Interview Infografik

Berlin

Interview mit Sandra Rendgen
Sandra Rendgen widmete sich einem eher unüblichem Thema: Der Informationsgrafik. Bild aus dem Buch "Information Graphics": "Mission(s) to Mars", Projekt: "IEEE Spectrum", Magazin-Artikel, 2009, USA, Design: Bryan Christie, Joe Lertola, Art Direction: Mark Montgomery, Michael Solita (© Foto: Taschen Verlag 2012)

INTERVIEW MIT SANDRA RENDGEN

Medien erklären uns die Welt. Mit dem Aufkommen von Zeitungen und Magazinen trat auch die Informationsgrafik ihren Siegeszug an: Sie soll dem Leser komplexe Zusammenhänge möglichst einprägsam verdeutlichen. Die Berliner Kunsthistorikerin Sandra Rendgen hat sich mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft dieses Bildgenres beschäftigt und legt mit "Information Graphics" einen spannenden Bericht aus der Welt der Statistiken, Listen und Balken- und Torten-Diagramme vor. art traf die Bildwissenschaftlerin in Berlin zum Interview.

// KITO NEDO, BERLIN

art: Am Anfang Ihres Buches stehen die Höhlenbilder von Lascaux. Wollen Sie damit sagen, dass die ältesten bekannten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte Informationsgrafiken waren?

Sandra Rendgen: Natürlich formulieren wir damit eine These. Was in diesen Bildern tatsächlich erzählt wird, das weiß die Forschung bis heute nicht so genau. Wir haben diese Abbildung an den Anfang gestellt, weil wir darin die Anfänge einer Tradition sehen, in Bildern visuelle Informationen zu transportieren. Wir gehen davon aus, dass die Höhlenzeichnungen bestimmte Inhalte über die dargestellten Tiere vermitteln, zum Beispiel wie man sie bei der Jagd erlegen kann.

Sie nennen Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer, die sich zu ihrer Zeit intensiv mit der Anatomie beschäftigen – aus welchen Gründen interessiert sich die Kunst heute noch für Informationsgrafik?

Dafür gibt es sicher verschiedene Motive. Gegenwärtig greifen viele Gestalter Informationsgrafiken auf, weil sie darin eine effiziente Kommunikationsform sehen, die einen sachlichen Gestus mit sich bringt. Informationsgrafiken transportieren häufig den "wissenschaftlichen" Anspruch, die Dinge so darzustellen, wie sie wirklich sind.

Verschiedene Künstler greifen das auf und drehen es um – im Sinne einer scheinbaren, nicht ganz ernst gemeinten Information. Ein Beispiel hierfür ist die Arbeit "Earthquakes and Wars" von John O'Connor. Der Künstler stellt in einer Zeichnung Daten von Erdbeben und Kriegen einander gegenüber, obwohl diese Dinge in keinem sinnvollen Zusammenhang stehen. Aus Daten und Balken entsteht hier eine freie Form.

Das von Ihnen herausgegebene Buch wirkt wie ein Archiv – ist die Informationsgrafik an ihr Ende gekommen, ein Fall für Retrospektiven?

Diesen Eindruck wollen wir ganz und gar nicht erwecken! Im Gegenteil: In den nächsten Jahren dürfte sich da noch sehr viel Neues entwickeln. Bei diesem Buch handelt es sich um eine Bestandsaufnahme dessen, was in den letzten zehn Jahren passiert ist. Seit der Jahrtausendwende ist das Interesse an Informationsgrafiken sehr gestiegen. Das liegt unter anderem an der weiten Verbreitung von Computern und dem schnellen Wachstum des Internet während des letzten Jahrzehnts. Das Bedürfnis nach Informationsvisualisierung wird auf jeden Fall weiter zunehmen. In dieser Entwicklung stehen wir eher am Anfang. Mit unserem Buch wollen wir Infografiken für ein breites Publikum zugänglich machen und darauf hinweisen, dass dieser Bereich wächst und zunehmend in den Fokus von Grafikdesignern und Künstlern gerät.

Was kann man als Grafiker für die Arbeit heute lernen, wenn man sich mit den alten Grafiken beschäftigt?

Im 18. und 19. Jahrhundert haben sich nur kleine Kreise mit dem Thema befasst, zumeist Wissenschaftler, die sehr geübt waren im Umgang mit Daten. Sie kannten die Standards, nach denen man Statistiken in grafische Darstellungen umsetzt. Jetzt haben viele Leute die Werkzeuge für die Erstellung einer Grafik auf ihrem Computer, die Vertrautheit mit den Standards der korrekten grafischen Umsetzung ist jedoch nicht im gleichen Maße mitgewachsen. Insofern kann man auf jeden Fall von den alten Grafiken lernen. Ich denke zum Beispiel an das berühmte "Polar-Area-Diagramm", das Florence Nightingale im 19. Jahrhundert entwickelte. Die Darstellung in der Kreisform wurde immer wieder kritisiert, da sie dazu führt, dass die Außenflächen sehr viel größer wirken, als sie eigentlich statistisch sein sollten. Solche Kritik muss man sich vergegenwärtigen – die Umsetzung von Zahlen in visuelle Flächen sollte geübt sein. Dazu gehört auch eine gewisse Strenge im Umgang mit den Daten.

