für mich existierten, tun sie es nicht mehr.".Es sind nicht länger zwei Personen, sondern Formen und Farben, die inzwischen die Idee zweier Menschen angenommen haben und die Schwingungen ihres Lebens bewahren."Ausstellung: "The Portrait Now" in der National Portrait Gallery, London, dauert bis 6, februar.Der 128 Seiten starke Katalog, herausgegeben von Robin Gibson, kostet 9,95 Pfund
