Pretty Ugly

Design



KLASSISCH-MODERN GEHT ANDERS

Der Gestalten-Verlag veröffentlicht mit "Pretty Ugly" das erste Manifest für das zeitgenössische Anti-Design
// KITO NEDO, BERLIN

Ohne Humor geht es nicht. Das wusste schon der Hegel-Schüler Karl Rosenkranz, der einst in seiner "Ästhetik des Hässlichen" schrieb, das Hässliche könne "nur begriffen werden als die Mitte zwischen dem Schönen und dem Komischen."

Das Komische, so Rosenkranz, sei ohne ein bisschen Hässlichkeit einfach nicht zu haben. Deshalb ist Pretty Ugly in erster Linie ein sehr lustiges Buch. Irgendwo zwischen Gestalter-Manifest und Coffeetable-Buch, wird das Anti-Perfekte zur hohen Kunst der Gestaltung erklärt. Entgegen einer weit verbreiten Meinung vertreten die Herausgeber Martin Lorenz und Lupi Asensio die Ansicht, dass es gar nicht so einfach ist, etwas wirklich Hässliches zu produzieren. Zumindest etwas so Hässliches, dass es schon wieder gut ist.

Ginge es nach Lorenz und Asensio, sollte man zweimal hinsehen, bevor etwas voreilig in die Tonne getreten wird. Denn im gestalterischen Scheitern, dem Mix von Analog und Digital oder dem Verwenden von profanen Materialien sehen Lorenz und Asensio vor allem Chancen: Wem es gelingt, all das, was weithin nicht gemocht und für falsch gehalten werde, für die eigene Praxis produktiv zu machen, der landet am Ende bei authentischem, menschlichen Design.

Das Blättern in der 200-Seiten-Publikation mit untergelegtem Sprühfarben-Raster zeigt: Um eine ästhetische Randbewegung handelt es sich offensichtlich nicht. Gezeigt werden etwa Layouts für das Männermagazin "Horst" von Mirko Borsche, der in München ein erfolgreiches Grafikbüro betreibt, zu dessen Kunden etwa auch BMW, der "Zeit"-Verlag oder das Bayerische Staatsballett zählen. Gut im Geschäft ist auch der in Paris arbeitende Produktdesigner Robert Stadtler, der schon mit Dior oder Thonet zusammenarbeitete. Das ebenfalls im Buch vertretene Büro Vier5, das seit Anfang der Nullerjahre von Marco Fiedler und Achim Reichert in Paris betrieben wird, ist besonders im Museumsbereich aktiv – ihre Krakelschriften wurden schon 2007 für das Leitsystem der documenta 12 verwendet.

Im selben Jahr liegen wohl auch die Anfänge für jene Design-Tendenzen, die hier unter dem griffigen Label "Pretty Ugly" zusammengefasst werden. Und die Quellen, aus denen sich diese aktuelle Design-Auffassung speist, sind vielfältig. Da war etwa das in der Clubkultur grassierende 90er-Rave-Revival, das 2006/2007 seinen Höhepunkt erreichte: Für eine kurze Zeit berauschte sich die Techno-Szene (vor allem in England) an ihrer eigenen Historizität und packte nochmal die schrillen Lichtstäbe und Neon-Sachen von früher aus. Dieser Verstrahlten-Ansatz schwappte auch in den Printsektor: In seiner völlig überladenen Machart sah das Londoner New-Rave Zentralorgan "SuperSuper" tatsächlich so aus, als hätte jemand die Zeit zu den Tagen zurückgedreht, als Jürgen Laarmann und sein Chefgestalter Alexander Branczyk in der "Frontpage" den Techno-Zeitgeist definierten. Zentral für "SuperSuper", so erklärte es seinerzeit der Berliner Stilkritiker Jan Joswig, war jedoch vor allem eine Anti-Establishment-Haltung: "Kreischige Modestrecken, zusammengehämmerte Produktplatzierungsseiten, Celeb-Scherze, hochgepitchter Band-Gossip und immer wieder ruppige Freisteller vor farbexplodierten Hintergründen, so sieht die Kampfansage an die elitären Hochglanz-Magazine wie Wallpaper aus."

Hochglanz und elitär – das waren in etwa auch die Attribute, von denen sich das 2008 in Barcelona gegründete, sehr erfolgreiche Interieur-Magazin "apartamento" distanzierte, in dem es das Alltägliche und das Persönliche des Wohnens in den Mittelpunkt der Berichterstattung rückte: Statt sorgfältig arrangierter (und deshalb schrecklich steril wirkenden) Designer-Wohnungen bemüht sich das Magazin zu zeigen, wie Menschen wirklich leben: einschließlich aller Provisorien und Unordnung. "Wenn jede Zeitschrift, jedes Gebäude oder jede Marke oder jedermann versucht, ansprechend auszusehen, irgendwie gleichen Idee von Modernität folgend, wird es interessant in die entgegengesetzte Richtung zu gehen." verteidigte Mike Meiré 2007 das seinerzeit viel diskutierte Redesign des Berliner Kultur- und Modemagazins "032c" mit diagonalen Stretch-Typografien das vielerorts als pure Provokation empfunden wurde. Meiré ging es aber um den Ansatz: "Das Leben bietet verschiedene Arten von Schönheit."

Provokativ eingesetzte Hässlichkeit und die damit verbundene Verletzung der Regeln des "guten Geschmacks" dienten also ab der zweiten Hälfte der Nullerjahre als Mittel, mit dem Durchgesetzten und Etablierten in der Gestaltung zu brechen und sich neu zu positionieren. Im Wunsch nach ästhetischer Progression und etwas Neuem sieht auch Mitherausgeber Lorenz einen der Hauptgründe für die Bewegung. "Mittlerweile" so Lorenz, "ist die Motivation aber oft eine andere. Es geht um transparente Prozesse, den Umgang mit kulturellem Gemeingut, dem Alltäglichen und um das kontextbezogene Gestalten." Pretty Ugly verzichtet auf die Frage, wer eigentlich heute die Kriterien setzt, nach denen sich bestimmen ließe, was guter oder schlechter Geschmack ist. Das Buch zeigt stattdessen einfach, dass diejenigen, die das alltäglichen Chaos, die Desorganisation, Inkorrektheiten, Formlosigkeiten und Asymmetrien nicht als Sackgasse, sondern als Startpunkt für ihre Arbeit begreifen, im Moment womöglich die interessanteren Designer sind.

Pretty Ugly

"Pretty Ugly – Visual Rebellion in Design" ist im Gestalten Verlag erschienen und kostet 35 Euro.

http://shop.gestalten.com

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1 Leserkommentar vorhanden

Jörg Mulchner

14:34

21 / 08 / 12 // 

Camp

Die ehemalige Distinktionskategorie "Camp" ist doch für die internationale Gemeinschaft der Geschmacksborderliner von Kreuzkölln bis Williamsburg heute DAS verbindliche Kriterium. Da es ansonsten keinerlei politische Verbindlichkeiten geschweige denn Handlungsmaximen oder Ideologien mehr gibt wird alles im Feld des Stils ausgehandelt.

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