Immer wieder zeigt sich sein Erfindungsgeist

Auf seiner Webseite teilt er seine Projekte in "groß", "mittel" und "klein" ein. Groß, das ist ein 40-stöckiges Hoch­haus in Kuala Lumpur, der Masterplan für ein Viertel der englischen Stadt Leeds, ein neues, in die Landschaft ein­gebettetes Gebäude für ein südengli­sches Kloster. Mittel, das sind Entlüftungsrohre in der Nähe der St Paul’s Cathedral, die wie gefaltetes Papier aussehen, und der "Boiler Suit" aus 108 gewebten Edelstahlplatten, der die Fassade des Heizwerks eines Londoner Krankenhauses bedeckt, und kaskadenartig das Gebäude hinunterstürzt. Klein, das ist eine für den französi­schen Luxushersteller Longchamp ent­worfene Handtasche mit einem langen Reißverschluss, der beim Öffnen die Tasche größer werden lässt, ein Tisch mit dem schönen Namen "Huckepack" und eine Serie von Armbanduhren, an der gerade gearbeitet wird.

Auch seine über sieben Etagen rei­chende Plastik für den Lichthof des Londoner Hauptquartiers des biomedizinischen Forschungsinstituts "Wellcome Trust" fällt in die Kategorie 'mittel'. Die 14 Tonnen schwere und rund 30 Meter hohe "Wolke aus Draht", wie er sie nennt, besteht aus rund 142000 Glaskugeln, die auf knapp 27000 feinen Stahldrähten aufgezogen wurden. Die Form der wie ein Wasserfall her­unterstürzenden Kugeln entstand nach monatelangen Experimenten im Atelier dann "innerhalb von zehn Sekunden": Er goss flüssiges Blei in einen Behälter mit Wasser, ein Laser scannte die entstandene Form, und der Computer tat den Rest. Erst als seine aus Dresden stammende Großmutter die Tradition des Bleigießens ins Gespräch brachte, stand der – deutsche – Titel der Plastik fest. "Bleigiessen" (2004) ist auch Beweis für Heatherwicks ganz prakti­schen Ansatz. Anstatt die Skulptur in einer Fabrik herstellen zu lassen, wurden die Glaskugeln vor Ort aufgezogen und nach und nach von der Decke gehängt. Hier zeigte sich erneut sein Erfindungsgeist. An den vertikalen Stahldrähten setzt sich immer wieder Staub an. Also konstruierte er in der Werkstatt einen speziellen Staubsauger, mit dem in regelmäßigen Abständen die Drähte gesaugt werden.

Sein überraschendster Entwurf ist die "Rolling Bridge"

Maschinen entwerfen entspricht ganz seinem Erfinderherz. Mehrere kleine Atelierhäuser für das Kulturzentrum der walisischen Universität Aberystwyth sollten mit Edelstahl verkleidet werden: schön und dauerhaft. Aber leider viel zu teuer. Ganz dünnes Stahlblech wäre billiger, doch zu fragil. Die Lösung: In der Werkstatt baute er eine kurbelbetriebene Maschine, einer italienischen Nudelwalze nicht unähnlich. Mit viel Lärm zerknitterte sie das Metall wie ein Stück Papier – die nun gewellte Oberfläche macht es stabiler. Und als ihm die Glasbalustraden für die, wie er es nennt, "Treppenlandschaft" des Aufgangs zum New Yorker Laden von Longchamp zu eckig und leblos waren, entwarf er eine Maschine, in die die Glaspaneele eingespannt und so weit erhitzt wurden, bis die Schwerkraft die glatte Oberfläche in weiche Formen verwandelte, "wie Stoff­falten", die das Licht auf unterschiedliche Weise reflektieren. "Nun le­ben sie", sagt er stolz.

Sein überraschendster Entwurf ist wohl die "Rolling Bridge" von 2004: eine Hebebrücke aus Stahl und Holz für Fußgänger über einen Kanal in Westlondon. Wenn sie sich öffnet, hebt sich die eine Seite nach oben, bis die Brücke auf der anderen Seite in den Himmel ragt. Dann rollt sie sich zum großen Vergnügen der Zuschauer wie ein Igel zu einem achteckigen Ball zusammen. Ein Meisterwerk der Ingenieurskunst – und ein überaus charmantes Spektakel.

Kommentieren Sie diesen Artikel

0 Leserkommentare vorhanden

Abo