23 / 05 / 2008
Gebrüder Bouroullec
Prototypen – Junges Design
INGENIEURE DES FLÜCHTIGEN
Ehrlich gesagt: Das, was Erwan Bouroullec jetzt gerade erzählt, ist nicht wirklich originell. "Die Funktion kommt zuerst", "Luxus heißt für mich, viel leeren Raum zu haben" – was Designer eben so sagen. Erwan rührt in seinem schwarzen Espresso, sein älterer Bruder Ronan ist nebenan in einen Rechner vertieft. Jetzt fehlt eigentlich nur noch der obligatorische Hinweis auf das Material, und wie wichtig es für den Entwurfsprozess sei.
Erwan schaut aus dem Fenster, seine Augen verfolgen jemanden, der im Hinterhof dieses ehemaligen Pariser Fabrikkomplexes vorbeiläuft. "Im Grunde folgen wir beim Entwerfen nur dem Material, es führt uns auf den Weg." Vielen Dank! Man könnte gleich am Anfang resignieren, fände dieses Interview nicht an einem Ort statt, den viele als Zukunftslabor des Interiour-Designs ansehen.
Seit vor rund zehn Jahren der Mailänder Fabrikant Giulio Cappellini das bretonische Brüderpaar entdeckte, mehrt sich dessen Ruhm von Möbelmesse zu Möbelmesse. "Warst du schon bei den Bouroullecs?", raunen sich Besucher dann ehrfürchtig zu – ganz so, als hätten sie gerade das Orakel von Mailand befragt. Von Cappellini bis Vitra, von Habitat bis Authentics haben die führenden Designfirmen in Europa mindestens ein Objekt der Gebrüder im Programm. Niemand will den Anschluss verpassen, wenn es darum geht, wie wir morgen sitzen, liegen, schlafen, baden.
Die beiden könnten auch ein Komikerduo sein
Die Bouroullecs. Zwei schmale Männer, der ältere ein bisschen kleiner und ein bisschen grauer. Sie könnten ein Komikerduo sein mit ihren großen fragenden Augen, Mister Bean, verdoppelt auf zwei Personen. Es ist auch schön, sie sich als Mitglieder einer Britpopgruppe vorzustellen, vielleicht Bassist und Sänger: Beide tragen Dreitagebärte und wecken mit ihrer hübschen Verschlurftheit bei Frauen garantiert Muttergefühle. Erwan ist 31, Ronan 36 – zwei Jungs, die Gott im bretonischen Örtchen Quimper ausgewählt hat mit den Worten: Ihr sollt das Möbeldesign ins 21. Jahrhundert führen.
Sie selbst würden niemals so reden, nicht einmal ironisch. Erwan, Sprecher der beiden, strotzt geradezu vor Bescheidenheit, erzählt von "guter Resonanz" (sprich weltweitem Erfolg) oder "unseren Bemühungen" (sprich Designklassikern von morgen). Natürlich wirkt diese leise Art sympathisch und unterstreicht die Tatsache, dass zum cäsarisch-großspurigen Superstar des französischen Designs, Philippe Starck, weder ästhetische noch mentale Verbindungen bestehen. Wer dem Zauber der Bouroullec-Welt auf die Spur kommen will, entdeckt bei genauem Hinhören im Gespräch kurz aufleuchtende Stichworte; etwa wenn Erwan davon spricht, bei ihrer Arbeit sei ein starker Sinn für Romantik im Spiel, oder wenn er zugibt: "Der Prozess des Entwerfens ist schwer zu beschreiben, weil vieles unbewusst abläuft."
Die Entwürfe der Bouroullecs wirken, wie ihre Urheber, zunächst unscheinbar. Allenfalls fällt ihre zurückhaltende Fremdartigkeit auf, die erst beim zweiten Blick verschwindet. "Lit clos" aus dem Jahr 2000 etwa sieht aus wie ein überdimensionierter Vogelkäfig, ist aber eine Mischung aus Hochbett und Schlafzimmer, filigran wie ein japanisches Teezimmer, mit Schiebetür und kleiner Leiter. Das Schlafen wird buchstäblich erhoben. Das "Audiolab" von 2002 wirkt zunächst wie eine Versammlung monumentaler Heizpilze, die aber merkwürdigerweise im Innenraum stehen – in diese sind Lautsprecher eingebaut, aus denen Musik dringt. Eines der schönsten Objekte ist jene "Vase" aus dem Jahr 2001, die aussieht wie ein Aquarium; das Wasser wird mit einem Schlauch auf den Beckenboden geleitet, und die Blume scheint eine Art Bildschirm für sich allein zu haben.
23 / 05 / 2008
