Thomas Heatherwick
Junges Design
LEONARDO DA LONDRA
"Was ist das?", fragt Thomas Heatherwick neugierig und deutet auf mein metallenes Brillenetui. Ich kläre ihn auf und zeige ihm, dass es sich durch Fingerdruck wie die Blüte eines Löwenmauls öffnet. Sofort nimmt er es in die Hand, dreht es hin und her, um herauszufinden, wie der überraschende Mechanismus funktioniert. Schnell hat er ihn entschlüsselt: keine Scharniere, die Spannung des gebogenen Metalls öffnet und schließt den Deckel.
"Erstaunlich", sagt der junge englische Designer mit Wuschelkopf und charmantem Lächeln. Etwas ganz Ähnliches habe er gerade für ein im Bau befindliches Projekt in Hongkong entworfen – halbrunde Toilettentüren aus lamelliertem Sperrholz, die sich öffnen, indem sich das Holz auf Druck biegt und dann, der Spannung wegen, langsam wieder schließt. Ohne Scharniere. "Ich hasse diese anonymen weiß lackierten Klotüren", sagt er. Neugierde ist eine treibende Kraft bei Thomas Heatherwick. Gepaart mit einer rastlosen kreativen Energie bringt das Ideen wie am Fließband hervor. Doch er ist nicht das einsame Genie, das reine Utopien absondert. Er setzt sie um, auch wenn das manchmal lange dauert: ein Strandcafé aus rostfarbenem Stahl in Südengland, das wirkt wie ein angeschwemmtes Stück Treibholz, ein ungewöhnliches Zusammenspiel von organischer und industrieller Formensprache; ein 56 Meter hoher stacheliger Stahlstern aus 180 Stahlrohren in Manchester, dessen Verankerung im Boden sich als äußerst schwierig erwies; ein öffentlicher Platz in Newcastle, den er mit blauen Glasfliesen auslegte; raffiniert zusammengesteckte Holzbretter, die sich zu einem Tisch oder einem Hocker klappen lassen. Nur selten werden Entwürfe nicht verwirklicht, wie der für das Velodrom für die Olympischen Spiele 2012 in London, der die ovale, steil ansteigende Rennbahn aus Holz bis zum Dach fortführte. Auf ihn ist Heatherwick besonders stolz. "Jedes Projekt ist ein Experiment", sagt er.
"Ich stelle Menschen ein, nicht Berufe"
Außerdem liebt Thomas Heatherwick Teamarbeit. "Ich komme nicht am Montagmorgen mit einer Skizze und sage: Macht mal! Ich liebe die Interaktion, den gegenseitigen Austausch. Dabei fühle ich mich am wohlsten." Gerade ist sein 1994 gegründetes Atelier umgezogen, in einen riesigen Großraum, in dem etwa 50 meist junge Designer, Architekten, Ingenieure, Statiker, Bühnenbildner, Modellbauer, Psychologen und sogar ein Dichter arbeiten. Eine ungewöhnliche Mischung. Den Begriff 'interdisziplinär' lehnt er aber strikt ab. "Ich stelle Menschen ein, nicht Berufe", sagt er. "Kein Architekt, kein Designer ist wie der andere. Für jedes Projekt brauche ich ganz bestimmte Fähigkeiten." Hier wird ohne Hektik gearbeitet, es herrscht eine kollegiale Atmosphäre, wie in einer Kooperative. Kann er sich vorstellen, dass das Atelier zu groß werden könnte und er nicht mehr den Überblick hat? "Diese Gefahr besteht natürlich. Aber wir werden es nicht soweit kommen lassen. Wir wollen kein multinationaler Gigant werden. Schon jetzt lehnen wir Aufträge ab."
Mittelpunkt ist die Werkstatt, in der experimentiert wird, in der Modelle und Maschinen gebaut werden. Sie stehen im Atelier herum und machen deutlich, dass hier etwas entsteht, das man anfassen kann. Schon als Kind hat Heatherwick nicht nur gezeichnet, sondern auch gebaut. Während des Studiums wunderte es ihn immer, dass niemand mit seinen Händen etwas herstellte. Und meine Frage nach der Bedeutung der Werkstatt im Designprozess dreht er herum. "Welche Bedeutung hat der Computer?", fragt er. "Natürlich arbeiten wir mit dem Computer, aber ich misstraue ihm. Heutzutage kann man angeblich nichts ohne ihn entwerfen. Antoni Gaudí hatte keinen Computer. Er entwarf mit dem Kopf."
Es ist schwer, Thomas Heatherwick einzuordnen. Designer, Architekt, Bildhauer, Erfinder? Ist er eines davon oder alles zusammen? Sein Mentor Terence Conran, für dessen Garten er noch als Student eigenhändig ein Türmchen baute, nannte ihn deshalb in einer TV-Dokumentation schlicht "einen modernen Leonardo da Vinci". Er selbst ist da bescheidener. "Ich mache dreidimensionales Design", sagt er. Genau das hat er auch studiert, zuerst in Manchester und dann am Londoner Royal College of Art. "Kreative Problemlösung" nennt er, was er tut.

