Bauhaus

London



GROSSER AUFTRITT IN LONDON

"Es wird hierzulande zu wenig verstanden", bemerkte Phillipp Oswalt, Direktor der Stiftung Bauhaus, kürzlich im Gespräch mit einer Nachrichtenagentur, "welche Wertschätzung und welche Bedeutung das Bauhaus im Ausland hat." Eine umfassende Schau in der Londoner Barbican Art Gallery gibt ihm Recht. Mehr als zwei Drittel der 400 Exponate stammen aus deutschen Archivbeständen.
// HANS PIETSCH, LONDON

Man kann sich eigentlich keinen passenderen Ausstellungsort für eine Schau über das Bauhaus vorstellen als die Galerie im Barbican. Der in den Sechzigern entstandene gewaltige Apartmentkomplex ist, was auf Bauhaus-Prinzipien fußende moderne Architektur sein sollte: selbstbewusst und optimistisch. Von vielen wegen seiner Beton-Brutalität gehasst, von den Bewohnern geliebt.

Die Schau in der mit Sichtbeton ausgekleideten, zweistöckigen Galerie ist ein Modell an Klarheit. Grob chronologisch werden die drei Phasen des Bauhauses dargestellt, von den Anfängen nach 1919 in Weimar, wo man versuchte, Ideen des vergangenen Jahrhunderts über Handwerk und Technologie ins nächste hinüberzuretten, über die Blütezeit in Dessau in dem von Gründungsdirektor Walter Gropius entworfenen Gebäude, bis zu den letzten, politisch chaotischen Jahren in Dessau und Berlin. Lehrer wie der verrückte Johannes Itten, der seinen Unterricht immer mit Leibesübungen begann, große Namen wie Paul Klee, László Moholy-Nagy, Ludwig Mies van der Rohe und Gropius selbst mögen unterschiedliche Unterrichtsmethoden verwendet haben, gemeinsam war allen der Wille, Kunst, Handwerk und Architektur unter ein Dach zu bringen und ästhetische, aber sozial nützliche Gegenstände zu entwerfen, die mit den modernsten Fertigungsmethoden hergestellt werden konnten.

Der Untertitel der Schau – "Kunst als Leben" – sagt es schon. Ihr geht es nicht nur um die rationale Ästhetik des Bauhaus, sondern auch um dessen Reichtum und Vielfalt. Dadaisten und Konstruktivisten, harte Geometrie und Expressionismus, Fotomontage und auch Humor und Ausgelassenheit der Bauhäusler kommen nicht zu kurz. Paul Klees für seinen Sohn Felix gefertigte Handpuppen – der großohrige Clown ist ein Porträt des Malers und Lehrers Oskar Schlemmer – werden ebenso wichtig genommen wie Marcel Breuers Stühle aus Edelstahl und immer wieder Fotos von ausgelassenen Festen, mit selbstgebastelten Kostümen und einer Modelleisenbahn.

Das Institut mit seiner Mischung aus Ernsthaftigkeit und Spiel, Innovation und Politik, seinen charismatischen Lehrern und Studenten voller Lernwillen und Lebenslust kann bis heute als ein Modell für Kunstschulen gelten. Was in der Kunsterziehung allerorts gang und gäbe ist – der Mangel an gemeinsamen Zielen, alles erstickende Bürokratie, Utopieferne und Geldgier – schien es im Bauhaus nicht zu geben. Das wird gerade hier in London verstanden. Das Royal College of Art in den Fünfzigern, die Hornsey School of Art in den Sechzigern und das Goldsmith College in den letzten 15 Jahren waren alle auf ihre Art dem Geist des Bauhaus verbunden. Heute ist das leider Vergangenheit.

Ein bisschen enttäuschend ist, dass die Stellung der Studentinnen, ausser in einem informativen Essay im Katalog, nicht ausreichend klar gemacht wird. Die meisten, und es waren nicht wenige, waren in die Werkstätten für die traditionellen weibliche Handwerke wie Weberei oder Textilarbeiten verbannt. Dass sie dort Großes leisteten, zeigen etwa Gunta Stölzls gewebte abstrakte Wandteppiche. Wenn es einer wie Marianne Brand gelang auszubrechen, brauchten sie dazu einen – männlichen – Mentor. Die Designerin bewies, dass sie den Kollegen zumindest ebenbürtig war, ihre silbernen Teekannen und metallenen Lampen sind Designklassiker, einige werden auch heute noch hergestellt.

Das Schicksal der Talentschmiede ist bekannt. Wassily Kandinskys im letzten Raum hängendes "Entwicklung in Braun" (1933) signalisiert prophetisch das Ende. Die dunklen Farbfelder an den Seiten des abstrakten Gemäldes beschwören dunkle Zeiten herauf. Subventionskürzungen zwangen im August 1932 zur Schließung in Dessau, im Oktober zog man für kurze Zeit nach Berlin, doch im Juli 1933 kam wegen der wachsenden Feindschaft der Nationalsozialisten das endgültige Aus. Das weiße Innere von Kandinskys Gemälde wiederum, mit seiner Pyramide nach oben strebender Dreiecke, man könnte es als Hoffnung auf eine positive Zukunft deuten. Eine Hoffnung, die sich zumindest in Teilen auch realisieren konnte, denn der Einfluss der Bauhäusler dauert bis heute an.

Bauhaus – Art As Life

Bis 12. August 2012. Katalog: 32.95 Pfund

http://www.barbican.org.uk

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