Nordisches Design

Berlin

Pneumatisches Gerät und samtene Roben
Das schwedische Designer-Trio Front für Moooi: "Pferde-Lampe [Horse lamp]" aus der Reihe "Animal Thing" (© Front / Moooi)

PNEUMATISCHES GERÄT UND SAMTENE ROBEN

Ein Hybrid aus Zylinder und Melone oder doch lieber Schmuck mit feinmechanischen Details – die Preisträger des begehrten, skandinavischen Torsten-und-Wanja-Söderberg-Preises für Design beweisen im Felleshus in Berlin, dass ihnen das Spiel mit Traditionen und verschiedenen Diszipinen liegt.
// BIRGIT SONNA

Was für eine herrliche Fußbekleidung! Mit diesen dünnen hölzernen Galoschen kann der Trendsetter in urbanen Gefilden einigermaßen bedenkenlos sowohl Matsch als auch Unrat durchqueren. Notfalls lassen sich die Dinger aber auch zur Kaschierung von unpassend spießigem Schuhwerk blitzschnell an Vernissageabenden überstreifen.

Minutenlang stehen wir im Felleshus der Nordischen Botschaften staunend vor den kuriosen Überziehern, die mit ihrer wie frisch von einem Baumstamm gehobelten Lasche und monochrom mit Lackfarbe bemalten Kappe etwas von einer Kreuzung zwischen bäuerlich-krudem Handwerk und modernistischer Kunst an sich haben. Mehrere Schuhkombinationen mit diesen eigenwilligen Galoschen finden sich im Berliner Felleshus auf einem grau gestrichenen, aus einfachen Holzlatten geschreinerten Tisch wieder. Überhaupt wartet Designer Vibskov hier mit einer ganzen Reihe originell re-interpretierter, altmodischer Accessoires auf, etwa einem Hybrid aus Zylinder und Melone für die wagemutigeren Hutträger unter den Männern. Das gesamte Mode-Interior-Ensemble des dänischen Designers ist von farbfröhlichen, nordischen Mustern durchsetzt, allerdings sind diese genauer betrachtet in eine stark grafisch-avantgardistische Richtung entzerrt.

Henrik Vibskov ist einer der fünf, in den letzten Jahren mit dem begehrten Torsten-und-Wanja-Söderberg-Preis ausgezeichneten Designern der Nordischen Länder, die noch bis Anfang September im Felleshus in Berlin vorgestellt werden. Für all jene, die sich nicht täglich mit den Newcomern der Mode- und Designwelt beschäftigen, stellt der multiversierte 43-jährige Künstler mit eigenem Modelabel bestimmt die herausragendste Entdeckung dieser dichten Schau dar. Nicht von ungefähr ist Vibskov mit seiner Männerkollektion mittlerweile im offiziellen Schauenplan der Pariser Fashion Week vertreten. Für seinen Auftritt in Berlin hat er ein launig-simples Corporate Design mit sich auf grauem Grund fortpflanzenden, roten Farbbalken gewählt. Sein dadurch abgegrenztes Spielfeld wird von großen aufblasbaren Luftsäcken flankiert. Und dass der dänische Modeschöpfer ein ebenso begabter wie bizarrer Surfer zwischen Design, Bühnenbild, Musik und Kunst ist, zeigt ein Video zu seinen flamboyanten Modeschauen, die stark installativen und performativen Charakter haben. Ganz nebenbei ist er auch noch Drummer der Band Trentemøller.

Zugegeben, vor der signifikanten Schaubuden-Einlassung des Dänen verblassen die anderen vier Beiträge, die ebenfalls mit dem 115 000 Euro dotierten Preis ausgezeichnet wurden. Die Industriedesigngruppe Front aus Schweden hat sich um die Kollaboration mit Handwerkern, Industrieproduzenten, Historikern, ja sogar veritablen Zauberern verdient gemacht, und der Finne Harri Koskinen arbeitet weiter an den eher klassischmodernen Schlichtheitskoordinaten nordischer Formgebung. Schmuckdesigner Sigurd Bronger besticht durch seine witzigen, oft mit feinmechanischem und pneumatischem Gerät verbundenen Einfälle. Aber sobald man die von Jungsträumen geschürten Pointen erkannt hat, verschwindet dummerweise auch ein wenig das Interesse an den stark in den Design-Gimmicks der Neunziger verwurzelten Objekten.

Von der Modedesignerin Steinunn Sigurðardóttir aus Island hat man zwar schon zeitgemäß Luftigeres als den hier in Samt und Schwarz und Gesmoktem vorgetragenen Witwenmuff gesehen, aber der Preis gebührt der Coutourier-Artistin dennoch. Wer schon einmal in ihrem Studio in Reykjavik war, weiß, dass sie weitaus Raffinierteres als vorhangschwere, bodenlange Roben im Trauerlook anzubieten hat. Komplizierte Schnitte, subtil Geschichtetes und Gerafftes aus Taft, Schleier, Organza und Applikationen aus Federn führen bei ihr sonst eher in ätherische Märchengefilde.

Schillernde Vielseitigkeit und Multidisziplinarität scheint überhaupt das faszinierendste Charakteristikum des "New Nordic Movement" im Design des 21. Jahrhunderts zu sein. Verpassen sollte man die Design-Ausstellung deshalb weder als Profi noch als Laie der Materie. Anfang September finden in der ohnehin stimmungshebenden Architektur des Felleshus im Tiergarten zudem ein Nordisches Kunstfest und eine Fachtagung für Design statt.

Nordic Design Today

bis 2. September, Berlin, Felleshus der Nordischen Botschaften; Nordisches Kunstfest am 1. September; Design-Experience-Day mit Vorträgen nordischer Designer für das Fachpublikum am 2. September

http://www.nordischebotschaften.org

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