Je mehr Daten existieren, desto komplexer erscheint die Welt. Ist da der Wunsch nach Übersicht – wie er sich in der Informationsgrafik ausdrückt – nicht sehr hoffnungslos?

Ich glaube, dass das Gefühl von Komplexität im Moment besonders vorherrschend ist. Wir sind Zeugen einer extremen Veränderung der Welt durch die digitalen Medien. Auch wenn das banal klingt: Das ist ein massiver Umbruch, der uns alle betrifft und der sehr viel Verunsicherung schafft. Irgendwann wird sich das jedoch ändern: Wir werden uns daran gewöhnen, Zugang zu so vielen Informationen und Daten zu haben und das Komplexitätsgefühl wird weichen. Insofern sehe ich die Informationsgrafiken in diesem Prozess als Versuch, die Datenflut mittels Visualisierungen zu begreifbar zu machen und zu bändigen.

Stichpunkt PowerPoint – Fluch oder Segen?

PowerPoint ist sicher ein Segen. Aber man muss den Umgang damit beherrschen. Jeder der damit beginnt, statistische Zahlen visuell umsetzen zu wollen, wird schnell merken, wieviel analytisches Denken man dafür aufwenden muss. Die Übertragung von statistischen Zahlen in Grafiken erfordert Training. Da viele PowerPoint-Nutzer im Umgang mit Statistiken nicht so geübt sind, haben wir alle in unserem Berufsumfeld leider schon viele schlecht aufbereitete Präsentationen gesehen.

Sie sagen "Informationsgrafiken sollen erklären, wie die Dinge wirklich sind." Lässt sich dieser Anspruch wirklich überall durchsetzen?

Ursprünglich kommen statistische Grafiken aus dem wissenschaftlichen Bereich, wo sie dazu dienen, sehr komplexe Zahlen darzustellen. Daher kommt dieser Gestus des "sachlich Richtigen". Im Moment erleben wir die Ausdifferenzierung dieses Mediums in eine große Vielfalt. Neue Formate werden sich herausbilden. In Zukunft wird es weiterhin Visualisierungen geben, die sachlich richtig sein sollen und müssen – etwa wenn es um politische oder naturwissenschaftliche Zusammenhänge geht. In anderen Bereichen wird man sich vielleicht eher spielerisch und experimentell auf Daten beziehen.

Anfang der Siebziger montierte die Nasa an ihre Raumsonden die sogenannten Pioneer-Plaketten mit schematischen Abbildungen. Damit sollten etwaige intelligente außerirdische Lebensformen über die Existenz der Menschheit und ihre Position im Universum informiert werden. Kritiker bemängelten jedoch deren schwere Verständlichkeit – sowohl für Menschen als auch für Außerirdische. Inwieweit wird da noch geforscht?

Natürlich finde ich die Vorstellung einer universellen Kommunikation wunderbar. Ich finde es gut, wenn Infografiken den Anspruch verfolgen, möglichst einfach und für jedermann lesbar zu sein. Die Frage bleibt jedoch aktuell, inwieweit Bilder im Allgemeinen und Infografiken im Besonderen überhaupt universell verständlich sind. Ich bin da skeptisch – ich glaube, dass die Art, wie wir Grafiken "lesen", immer durch unseren kulturellen Hintergrund geprägt ist. Das fängt schon bei unterschiedlichen Leserichtungen in verschiedenen Kulturen an. Selbst solche einfachen Sachen darf man nicht unterschätzen, wenn es um die Verständlichkeit von Bildern und Grafiken geht.

Die große Demokratisierung von Information kam mit den gedruckten Medien. Was wird aus der Informationsgrafik, wenn es die Zeitung nicht mehr gibt und alle Magazine verschwunden sind?

Nach meiner Wahrnehmung sind Informationsgrafiken nicht an das gedruckte Medium gebunden. Im Gegenteil, gerade in den digitalen Medien leben sie sehr stark auf. Für interaktive Nutzeroberflächen und digitale Datenbanken ist die visuelle Aufbereitung von Informationen sogar noch viel relevanter als im gedruckten Buch. Im übrigen dürfte das Internet auf lange Sicht einen weiteren deutlichen Demokratisierungsschub bewirken.

Information Graphics

Das reich bebilderte Buch "Information Graphics", verfaßt von Sandra Rendgen und herausgegeben von Julius Wiedemann hat 480 Seiten und ist im Kölner Taschen Verlag erschienen. Es kostet 49,99 Euro.

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1 Leserkommentar vorhanden

Jens Kaufmann Marketing & Design

14:36

31 / 08 / 12 // 

Super

Das Buch kann ich nur empfehlen! :) Gruß JKMD www.jkmd.de

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