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Möbeldesign

Antike Materialien, modernstes Design
Kleiderschrank für Märchenprinzessinnen: Tord Boontje, "Fig Leaf" (© META)

ANTIKE MATERIALIEN, MODERNSTES DESIGN

Auf den Möbelmessen in Mailand und New York sorgte das Debüt des Designlabels Meta für Aufsehen: Jedes einzelne Möbel der Kollektion ist eine Kurzgeschichte wert.
// CAMILLA PÉUS

Wenn eine Gruppe älterer Herren in London zusammensitzt, Bier trinkt und Zukunftspläne schmiedet, kommt lange nicht immer etwas Produktives dabei heraus. Handelt es sich dabei allerdings um die Direktoren des 1865 gegründeten Antiquitäten-Imperiums Mallett, steigt die Wahrscheinlichkeit doch beachtlich, dass beim dritten Pint die guten Ideen sprudeln.

Bisher verkauften die Gentlemen in hocheleganten Läden in der Londoner Bond Street und an der New Yorker Madison Avenue äußerst erfolgreich kostbare Möbel des 18. Jahrhunderts an Museen und Sammler. Jetzt steckten die Firmenchefs die Köpfe zusammen, um sich auch die Gewinne zu sichern, die derzeit mit jungem Design einzufangen sind. Ihre Strategie: aussterbende Materialien und Handwerkskünste mit den Visionen junger Designer zu kombinieren. Sie trugen Muster seltener, teilweise in Vergessenheit geratener Metalle und Hölzer zusammen, kontaktierten Experten und luden einige der weltweit erfolgreichsten Gestalter, darunter das amerikanische Architektenduo Asymptote, die Briten Edward Barber & Jay Osgerby, Tord Boontje, Matali Crasset und Rod und Ali Wales von Wales & Wales, zum Brainstormen ein.

Aus dem Tages-Meeting wurde ein Wochen-Workshop. Und als die ersten Entwürfe skizziert waren, lieferten die Herren von Mallett Kontakte zu 50 der besten Manufakturen weltweit. Die Kollektion, die jetzt erstmals nach drei Jahren Tüftelarbeit auf der Mailänder Möbelmesse und der ICFF in New York vorgestellt wurde, verblüfft mit neuartigen Proportionen, aufwändigen Techniken und ungewöhnlichen Materialien.

Die Französin Matali Crasset konstruierte eine überdimensionale Laterne aus mundgeblasenem venezianischem Glas und einem diamantenförmigen Gerüst aus "Paktong". Das Metall wurde einst zum Prägen chinesischer Mützen verwendet. Mit der Nachhilfe von NASA-Wissenschaftlern und der Forschungsgruppe für archäologische Materialien an der Oxford Universität wurde der Herstellungsprozess des Metalls reaktiviert, das bei Tageslicht gold- und in der Dämmerung silberfarben schimmert und – nicht anläuft. Schwierig war die Wiederherstellung des Materials vor allem deshalb, weil die chinesische Originalmixtur ungesunde Dosen Arsen enthielt.

Auch Hani Rashid und Lise Anne Couture, die futuristisch denkenden Gründer von Asymptote, begaben sich auf unbekanntes Terrain: Sie formten einen Tisch, der an eine graue Gebirgslandschaft erinnert, auf die sich eine transluzide Nebeldecke legt. Die metallene Topografie mit Tälern und Bergen ist aus "Tula"-Stahl, der Nebel aus gewelltem Glas. In der russischen Stadt Tula wurden einst aus dem Metall filigrane Stahlobjekte für Katharina die Große gefertigt. Für Meta wurde es von denselben Handwerkern rekonstruiert, die an der Restaurierung des Kreml beteiligt waren.

An die Zeiten, in denen Handwerker sich gegenseitig zu übertrumpfen versuchten, um die Aufmerksamkeit adliger Auftraggeber zu gewinnen, erinnert der Entwurf von Tord Boontje. Die Möbelkreation des niederländischen Avantgarde-Designers erregte derartiges Aufsehen, dass sich die New York Times die Bildrechte bis zum Launch in New York weltweit sicherte. Boontje baute einen Kleiderschrank wie Märchenprinzessinnen sich ihn wünschen würden: umrankt von 616 handbemalten Feigenblättern aus Emaille, durchdrungen von bronzenen Zweigen zum Aufhängen der Abendrobe und ausstaffiert mit feinster Gainsborough-Seide, das ganze zusammengesetzt von fünf Paar Händen in einem staubfreien Raum auf dem Anwesen des britischen Herzogs von Sutherland. "Mallett hat erkannt, dass ihr Wissensschatz über antike Materialien, alte Techniken und Herstellungsmethoden auch auf modernes Design anwendbar ist", sagt Metas Kreativdirektorin Louise-Anne Comeau.

Wer sich also das grüne Feigenlaub-Kabinett in die Wohnung stellen möchte, der muss etwa eine halbe Million Dollar ausgeben. Und nicht lange zögern. Denn produziert werden alle Meta-Produkte nur auf Bestellung – und es wird kaum möglich sein, mehr als drei Feigenblatt-Schränke pro Jahr zu fertigen.

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