29 / 05 / 2008
Konstantin Grcic
Umfrage
"MEIN TRAUMPROJEKT WÄRE EIN FAHRRAD ZU ENTWERFEN"
Konstantin Grcic wurde mit seinen kantigen, oft sperrigen und dabei immer erfindungsreichen Entwürfen zum bekanntesten deutschen Industriedesigner seiner Generation. In den achtziger Jahren machte er eine Schreinerausbildung, absolvierte dann am Royal College of Art in London ein Designstudium. Nachdem er ein Jahr als Assistent von Jasper Morrison gearbeitet hatte, gründete er 1991 unter dem Namen "Konstantin Grcic Industrial Design" sein eigenes Büro. art-Korrespondentin Birgit Sonna traf ihn in seinem Münchner Studio.
Herr Grcic, Sie gelten als der einflussreichste Designer der Gegenwart. Wie gehen Sie mit so einer Auszeichnung um?
Konstantin Grcic: Diese Anerkennung freut einen natürlich total, gerade wenn sie von Leuten kommt, die man schätzt. Sie ist mir aber auch ein Stück weit fremd, weil ich weiß, dass jeder andere von den Nominierten mindestens ebenso großen Einfluss hat. Für mich ist etwa Philippe Starck außerhalb jeder Reichweite: Er hat das zeitgenössische Design wie kein anderer geprägt.
Vielleicht treffen Sie aber den Nerv der Zeit.
Ich verwirklichte in den letzten Jahren Projekte, die sich gegen den Strom der Designszene, auch gegen eine Art von Schnelligkeit gerichtet haben. In den neunziger Jahren gab es ja die Übereinkunft, mit der Einfachheit der Dinge eine schöne, klassische Linie zu umreißen. Jasper Morrison aus London war einer der Ersten, die wieder zu so einer Reduktion auf Wesentliches gefunden haben. Das war Avantgarde. Dann ist diese Ästhetik aber erstaunlich schnell in einen Mainstream umgeschlagen. Mir hat diese Formelhaftigkeit irgendwann nicht mehr behagt. Ich wollte nochmals die Grenzen in einem Segment wie dem Industriedesign austesten, in dem man ja serienreife Produkte entwerfen muss.
Sie geben den Alltagsgegenständen eine überraschende Wendung.
Ja, aber dahinter steht letztlich auch eine stark subjektive Haltung. Gutes Design hat meiner Meinung nach sehr viel mit Autorenschaft zu tun. Ich meine damit nicht eine wiederkehrende Handschrift, sondern ein bestimmtes Denken, eine bestimmte Logik. Ich habe mich in den letzten Jahren gegen diesen allzu leichten, schönen Fluss der Dinge gewehrt. Der Gitterstuhl "Chair One" wurde zu so einem Eckpfeiler. Er hat eine lange Anlaufzeit gebraucht, um auf den Markt zu kommen und polarisierte ungemein. Viele Leute sagten: "Der ist aber hässlich, und darauf kann man nicht richtig sitzen."
Ist der Name Grcic nicht schon zu einem Klassiker geworden?
Mein Stellenwert in der Designgeschichte interessiert mich eigentlich nicht, das müssen andere entscheiden. Um es profan auszudrücken, es gibt einen gewissen Büroalltag von Projekten und darin bestimmte Problemstellungen. Ich durchlebe eher Phasen, eine gewisse Tagesform, ein gutes oder schlechtes Jahr und Interessen, die über bestimmte Projekte wandern. Das kennt man ja auch von Autoren aus anderen Bereichen wie der Literatur, der Kunst, der Musik.
Man sieht Sie oft auf Kunstausstellungen.
Bildende Kunst hat mich immer sehr interessiert. Allerdings bleibe ich am Schluss eindeutig Industriedesigner und arbeite für einen kommerziellen Kontext, den ich auch schätze. Ein Stuhl muss am Ende eine gewisse Lesbarkeit haben, darf nicht zu intellektuell, zu rätselhaft sein.
Was hat Sie in frühen Jahren an Design beeinflusst?
Am Anfang steht vermutlich das Elternhaus. Bei uns gab es immer schon ein Zusammenspiel von Antiquitäten und Siebziger-Jahre-Design – vor allem italienische Plastikmöbel. Dadurch wurde eine Selbstverständlichkeit geprägt, dass Altes und Neues sehr gut zusammenleben können. Dinge, die für uns heute Antiquitäten sind, waren zu ihrer Zeit vermutlich bahnbrechend und revoultionär. Design hat unheimlich viel mit Evolution zu tun. Manchmal denken Leute, Designer seien Erfinder. Das sind wir eigentlich nicht!
Sondern?
Design hat sehr viel mit dem Weiterdenken von Gegenständen und Formen zu tun. Es reicht nur insofern in die Zukunft, als man etwas bereits Existierendes fortentwickelt. Die meisten Möbel werden in ihrer Typologie ja nicht völlig umgedacht, sondern optimiert: Ein Stuhl hat eine Sitzfläche, eine Rückenlehne, meistens vier Beine, manchmal auch nur drei oder eine Mittelsäule. Und es gibt Freischwinger, aber das sind im Grunde nur kleine Abweichungen.
29 / 05 / 2008
1 Leserkommentar vorhanden
graustich
22:53
15 / 11 / 11 //
beste designer?
würden uns freuen wenn ihr an unserer umfrage zum besten designer teilnimmt: https://www.facebook.com/graustich - Danke.
