Peter Saville

Interview

"Niemand wusste, wie man etwas richtig machte – das war fabelhaft"
"Wenn man Grafikdesignern sagt: 'Mach was Du willst', tendieren sie dazu, Kalender oder Alphabete zu produzieren. Die wissen einfach nicht, was Sie tun sollen, wenn man ihnen keine Botschaft gibt", sagt Peter Saville. (In: Peter Saville, Estate, JRP | Ringier, Zürich, 2008)

"NIEMAND WUSSTE, WIE MAN ETWAS RICHTIG MACHTE – DAS WAR FABELHAFT"

1978 gestaltete Peter Saville sein erstes Plakat für einen Clubabend in Manchester – heute gehört der britische Grafikdesigner längst zu den Kultfiguren der jüngeren Designgeschichte. Als Mitbegründer von Factory-Records verlieh der 1955 geborene Brite der englischen Post-Punk-Szene ihre kühle Corporate Identity. Heute arbeitet er als Berater für verschiedene Unternehmen. Mit dem kürzlich erschienen Katalogbuch "Estate" liegt nun eine erste Retrospektive des Designers vor. Die art-Autoren Sandra Bartoli und Kito Nedo trafen Saville in Berlin und sprachen über die Post-Punk-Szene, seine Liebe zur Geometrie und die Ästhetik des Zufalls.
// KITO NEDO, SANDRA BARTOLI

Herr Saville, Ihre Designarbeiten für Bands wie Joy Division, New Order und deren Label Factory aus den achtziger Jahren gelten als moderne Klassiker der Pop-Grafik. Woraus bezogen sie ihre Inspiration?

Peter Saville: Auf dem College entdeckte ich den Kanon der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Ich war ziemlich enttäuscht, als ich anfing zu erkennen, wie viele Lösungen und Ideen bereits für das Dasein in der Moderne erdacht worden waren. Man schaut aus dem Fenster und denkt: Warum ist das alles nicht passiert? Warum ist unser alltägliches Erleben so beschränkt und unbefriedigend, wenn es doch längst Vorschläge gibt, diesen Zustand zu ändern? Wir fangen ja gerade erst an, das Bauhaus zu begreifen. Die deutsche oder die amerikanische Erfahrung mag anders aussehen, meine Erfahrung war jedoch nun mal die der ehemaligen Industriestädte Nordenglands. Die waren nicht gerade prächtig und sind es immer noch nicht.

Pop bot da einen Ausweg?

Ich war unzufrieden mit dem Alltag und glaubte, dass ich eine stärkende Ästhetik hineinbringen könnte. Die komplett unkommerzielle und unhierarchische Umgebung von Factory Records erlaubte mir, genau das zu tun. Durch das Label hatte ich die Gelegenheit, diese Referenzen zu zitieren und diese Dinge in unseren Alltag zu transportieren.

Factory war kein kommerzielles Unternehmen?

Ich sage bewußt unkommerziell statt nichtkommerziell. Es gab natürlich Leute, die Geld verdienen mussten. Aber Tony Wilson, die treibende Kraft hinter Factory, hatte einen regulären Vollzeitjob, er arbeitete beim Fernsehen und hatte ein festes Einkommen. Für Tony war es eine idealistische Unternehmung. Diesen Geist atmete alles, was wir taten. Gleich nach der Universität war Tony beim Fernsehen gelandet, er hatte also eigentlich keinerlei Erfahrungen als Geschäftsmann. Er war nie Teil der Musikindustrie gewesen. Wir denken, wir wissen Bescheid über Musik, Magazine oder über das Internet, aber das stimmt nicht. Man weiß ja erst Bescheid, wenn man all diese Dinge selber macht. Auch die Leute, die in den Factory-Bands spielten, hatten ihre Tagesjobs und machten ihre Musik in der Nacht. Niemand wusste, wie man etwas richtig machte, auch nicht ob etwas falsch war. Das war fabelhaft. Jeder trug seinen Teil so bei, wie er ihn eben beitragen wollte. In meinem Fall hieß das: Ich war in der Lage, die Produkte in einer für mich interessanten Ästhetik zu präsentieren. Ich machte das, was mir gefiel.

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